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Donnerstag, 8. Dezember 2022

Wolf, Hugo - Mörike-Lieder

Intelligent und klangschön


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In Hugo Wolfs 100. Todesjahr stellt sich wieder heraus, was seine Zeitgenossen bereits erkannten und was der Komponist an sich selbst oft abwertend bemerkte: Hugo Wolf ist vor allem ein begnadeter Liedkomponist. Einige Veröffentlichungen auf dem CD-Markt bestätigen dies, darunter die herausragende Neueinspielung einer Auswahl aus den Mörike-Liedern mit Roman Trekel und Oliver Pohl.

Wolfs Lieder als dramatische Großform
Obwohl Wolf in der Nachfolge von Schubert und Schumann gesehen wurde und sich auch selbst in diese Linie stellte, hoben zeitgenössische Kritiker bei den 1889 in Wien veröffentlichten Mörike-Liedern besonders die Neuartigkeit hervor. Eine solche Neuerung bedeutet Wolfs Tonsprache, die direkt aus den Gedichten entspringt. So ist die musikalische Substanz dramatisch und durch den Text vorgegeben. Im Lied bildet die Musik einen Rahmen für die Gedichte und stellt sie dar. Darin offenbart sich Wolfs Begabung für dramatische Musik in einer kondensierten Form, auch wenn er Zeit seines Lebens davon besessen war, Opern zu schaffen. Seine Liedsammlungen stellen sich in diesem Kontext allerdings bereits als dramatische Großformen dar: Die Gedichte werden innerhalb des Zyklus sorgfältig angeordnet und durch harmonische und motivische Verknüpfungen schließen sich die Lieder zu größeren konzeptionellen Einheiten zusammen.
Der dramatischen Gesamtkonzeption der ‚Mörike-Lieder’ kann darum eigentlich nur eine Gesamteinspielung gerecht werden. Dennoch wird fast immer eine Auswahl aus der Sammlung veröffentlicht, so auch bei dieser Aufnahme mit Roman Trekel und Oliver Pohl. Die Selektion und Zusammenstellung wurde dabei sehr feinfühlig vorgenommen. Verschiedene Lieder, die in der originalen Abfolge nicht immer nacheinander kommen, fügen sich lose zu thematischen Gruppierungen zusammen, die sowohl inhaltliche als auch musikalisch-motivische Gemeinsamkeiten aufweisen, und dramaturgisch überzeugen. An die Frühlingsthematik mit Liedern wie ‚Fußreise’ oder ‚Er ist’s’ schließt sich sehnsuchtsvolle Liebeslyrik an. ‚Auf ein altes Bild’ bringt wie ‚Wo find ich Trost’ eine religiöse Komponente zum klingen. Natürlich fehlen auch bekannte Balladen wie ‚Der Feuerreiter’ und die ‚Geister vom Mummelsee’ nicht. Zum Abschluss wird der Ton spritzig-humorvoll und die CD endet, wie auch der Komplex der Mörike-Lieder insgesamt mit der Rezensentenschelte ‚Abschied’.

Roman Trekel und Oliver Pohl spüren jeder Facette der Mörike-Lieder nach
Roman Trekel und Oliver Pohl spüren diesen unterschiedlichen Stimmungen ganz genau nach und schaffen es, jedes Lied differenziert und abgerundet zu gestalten. Während sie den Notentext sehr genau beachten, gelingt den Künstlern dennoch eine überzeugende eigene Interpretation von Wolfs Werk. Oliver Pohls Klavierspiel illustriert farbenreich die Szenen der Mörike Gedichte: mal mit leichtem, glockigen Ton wie in ‚Er ist’s’ oder klangvoll und ausdruckstark in den ‚Peregrina’- Liedern. Damit bietet er Roman Trekels wandlungsfähiger Stimme, die ideale Einbettung. Die Balladen werden zu lebendigen Szenen, indem Trekel den unheimlichen, flüsternden Ton genauso trifft wie er andererseits auch die dramatischen Stellen mit Stimmkraft präsentieren kann. Desgleichen vermag Trekel die lyrischen Lieder wundervoll zu gestalten, die im Gegensatz zu den Balladen aufgrund der fehlenden Handlung weniger dramatisch scheinen. Jede Facette beleuchtet er mit seiner warmen Baritonstimme: innige Liebe, unterdrückte Erregung oder auch ausbrechende Leidenschaft. Zum Schluss kann der Hörer überdies Trekels humorvolles Talent entdecken. Im ‚Abschied’ bietet er den wichtigtuerischen Ton des Rezensenten umwerfend dar und hat unüberhörbar Freude daran, die übertrieben pathetische Stimmung des Schlusswalzers herauszustellen.
Trotz aller Dramatik bleibt Trekels Klang sehr liedhaft und er leistet sich keinerlei Manierismen. Intonatorisch durchweg sauber, halten sich Sänger und Pianist in ihrer dynamischen Gestaltung meist sehr genau an Wolfs Vorgaben. Dabei musizieren sie sehr exakt zusammen, und sind ganz offensichtlich gut aufeinander eingespielt. Denn auch das Verhältnis der Stimme zum Klavier ist stets ausgewogen.
Diese umwerfende, intelligente Interpretation beweist, dass Dieter Oehms einen sicheren Instinkt besaß, als er Roman Trekel von Arte Nova zu seinem in diesem Jahr gegründeten Label Oehms Classics mitnahm.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Katharina Löthe ,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wolf, Hugo: Mörike-Lieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
01.01.2012
68:12
2001
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
4260034863057
OC 305

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Wolf, Hugo


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Interpret(en):Trekel, Roman (Baritone)
Pohl, Oliver (Piano)


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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