> > > Bach, Johann Sebastian: Osteroratorium & Himmelfahrtsoratorium
Samstag, 25. November 2017

Bach, Johann Sebastian - Osteroratorium & Himmelfahrtsoratorium

Gestalterische Elastizität und gesangliche Perfektion


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leichtfüßiger Schwung und warme Timbres beleben mit ausdrucksvoller Gestaltungsfreude das Oster- und das Himmelfahrtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Eine erstklassige Einspielung mit dem Barockorchester Stuttgart unter Frieder Bernius.

Wird der Name Johann Sebastian Bach mit der musikalischen Gattung Oratorium in Verbindung gebracht, denkt man sogleich an dessen Weihnachtsoratorium. Dass der Leipziger Kantor jedoch noch zwei weitere Oratorien – das Osteroratorium BWV 249 und das Himmelfahrtsoratorium BWV 11 – komponiert hat, wird oft vergessen. Denn zu Ostern (bzw. in der vorangehenden Passionszeit) haben sich im deutschsprachigen Konzertbetrieb bevorzugt dessen Passionen nach Matthäus und Johannes etabliert, während die musikalische Umrahmung an Himmelfahrt mit Aufkommen des weltlichen sogenannten Vatertags mittlerweile grundsätzlich an Bedeutung verloren hat.

Es ist daher umso erfreulicher, dass unter der Leitung von Frieder Bernius, dem Barockorchester Stuttgart, dem Kammerchor Stuttgart sowie den Solisten Joanne Lunn, Elisabeth Jansson, David Allsopp, Jan Kobow, Samuel Boden, Gotthold Schwarz und Tobias Berndt eine erstklassige Einspielung von Johann Sebastian Bachs Oster- sowie Himmelfahrtsoratorium auf dem Musikmarkt erschienen ist. Veröffentlicht wurde sie beim Label Carus, teils in Kooperation mit dem Südwestdeutschen Rundfunk, wobei das Osteroratorium bereits 2004 und das Himmelfahrtsoratorium 2014 aufgenommen wurden. Interessanterweise entspricht dies dem zeitlichen Abstand ihrer Entstehung, da Bach das Osteroratorium bereits 1725 komponierte, während das Himmelfahrtsoratorium erst im Kirchenjahr 1734/35 folgte, wie auch das Weihnachtsoratorium.

Kompositorisch bediente sich Johann Sebastian Bach in allen seinen Oratorien der gleichen musikalischen Mittel und formalen Anlage: Einem lobpreisenden Eingangschor bzw. der beschwingten, einleitenden Sinfonia folgen wechselhaft Rezitativ, Arie und Chor. Während in den sechs Teilen des Weihnachtsoratoriums der Chor eine überaus zentrale Rolle einnimmt, konzentriert sich das musikalische Geschehen in den beiden anderen Oratorien vornehmlich auf ausdrucksstarke Arien. Den Abschluss bildet erneut ein imposanter Chor mit Pauken und Trompeten zum Lobe Gottes. Beim Umstand, die beiden unbekannteren Werke schienen viel kürzer zu sein als ihr berühmtes, jedoch sechsteiliges Gegenüber, sollte daran erinnert werden, dass sie zur Zeit ihrer Entstehung innerhalb einer Messe zur Aufführung gelangten, also lediglich Teil eines Gottesdienstes waren und nicht – wie heute üblich – ein abendfüllendes Musikprogramm liefern sollten. Die Vereinigung des Oster- sowie des Himmelfahrtsoratoriums innerhalb einer CD-Produktion ermöglicht es dem Bachliebhaber, eine hervorragende Einspielung dieser absolut hörenswerten Musik des barocken Meisters zu entdecken.

Ein amöbenartiger Orchester-Chor-Organismus

Die vorliegende Produktion überzeugt sowohl auf interpretatorischer als auch auf klangfarblicher Ebene. Besonders beeindruckend ist die überaus flexible musikalische Gestaltungsfreude des auf historische Instrumente zurückgreifenden Barockorchesters Stuttgart, das zudem exakt intoniert. Grundsätzlich gelingt es Frieder Bernius, aus dem Orchester einen gleich einem Organismus fungierenden, in sich stimmigen Klangkörper zu formen, der über dynamische Wendigkeit und musikalische Ausdruckskraft verfügt. Dabei sind klangliche Gestaltung und Vortragsweise deutlich Dienerinnen des dramaturgischen Geschehens. Das Orchester passt sich flexibel den spezifischen Anforderungen jedes einzelnen Musikstückes, jeder Arie und jedem Rezitativ, ausgesprochen adäquat an und entfaltet dazu noch eine ganz eigene Kraft, wenn es unabhängig von Sängern und Chor agiert. Dies wird beispielsweise bereits in den ersten beiden Orchestersätzen des Osteroratoriums deutlich: So eröffnet das Barockorchester Stuttgart das Werk mit einer spritzigen, den Zuhörer mitreißenden Sinfonia und einem darauffolgenden, außerordentlich differenziert gestalteten und emotional bewegenden Adagio. Musizieren Chor und Orchester gemeinsam, so verwebt Frieder Bernius die Gesangs- mit den Instrumentalstimmen erneut so, dass ein einziges, sich bewegendes Klanggebilde entsteht, das auf gemeinsames Musizieren und Klangverschmelzung ausgerichtet ist. Obwohl diese Form der Interaktivität grundsätzlich durchaus anzustreben ist, könnte bei vorliegender Aufnahme die Balance zwischen den beiden Ensembles ein wenig mehr zugunsten des Chores ausfallen. Damit wäre zudem auch eine etwas bessere Textverständlichkeit gewährleistet. Qualitativ ist der Kammerchor Stuttgart hervorragend. Er hat einen ganz eignen Klang, der von horizontaler Färbung charakterisiert ist. Die Sängerinnen und Sänger sind deutlich aufeinander eingestimmt, wissen dynamisch differenziert zu gestalten und Koloraturen einwandfrei im Kollektiv zu meistern.

Hervorragende Solisten machen die Musik lebendig

Die Solisten agieren durchweg erstklassig. Joanne Lunn bezaubert in beiden Aufnahmen mit ihrem sanften, hauchzarten Gesang, auf den das Attribut ‚butterweich‘ zutrifft. Filigran musiziert sie die Arien aus und beeindruckt mit einem beinah transparenten Piano, mit dem ihre Stimme über dem Orchester schwebend feine Linien zieht. Der Altersunterschied von zehn Jahren ist der Sopranistin Joanne Lunn im Himmelfahrtsoratorium fast nicht anzumerken. Nur hin und wieder erklingen vereinzelt höher liegende Töne nicht mehr ganz so glockig wie 2004 im Osteroratorium. Ihr weiches Timbre und ihre gestalterische Elastizität hat sie sich jedoch bis heute vollkommen erhalten. Die Altpartie übernahm im Osteroratorium die Mezzosopranistin Elisabeth Jansson und im Himmelfahrtsoratorium der Countertenor David Allsopp. Elisabeth Jansson singt die Arie 'Saget, saget mir geschwinde' mit einer warmen, obertonreichen Färbung. Ihre Koloraturen sind trotz tiefer Lage absolut akkurat und der Registerwechsel zwischen Brust- und Kopfstimme weich und kaum bemerkbar. Der einzige, der gesangstechnisch nicht ganz so perfekt wie seine Kollegen singt, ist David Allsopp. Sein Timbre ist kopfig und strahlend, seine Intonation absolut sauber und der Text sehr gut verständlich, doch balanciert er die musikalischen Linien nicht immer aus und es schwingt viel Luft in seiner Stimme mit. Dafür versucht er diese technischen Schwierigkeiten mit ausdrucksstarker Textausdeutung und expressiver Interpretation zu kompensieren, was ihm zwar gelingt, wobei er jedoch im Kontext der vorliegenden Aufnahme und im Hinblick auf die Bachschen Aufführungsgewohnheiten ein wenig übertreibt.

Die Besetzungen für Tenor- und Basspartie sind hervorragend. Beide Tenöre, Jan Kobow und Samuel Boden, machen die oftmals eher sperrigen Rezitative zu herrlichen Musikstücken mit anmutig geführten musikalischen Linien. Sie deuten den Text sehr geschmackvoll und überaus verständlich aus, sodass es dem Zuhörer ein Leichtes ist, dem inhaltlichen Geschehen zu folgen. Von besonderer musikalischer Qualität ist Jan Kobows Interpretation der Tenorarie im Osteroratorium, in welcher er mit dem Orchester klanglich zu einer Einheit zu verschmelzen vermag und auf sanfte Art und Weise mit dem instrumentalen Klangkörper interagiert. Sowohl im Oster- als auch im Himmelfahrtsoratorium kommt dem Solobass eine untergeordnete Rolle zu. Obliegt ihm im jüngeren Werk zumindest noch ein Duett mit dem Tenor sowie Phrasen in einigen Rezitativen, beschränkt sich in BWV 11 seine Partie nur auf zwei knappe Rezitative. Gotthold Schwarz und Tobias Berndt fügen sich gestalterisch sowie stimmlich hervorragend in die Gesamtinterpretation ein und verleihen ihr jeweils eine aufwertende Note.

Das Booklet dieser Carus-Produktion ist sehr übersichtlich gestaltet und liefert in deutscher und englischer Sprache interessante Informationen zur Werkentstehung, der Musik sowie den Interpreten. Die Texte sind von angemessener Länge und angenehm zu lesen. Zudem befindet sich im Booklet auch der gesungene Text in zweisprachiger Ausführung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Osteroratorium & Himmelfahrtsoratorium

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
06.03.2015
066:45
2014
EAN:
BestellNr.:

4009350832909
8329000


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"Johann Sebastian Bach selbst schätze sein Osteroratorium BWV 249 von 1725 sehr. Es hat nie die Popularität des Weihnachtsoratoriums erreicht, doch hat Bach es selbst zu seinen Lebzeiten viermal aufgeführt. Einige Teile des Oratoriums stammen als Parodiesätze aus der Geburtstagskantate "Entfliehet, verschwindet, entweichet, ihr Sorgen" für den Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels. Auch das zweite Werk auf der vorliegenden CD, das Himmelfahrtsoratorium "Lobet Gott in seinen Reichen" BWV 11 (1735), geht auf ein anderes Werk zurück; die nicht erhaltene Kantate für die Einweihung der neuen Thomasschule "Froher Tag, verlangte Stunde". Frieder Bernius macht in seiner Einspielung auf höchstem Niveau deutlich, dass es sich bei den beiden kleinen Oratorien jeweils um Meisterwerke handelt, die musikalisch nicht hinter den bekannteren Geschwisterwerken zurückstehen müssen."


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Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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