> > > Ives, Charles: Symphonie Nr. 1 & 2
Montag, 25. März 2019

Ives, Charles - Symphonie Nr. 1 & 2

Klassische Ausgewogenheit


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andrew Davies und das Melbourne Symphony Orchestra legen eine sympathische Einspielung der ersten beiden Sinfonien von Charles Ives vor.

An Einspielungen der Sinfonien von Charles Ives herrscht, insbesondere von amerikanischer Seite her, kein Mangel. Stellt sich also die Frage, worin das Alleinstellungsmerkmal dieser neuen Produktion von Ives’ ersten beiden Sinfonien mit dem Melbourne Symphony Orchestra unter Leitung von Andrew Davies – erster Teil einer bei Chandos erscheinenden Reihe mit den Ives’schen ‚Orchestral Works‘ – ist. Gleich der Beginn der klanglich exzellenten SACD lässt aufhorchen, denn Davis verleiht der Ersten Sinfonie hier eine geradezu klassisch ausgewogene, in ihrer Erscheinungsweise an Haydn oder den frühen Beethoven gemahnende Klanggestalt: Intim und über weite Strecken hinweg kammermusikalisch arbeitet er im Kopfsatz das Miteinander der Instrumente aus und entfaltet immer wieder eine fast spielerischen Leichtigkeit, die sich auch in anderen Sätzen – insbesondere im Scherzo – wiederfinden lässt.

Gekonnt balanciert der Dirigent die einzelnen musikalischen Abschnitte gegeneinander aus, bringt die Linienführungen innerhalb polyphoner Passagen zum Singen und arbeitet die vom Komponisten in den Verlauf eingeflochtenen Zitate heraus, ohne sie aus dem Kontext herausfallen zu lassen. Ein besonders großes Maß an Zartheit legt er bei der Umsetzung des langsamen Satzes an den Tag: Dessen Beginn mit Englischhorn und gedämpften Streichern – aus der Ferne an das 'Largo' aus Antonín Dvořáks Sinfonie 'Aus der Neuen Welt' erinnernd – formt er zunächst zu einer atmosphärischen Szenerie, um diese dann nach und nach in die getragenen, von Blechbläsern dominierte Abschnitte überzuführen. Nach dem leichtfüßigen, voller polyphoner Melodieschichtungen steckenden Scherzo nutzt Davies das ausgedehnte Finale als Sammelbecken, um die bislang gehörten Stimmungsbilder noch einmal anklingen zu lassen. Diesen Rückblick bindet er zugleich in eine Steigerung ein, die durch mehrmaligen Neuansatz andere Beleuchtungen erfährt und in den mit Zurückhaltung modellierten Choralsplittern der Blechbläser gipfelt.

Weitaus stärker als im früheren Werk ist in Ives Zweiter Sinfonie die Zitatmontage als Kompositionsverfahren präsent. Trotzdem macht Davies nicht den Fehler, die Bruchstücke aus Liedern und Hymnen allzu stark in den Vordergrund zu stellen; vielmehr setzt er auch hier auf einen integrativen Ansatz, der sich das vereinende Melos der einzelnen Sätze zunutze macht und so den großen Bogen des Werkes betont. Indem der Dirigent die einkomponierten Brüche oftmals mit organisch ausgeführten Tempowechseln und Abschnittsbildungen verknüpft, bezieht er sie als wesentliches Mittel zur Erzielung von Spannungen mit Blick auf die dramaturgische Gesamtentwicklung ein. Wie differenziert er dabei vorgeht, machen neben den polyphonen Passagen und den filigranen Streicher- und Hölzbläserabschnitten vor allem das differenzierte 'Adagio' sowie der als Einleitung zum Finale dienende vierte Satz deutlich, wo Davis auf einen fast schon archaisierenden Klang setzt.

Besonders deutlich wird die zielgerichtete Sichtweise des Dirigenten aber, wenn man von Anfang an auf die Phrasen des patriotischen Liedes 'Columbia, the Gem of the Ocean' achtet, die Ives auf unterschiedliche Weise in die Texturen der Einzelsätze eingewoben hat und deren Motivsplitter auch im Verlauf der Sinfonie immer wieder hörbar aufblitzen, bis die Melodie dann schließlich im Finale als Material für eine ebenso jubilierende wie humorvoll überdrehte Schlusssteigerung benutzt wird. Die kunstvolle musikalische Inszenierung dieses überbordenden Schlusses ist der Höhepunkt dieser sympathischen, auf Details bedachten und trotzdem immer den Blick fürs Ganze bewahrenden Aufnahme, mit der Dirigent und Orchester die Messlatte für alle weiteren Teile der Reihe sehr hoch legen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ives, Charles: Symphonie Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
06.03.2015
EAN:

095115515228


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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