> > > Mussorgsky, Modest: Bilder einer Ausstellung
Sonntag, 29. März 2020

Mussorgsky, Modest - Bilder einer Ausstellung

Kaleidoskop der Sinne


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gergijews Deutung von Mussorgskys 'Bilder einer Ausstelung' meidet den Effekt, ist aber atmosphärisch dicht. Die 'Lieder und Tänze des Todes' mit Ferrucio Furlanetto geraten eindringlich.

In dieser Einspielung begegnet man einem weiblichen Tod, ‚die‘ zudem durch eine kontrastbetonende, gar ‚russische‘ Interpretation des Orchesters des Mariinski-Theaters mit dem Solisten Ferrucio Furlanetto und dem Dirigenten Walerie Gergijew ein sehr markantes Gesicht erhält.

Sei es die Entstehungsgeschichte der 'Bilder einer Ausstellung', die 'Lieder und Tänze des Todes' oder auch die sinfonische Dichtung 'Eine Nacht auf dem Kahlen Berge': Jedes einzelne Werk ist das Ergebnis der Auseinandersetzung Mussorgskys mit dem Tod. Nach dem unerwarteten Tod des Architekten und Künstlers Viktor Hartmann im Jahre 1873 fing Mussorgsky zu Ehren seines verstorbenen Freundes ein Jahr später damit an, zehn seiner Bilder im Rahmen eines Zyklus zu vertonen – in der ursprünglichen Fassung für Klavier wohlgemerkt. Es entstand ein gewaltiges, in sich geschlossenes Werk, in dem nicht nur jedes einzelne Bild unverwechselbar musikalisiert wurde, sondern auch ein sehr facettenreicher und nachdenklicher Mussorgsky hervortrat. Die zehn Bilder werden mit insgesamt fünf erklingenden 'Promenaden' verbunden. Durch die Nachwirkung der vorangegangenen Bilder klingen sie jedes Mal anders, ja sie lassen sich von der Grundstimmung der jeweiligen Bilder manipulieren. Ausgenommen die erste Promenade, die als eröffnendes Stück noch eine Neutralität bzw. Unvoreingenommenheit bewahrt.

Dass ein solches Klavierwerk mit unschätzbarem musikalischem und ideellem Wert in der Vergangenheit mehrmals orchestriert wurde, überrascht nicht, zumal die Klavierfassung hinsichtlich ihres orchestralen Klangspektrums gerade hierzu einlädt. Die berühmteste Orchestrierung stammt aus der Feder von Maurice Ravel, der in seiner Fassung das reiche Material durch eine idiomatische Instrumentation ausgearbeitet, ja auf die Spitze getrieben hat. Neben anderen, oftmals an Effekt und Dramatik überladenen Einspielungen, steht Walerie Gergijew dieser oberflächlichen Herangehensweise entgegen. Mit Sorgfalt, Feingefühl und Vorsicht widmet er sich jedem Bild, stets aus der Perspektive eines ‚russischen‘ Mussorgsky. So erhält insbesondere das letzte Bild, 'Das große Tor von Kiew', einen stolzen Charakter, der durch ein breites Tempo und majestätische Dynamik dem einer Hymne gleichkommt. Auch in den übrigen Bildern wird in unterschiedlicher Ausprägung ein russischer Volkston angeschlagen, der etwa im vierten Bild 'Bydlo' durch das Schwermütige und Dramatische oder im neunten Bild 'Die Hütte der Baba-Yaga' durch Lebhaftigkeit und folkloristisch-tänzerischem Charakter Ausdruck gewinnt. In gewisser Weise erlebt das gesamte Werk durch die Interpretation Gergijews eine ökonomische Aufwertung. Ökonomisch insofern, als Tempo, Dynamik, Artikulation und selbst die Zäsuren zwischen den Bildern exakt gemessen, gewogen und anschließend in einer erstaunlichen Übereinstimmung auf einander abgestimmt wurden.

Konsequenterweise wird hierdurch der programmatische Charakter des Gesamtwerkes dermaßen verstärkt, dass man als Hörer nicht nur das jeweilige Bild imaginär vor sich sieht, sondern stets das Gefühl hat, selbst im Bild zu stehen. Während Gergijew in 'Gnomus' durch eine stark kontrastierende Dynamik und individuelle Behandlung der Fermaten eine höchst angespannte, geradezu diabolische Atmosphäre erschafft, hält er in 'Il vecchio castello' konstant an dem von Mussorgsky auskomponierten Puls fest, der, wenn man so mag, in seiner rhythmischen Ausgestaltung die Schläge der Systole und Diastole imitiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Interpretationen entscheidet sich Gergijew hierbei für einen ruhigen, regelmäßigen Puls, zugunsten der Erzeugung einer mystischen und verlassenen Atmosphäre, die durch zurückhaltende Dynamik und den Verzicht auf Akzentuierung zusätzlich entspannt. Umso mehr dringt Hartmanns Bild 'Das alte Schloss' in die Gedanken des Rezipienten ein.

In der sinfonischen Dichtung 'Eine Nacht auf dem Kahlen Berge' beweist Gergijew einen hervorragenden Umgang mit den Blasinstrumenten. Der dramatische Beginn wirkt zwar bereits in seiner kompositorischen Beschaffenheit bedrohlich, wird jedoch durch ausschweifende und gewichtete Glissandi der hohen Bläser verstärkt. Die Streicher erzeugen ein ungeheures Spannungsfeld, ja sie selbst klingen regelrecht nervös und zittrig, vor allem dann, wenn das tiefe Blech das makabre Bassthema herein brüllt. Völlig gleichberechtigt treten nach der ersten Zäsur Bläser und Streicher zusammen. Gergijew entwickelt diesen Dialog weiter, sodass schließlich die Bläser dominieren und der Konflikt in eine weitere Zäsur führt. Grundsätzlich geht Gergijew auch hier sehr geschickt mit den Pausen bzw. der Stille um, die in seiner Interpretation nicht entspannt, sondern in hohem Ausmaß katalysiert. Hierdurch, aber auch durch das bewusste Beleuchten einzelner Instrumentenstimmen, das hier keinesfalls als Effekt verstanden werden soll, differenziert und personifiziert er das ganze Werk und fokussiert das Außermusikalische in dieser sinfonischen Dichtung, ohne die Ästhetik der Musik zu benachteiligen.

Programmatisch und empfindsam geht es auch in den 'Liedern und Tänzen des Todes zu. Die Lieder und Tänze reflektieren sehr stark, in welchem Ausmaß und in welcher Differenziertheit sich Mussorgsky mit dem Tod auseinandergesetzt hat, der von ihm, wie bereits erwähnt, feminisiert wurde. Der renommierte Bass FerrucioFurlanetto überzeugt hier vor allem mit seiner durchdringenden und fesselnden Stimmkraft. Seine stimmlichen Möglichkeiten erlauben ihm artikulatorische Kontraste, die in ihren unterschiedlichen Ausprägungen mal an sich reißen, mal wegstoßen. Durch ein ausgedehntes, ja bebendes Vibrato gibt seine diabolische Stimme den makabren Charakter der Lieder angemessen wieder. So wandlungsfähig seine dunkle Stimme ist, so wandlungsfähig ist auch die ‚Tödin‘ als Charakter. Im Rahmen des Liederzyklus nähert sich die Tödin dem Menschen in völliger Eigensinnigkeit und Unabhängigkeit. Ob im 'Wiegenlied' als Trösterin der Mutter eines kranken Kindes, im 'Ständchen' als Meisterin der Täuschung, im 'Trepak' als leidenschaftliche Tänzerin oder im letzten Lied, 'Der Feldherr', als endgültige Siegerin einer Schlacht – in jedem einzelnen Bild ist die Tödin dem Menschen überlegen. So hieß es bereits in den mittelalterlichen Totentänzen: ‚Der Tod tanzt, alle tanzen mit‘, und ganz bestimmt gehört Mussorgsky zu denjenigen spätromantischen Komponisten, die sich mit den Fresken auseinandergesetzt haben und musikalisch auf diese anspielen.

So unzertrennlich Tod und Verlust voneinander sind, so eng ist das Zusammenwirken von Orchester Solist. Das Resultat ist eine großartige Einspielung dieser Werke. Im Angesicht der Todesthematik raubt diese Interpretation der Musik Mussorgskys weder ihre Lebenskraft noch bringt sie Verluste. Ganz im Gegenteil, sie verleiht ihr eine gewisse Unvergänglichkeit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mussorgsky, Modest: Bilder einer Ausstellung

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
1
06.02.2015
Medium:
EAN:

CD
822231855323


Cover vergössern

Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Mariinsky:

  • Zur Kritik... Glücksfall: Diese Aufnahme der Sechsten Symphonie gehört zum Besten, was derzeit an symphonischem Tschaikowsky zu bekommen ist. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Puppen- und Kartenspiele: Referenzstatus im Mehrkanalbereich: Dieser 'Petruschka' mit Gergiew und dem Mariinsky-Orchester dürfte höchsten Ansprüchen genügen. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Kriegspropaganda: Mit Raritäten hat man es nicht immer leicht, das ist eine alte und leider nur zu wahre Weisheit. Sergej Prokofkews 'Semyon Kotko' aus dem Mariinsky Theater zeigt das nur allzu deutlich. Weiter...
    (Simon Haasis, )
blättern

Alle Kritiken von Mariinsky...

Weitere CD-Besprechungen von Ibrahim-Kaan Cevahir:

  • Zur Kritik... Zum Schlummern gedacht: Eine CD mit Schlummerklassik: Schlaf- und Wiegenliedern bekannter Komponisten für die Kleinsten. Weiter...
    (Ibrahim-Kaan Cevahir, )
  • Zur Kritik... Mächtiges Klangerlebnis: Roman Summereders Interpretation der Orgelwerke von Paul Hindemith öffnet den Zugang zu einer reichhaltigen Klangwelt und verdient hohe Anerkennung. Weiter...
    (Ibrahim-Kaan Cevahir, )
  • Zur Kritik... Präzise und ausdrucksstark: Offensichtlich vertraut mit der musikalischen Sprache Hindemiths halten David Geringas und Ian Fountain überzeugende und eindringliche Interpretationen der Werke für Cello und Klavier auf CD fest. Weiter...
    (Ibrahim-Kaan Cevahir, )
blättern

Alle Kritiken von Ibrahim-Kaan Cevahir...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ideenarme Schwerfälligkeit: Unterschiedliche, teilweise noch unbekannte geistliche Werke von Giacomo Meyerbeer zeigen neue Facetten des Opernkomponisten. Die Preußische Philharmonie unter Dario Salvi vermag dieses Repertoire allerdings nur etwas nüchtern zu interpretieren. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Feierliche Romreise: Das Buffalo Philharmonic Orchestra unter JoAnn Falletta widmet sich der 'Römischen Trilogie' von Ottorino Respighi. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Dunkler Sog: Eine große Passion, in Substanz und Faktur wie in Deutung und künstlerischer Ambition. Masaaki Suzuki und sein Bach Collegium Japan mit einem veritablen Lebenszeichen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2020) herunterladen (2910 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Heinrich Isaac: Ecce virgo concipiet

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich