> > > Reger, Max: Cello Suites Nos. 1-3
Sonntag, 25. September 2022

Reger, Max - Cello Suites Nos. 1-3

Schiefen wandelt auf romantischen Pfaden


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


1914 begann Max Reger nach einem gesundheitlichen Kollaps noch bei seinem Meraner Sanatorien-Aufenthalt die opulente Werkgruppe mit der Opusnummer 131 zu komponieren, die er 1915 abschloss. Darunter sind im Teil eins weitere Präludien und Fugen für Violine (op. 131a), ‘Canons und Fugen im alten Stil’ für zwei Violinen (op. 131b), ‘Drei Suiten für Violoncello allein’ (op. 131c) und ‘Drei Suiten für Viola allein’ (op. 131d). Matthias Walz weist darauf hin, dass der Schwerpunkt der Schaffensintention sich diesmal, im Vergleich zu den früheren Solo-Violinsonaten, weg von der Polyphonie, hin zur Kunst der Variation verlagert habe. Zwar scheine auch hier das Vorbild barocker Form- und Melodiebildung auf, doch sei dieses völlig eingeschmolzen in eine Tonsprache, die vor allem in ihrem harmonischen Ausgreifen auf der Höhe ihrer Zeit stehe.

Guido Schiefen, Jahrgang 1968, Preisträger beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerbs 1990, Förderpreisträger 1993 des Landes NRW, hat vom 25.-27. Januar 1999 die drei Cellosuiten von Max Reger für Oehms classics eingespielt und zählt zu den mindestens acht Cellisten – bekanntester ist Peter Wispelwey - , die die Suiten komplett vorlegten.

Insgesamt macht die Aufnahme einen gepflegten Eindruck. Das Booklet ist zweisprachig (dt./engl.), aber knapp gehalten. Musikalisch kann man sicherlich über einige Ausführungsdetails streiten: Zum Beispiel mutet die ‘Gavotte’ der zweiten Suite tempomäßig verhalten an. Bei den Akkordschlägen verbraucht der Spieler zuviel Zeit. Die irrwitzigen Tempo-Schwankungen im ‘Un poco meno mosso’ können von Reger beim besten Willen so nicht gewollt sein. Da überzieht Schiefen deutlich. Auch der Geist Bachs – in dem die Werke geschrieben sind – wird dadurch verletzt.
Schiefen, der sehr sicher wirkt und erstaunlich intonationsrein agiert, hält sich nicht wirklich präzise an die vorgeschriebene Dynamik, was zugegeben nicht immer einfach zu realisieren ist. So erreicht er in Takt zwölf des ‘Largo’ bestimmt kein Pianissimo. Auch fasst Schiefen die einleitende 8-taktige Phrase nicht zusammen, sondern stottert in den Achteln in Takt sechs. Sein Crescendo ab Takt 24 ist leider unorganisch aufgebaut. So könnte man noch mehr Details anführen, die gestalterisch nur halbherzig ausgeformt sind.

Eine glückliche Hand beweist der Interpret im ‘Präludium’ der a-Moll-Suite, die den Gipfel der Regerschen Cellosuitenkunst markiert. Sehr introvertiert verhallt diese Musik und Schiefen vermag alle düsteren Komponenten in die Wagschale hinein zu werfen. Samten schluchzt sein Violoncell – dröhnt manchmal verwegen auf der C-Saite. Aber das immer wiederkehrende Aufbäumen, einhergehend mit dem Hinaufjagen in die höheren Lagen, manchmal gar gepresst, schmerzverzerrt, kann Guido Schiefen am eindringlichsten vermitteln. Das Scherzo ‘Vivace’ klingt im Abgesang danach fast wie Galgenhumor – mitverursacht auch durch die extremen Lagensprünge. Starke Momente der III. Suite! Schiefen treibt das Spiel allerdings auf eine fast bedrohlich anmutende, manierliche Bahn, kitzelt agogisch das Maximum, was diese Musik noch verträgt, heraus, ohne ein wirkliches Vivace (lebhaft) als Grundtempo zu wählen. So ist es nicht gedacht. Schiefen ist zu sehr ein Grübler, Epiker, Querulant; bestimmt aber ein hoffnungsloser Romantiker. Doch im Trio-Teil ‘Un poco meno mosso’ atmet sein Legato aus voller Lunge – sein Espressivo hält er marathongleich durch. Schade nur, dass der Cellist im ‘da capo’ an den gleichen Stellen wie anfangs ‘Stops’ einlegt (Takt 14 & 57); wie einfallslos...

Verbrämt im Tempo auch das ‘Andante con Variationi’, wo Schiefen Ritardandi einflicht, die schlicht nicht in der Partitur stehen. Das zerfasert die Musik und sie verliert an Kraft. Es scheint, als ob Schiefen im Abschnitt mit den Zweiunddreißigstel-Noten passagenweise aus technischen Defiziten heraus zur Notbremse greift. Insgesamt gestaltet er zu wenig aus einem Guss.
Eine Extreme liebende, extravagante Platte ohne wirklichen Glanz, deren Interpreten ich dennoch Respekt zolle, für seine ehrliche Herangehensweise. Denn: Die Auseinandersetzung mit Regers Opus 131 c – ähnlich derjenigen mit Bachs Cellosuiten - endet niemals.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reger, Max: Cello Suites Nos. 1-3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
01.01.2012
55:35
1999
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
4260034862357
OC 235

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Reger, Max


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Interpret(en):Schiefen, Guido (Cello)


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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