> > > Brahms, Johannes: Klaviersonate Nr. 3
Freitag, 5. März 2021

Brahms, Johannes - Klaviersonate Nr. 3

Weder Analytiker noch Ekstatiker


Label/Verlag: Phaedra CD
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der 1981 in Antwerpen geborene Pianist Nikolaas Kende hat sein Solo-Debüt auf Tonträger mit der dritten Klaviersonate von Johannes Brahms bestritten. Sein Mut ist angesichts der historischen und aktuelleren Konkurrenz zu bewundern - die Einspielung leider nicht.

Eingangs ist Pranke gefordert und der Unterschied noch gering: Während Lars Vogt (1998, EMI) die 32tel etwas verschluckt, Evgeni Kissin (2001, RCA) erst etwas Rubato wagt, nach dem Pianissimo-Einschub dann aber das Tempo der Wiederholung des Kopfthemas kräftig anzieht und den gnomischen Bass-Hüpfer der "fest und bestimmt" folgenden Überleitung als völlig neue, Höchstspannung verheißende Szene begreift, verliert sich Kende nach überlegtem Beginn mit sattem Fortissimo-Schlusspunkt schon etwas in der nebligen, bereits an die ‚Edward‘-Ballade op.10 Nr.1 erinnernde Pianissimozone. Der Gnom humpelt eher hinterher, als dass er provozierend voranspringt. Den As-Dur-Seitensatz-Bereich mit der barcarolenhaften Begleitung gestaltet Kende fast so ruhig wie eine Liszt'sche Trauergondel, kein Aufschwung, kein anvisiertes Ziel, sondern einfach ersterbende Schlussakkorde der Exposition.

Kende fehlt es an erzählerischem Duktus, an Vorbereitung und plastischer Präsentation der Ereignisse, der großen Momente. Der Kopfsatz leidet an einem fast störrisch langsamen Tempo: nach ‚normalem‘ Beginn schließlich sich hinziehende 11'10'' (Kissin benötigt hingegen durchaus rhapsodische 9'58'', Julius Katchen in seiner frühen ‚historischen‘ Aufnahme von 1949 7'24'', Nelson Freire 1967 in der vielleicht virtuosesten Einspielung für CBS/Sony sogar 6'51'). Die gewohnteren schnelleren Tempi kann man sich leicht in Erinnerung rufen, wenn man Kende hört, und sogar die höchst elegische Referenzaufnahme von Radu Lupu (Decca 1981) mit ihrer glasklaren Phrasierung und mitreißenden Steigerungspassagen erscheint trotz 11'45'' in der Verklärung des einst Gehörten zügiger. Die mit dem Stück und seiner Aufführungsgeschichte vertrauten Hörer erwarten eine gewisse Dramaturgie des Tempos - egal ob schnell oder langsam - wie auch des Klanges, und beides liefert Nikolaas Kende nicht.

Im 'Andante espressivo' - hier benötigen fast alle Pianisten 11 bis 12 Minuten (nur Freire ist, nicht uncharmant, auch her fast eine Minute schneller) - tritt das Manko noch deutlicher hervor: So wirkt der Durchbruch von noch verhangenen Pianissimo(!)- Version des 'Andante molto'-Themas zum euphorischen Fortissimo-Jubel bewusst gezügelt, als ob Kende sich der Gefühle schäme, ohne dass eine andere analytische Sinnstiftung (etwa der anschlagsbedingten Klangfarben wie bei Lars Vogt) an deren Stelle rückte.

Am besten gelungen scheint mir noch das tänzerisch erfasste Scherzo, fast neutralisiert die Traurigkeit des Rückblicks auf das 'Andante' im 'Intermezzo', ohne Zündung und weitgehend ohne endgerichtete kämpferische Spannung das Finale.

Die pianistisch-dramaturgisch insgesamt deutlich gelungenere ‚Zugabe‘ der seltener (ein)gespielten Variationen über ein Thema von Robert Schumann op. 9 erhöht den angesichts der vorhandenen Brahms-Diskographie eher geringen Repertoirewert. Diesen Variationen-Zyklus gibt es aber in der frisch erschienen Version mit Ragna Schirmer ebenfalls noch deutlich dichterischerer, dichter, berührender zu erfahren. Auch Kendes literarischer Versuch, im Booklet vom Verhältnis zwischen Brahms, Robert und Klara Schumann zu erzählen, zeigt trotz suggerierter Innenperspektiven einen auch verbal recht oberflächlichen Zugang zur präsentierten Musik. Ein Debüt wie das des jungen Brahms mit seinen Sonaten bei den Schumanns in Düsseldorf - ‚sein Talent hat die beiden umgerissen‘ - ist das gewiss nicht...

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Klaviersonate Nr. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Phaedra CD
1
07.11.2014
Medium:
EAN:

CD
5412327292313


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Phaedra CD

Phaedra is an Ancient Greek name meaning "the beautiful, the bright, the shiny one". It is related to a verb that means "to shine light on". That is why we thought Phaedra an appropriate name for a label that meant proposed to assume a special task: to shine a light on music by composers from the Low Countries, especially from Flanders and Wallonia, and thus to save them from indifference and oblivion.

The idea was realized in 1992, when Phaedra was founded. With its limited means, but with a generous heart, Phaedra was to promote this music, to record it and to publish it. Moreover, Phaedra intended to work with young and highly talented musicians, both from the Low Countries and from abroad.

Phaedra is the first label to consistently and continually draw attention to composers of the Low Countries, regardless of their philosophies or their careers. First their works are read, studied and evaluated; then Phaedra searches out talented musicians who might be interested in studying and recording these works. The series "In Flanders' Fields" was started for this very purpose.

After ten years of hard work, after recordings of over eighty Belgian composers and over one hundred and eighty of their works, came the first official recognition. On March 12, 2002, in a ceremony in the Sabam building in Brussels, Phaedra was awarded the 2001 Fugue Prize of the Union of Belgian Composers. — Another Prize awarded, to Phaedra's founder and producer, Luc Famaey, was the 2010 ANV-Visser Neerlandia Prize, "for his world-wide promotion of music by Flemish composers vial the CD-label Phaedra, especially the impressive series In Flanders’ Fields." Meanwhile this series "In Flanders' Fields" has expanded steadily and has in fact acquired a world-wide reputation. It presents today more than a thousand different compositions of over one hundred and twenty composers.

Whereas Phaedra continues to produce the large majority of its recordings itself, it occasionally works together with Klara, the classical channel of the Flemish Radio and Television (VRT). Thus its catalogue features some of the best and most remarkable radio recordings from the archives of VRT and its predecessors (BRT and BRTN) made in the last few decades. When necessary, older recordings are digitalized such that they meet the expectations of the modern listener. The "Classics" series features local and foreign artists who meanwhile have acquired international reputations, in numerous works from the standard repertoire, both classical and modern. All Phaedra recordings are made using the most recent technology, in the most suitable locations, and by highly qualified professional technicians.


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