> > > Ustvolskaya, Galina: The Precise Music of Galina Ustvolskaya - The Six Paino Sonatas
Samstag, 10. Dezember 2022

Ustvolskaya, Galina - The Precise Music of Galina Ustvolskaya - The Six Paino Sonatas

Außergewöhnlicher Klavierabend


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alexei Lubimov und fünf seiner Schüler präsentieren die Klaviersonaten Galina Ustvolskajas im Live-Mitschnitt eines Klavierabends.

Auf ganz besondere Weise befasst sich die vorliegende DVD-Produktion aus dem Hause Wergo mit dem Korpus sämtlicher Klaviersonaten von Galina Ustvolskaja (1919–2006): Die sechs musikalisch sehr unterschiedlichen Werke werden nicht, wie etwa in der 2012 erneut aufgelegten Gesamteinspielung von Markus Hinterhäuser (col legno), von einem einzigen Interpreten dargeboten, sondern auf insgesamt sechs Pianisten verteilt. Konkret handelt es sich dabei um fünf Schüler aus der Klavierklasse von Alexei Lubimov am Moskauer Konservatorium, zu denen sich der Lehrer als sechster Interpret hinzugesellt. Lubimov (*1944) ist insofern ein herausragender Kenner von Ustvolskajas Musik, als er auf eine langjährige und intensive Beschäftigung mit ihren Werken und eine ganze Reihe bedeutender Aufnahmen zurückblicken kann.

Dem rund 73-minütigen Konzertfilm von Alexandre Bragé liegt der Mitschnitt eines Konzerts zugrunde, das am 7. März 2011 im Saal der Schule für dramatische Künste in Moskau stattfand. Die Besonderheiten der filmischen Umsetzung resultieren aus der Charakteristik dieses Ortes, der ‚die Form eines Oktaeders, mit drei Sitzreihen um einen leeren Raum in der Mitte‘ hat und ‚eine bewegliche Bühne‘ (Lubimov) besitzt: Das Publikum bleibt daher für den Betrachter immer unsichtbar, während die jeweiligen Interpreten aus zwei Kameraperspektiven – nämlich von schräg oben und von der rechten Seite im Profil – zu sehen sind. Dass sich die Kameraarbeit auf diese Positionen beschränkt und ansonsten nur noch sehr sparsam mit Zooms arbeitet, erweist sich als angenehme Zurückhaltung angesichts der komplexen Musik. Jede überflüssige Zutat ist hier vermieden, und lediglich die kurzen Wechsel zwischen den Interpreten werden noch einmal durch eine andere Bildrahmung und Splitscreens unterstrichen. Gegenüber einer CD hat die Bildaufzeichnung den Vorteil, dass die Köper der Interpreten in den Mittelpunkt treten und auch der gestische Aspekt der Musik bei ihrer Wahrnehmung eine Rolle spielt. Das bereichert den Eindruck der Klaviersonaten ungemein und unterstreicht, warum der Titel der Produktion Ustvolskajas Schaffen als ‚precise music‘ benennt: Denn geht hier tatsächlich um Präzision der Wiedergabe, um Körperspannung und vor allem um einen kontrollierten Ausdruck.

Durchweg ansprechend sind die Aufnahmen der Einzelwerke: Olga Pashenko wirkt in ihrer Funktion als eröffnende Interpretin bei der Umsetzung der Sonate Nr. 1 (1947) trotz technisch reifer Leistung etwas unsicher, macht dies aber durch einen gesanglichen und fließenden Vortrag wett. Ksenia Semenova spielt ausgesprochen klangvoll, was vor allem den akkordischen Forte-Passagen der Sonate Nr. 2 (1949) zugute kommt. Alexei Grotz wiederum überzeugt in der Sonate Nr. 3 (1952) durch Modellierung der Kontraste zwischen hart artikuliertem Forte und weich gesungenen Piano-Passagen. Elizaveta Miller formt, vom zarten Eröffnungsteil ausgehend und die zornig herausgeschleuderten Artikulationen als Interpolationen nutzend, die Sonate Nr. 4 (1957) zu einem großen Spannungsbogen. Und der in ihrer Gesamthaltung sehr schroff wirkenden Sonate Nr. 5 (1986) begegnet Vladimir Ivanov mit einem kraftvollen, angespannten Spiel, das aber dennoch – gerade bei Wiedergabe repetierter Akkorde – nicht der Elastizität entbehrt.

Mit Lubimovs Wiedergabe der Sonate Nr. 6 (1988) gewinnt die DVD noch einmal an Intensität hinzu, und zugleich tritt auch der Unterschied zwischen Lehrer und Schülern deutlich hervor: Fast roh wirkt der gestische Impetus, mit exzellenter Körperbeherrschung meißelt der Pianist die Akkord- und Clusterstrukturen aus der Tastatur, dabei immer wieder spannungsvolle Pausen einschiebend. Wenn er nach dieser Tour de Force kurz vor Ende des Werkes einen sphärischen Moment des Innehaltens anstimmt, bevor er zu den letzten Akkorden übergeht, ist dies einer der erstaunlichsten Momente der Konzertaufzeichnung. Lubimovs Wiedergabe ist das i-Tüpfelchen auf einer hochwertigen und empfehlenswerten Produktion, die sich auch ganz hervorragend zum Einstieg in Ustvolskajas Schaffen eignet. Dazu trägt das begleitende Booklet bei, das eine Fülle von Material zur Verfügung stellt: Iwan Sokolows ausgedehnter Textbeitrag führt sowohl in die Klaviersonaten als auch ganz allgemein in das Schaffen der Komponistin ein und wird durch die Abbildung von Partiturseiten einerseits sowie durch zahlreiche Fotografien andererseits ergänzt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:








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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ustvolskaya, Galina: The Precise Music of Galina Ustvolskaya - The Six Paino Sonatas

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
13.02.2015
73:00
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4010228081053
MV 8105


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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