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Donnerstag, 18. Juli 2019

Purcell, Henry - Dido & Aeneas

Opulentes Theaterspektakel


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter der Regie von Cécile Roussat und Julien Lubek liefern Vincent Dumestre und das Ensemble Le Poème Harmonique eine betörende Version von Henry Purcells 'Dido & Aenaes' ab.

Nach ihren überzeugenden DVD-Veröffentlichungen von Jean-Baptiste Lullys Opern 'Le Bourgeois Gentilhomme' und 'Cadmus & Hermione' setzen Vincent Dumestre und sein Ensemble Le Poème Harmonique ihre Erkundungen des Bühnenrepertoires aus dem 17. Jahrhundert mit Henry Purcells 'Dido & Aeneas' fort. Der Griff zu diesem prominenten Werk provoziert den Vergleich mit anderen, zum Teil großartigen Einspielungen; und in der Tat mag man – persönliche Vorlieben berücksichtigend – manch eine Aufnahme finden, die in einzelnen Details dieser Neuproduktion des Labels Alpha das Wasser reichen kann oder sie gar überflügelt. Allerdings muss man auch darauf verweisen, dass die vorliegende Version auf den Mitschnitten zweier Aufführungen am Opernhaus von Rouen aus dem Jahr 2014 basiert, ihr also folglich die Höhen und Tiefen einer solchen Aufnahmesituation – beispielsweise gelegentliche Intonationsschwankungen in den chorischen Passagen – eingeschrieben sind. Was die DVD dagegen unwiderstehlich macht, ist das Zusammenwirken eines musikalisch sehr abgerundeten Interpretationsansatzes mit einer außerordentlich opulenten, das Theaterspektakel unterstreichenden visuellen Umsetzung.

Die beiden Regisseure Cécile Roussat und Julien Lubek verlegen die gesamte Handlung ans Meer und entwickeln auf Grundlage dieser Ausgangssituation eine Szenerie, die alle denkbaren visuellen Möglichkeiten des Bezugs zum Wasser ausschöpft: Das Bühnenbild ist durch ein Miteinander von zerklüfteten Klippenformationen und blau gehaltenem Hintergrund bestimmt und fungiert entweder – mit dunkelblauen Plastikplanen als Wellen – als Abbild der Meereslandschaft, die um eine bewegliche Holzkonstruktion in Schiffsgestalt ergänzt wird, oder aber sie dient der Imagination einer unterseeischen Grottenwelt, in welche die Intrigen gegen die Liebenden gesponnen werden. Beide Räume sind analog zueinander gestaltet: Das Geschehen oberhalb der Wasseroberfläche wird von sechs Akrobaten kontrapunktiert, die sich mit allerlei Kunststücken über die Bühne oder – an einer Schaukel befestigt – durch den Luftraum bewegen; demgegenüber erscheint die – männlich besetzte – Zauberin (mit wunderbar boshaftem Timbre: Marc Maullion) unter Wasser als Krake, der seine langen Fangarme nach allen Seiten ausstreckt und zu den beiden von der Decke herab schwebenden Hexen im Nixengestalt (Caroline Meng und Lucile Richardot) spricht, während sich auf dem Boden die Artisten als furchterregende Reptilien-Ungetüme winden.

Die von enormem ästhetische Gespür und fantasievollen Einfällen bestimmte Arbeit von Roussat und Lubek führt dazu, dass man – ein Zeichen auch für die hohe Qualität der Videoregie und ihrer Kameraeinstellungen – von Anfang an gebannt auf den Bildschirm schaut und das Geschehen verfolgt. Dabei erweisen sich visuelle Details wie die plötzlich ins Bühnenbild integrierte Gambistin, die große Muschel, in welcher die Liebenden ihr Glück besingen, die orientalisch anmutende Kleidung der Seeleute, aus denen Aeneas wiederum durch ein kräftiges Purpurrot hervorsticht, oder der Tod Didos im Meer als so selbstverständlich, dass sie mit der musikalischen Gestaltung Hand in Hand zu gehen scheinen. Diese überrascht zunächst durch den ungewöhnlich weichen Beginn der Ouvertüre – in ihm scheint bereits der melancholische Tonfall der abschließenden Klage vorweg genommen zu werden –, der aus der Stille herauswächst und sich erst bei der Wiederholung zum Forte steigert. Dumestre arbeitet sehr sorgfältig mit dynamischen Abstufungen und instrumentalen Balancen, wodurch er unterschiedliche Farbwirkungen erzeugt, die er insbesondere zur Charakterisierung der Hauptrollen einsetzt. Hier überzeugt Vivica Genaux als Dido, auch wenn sie ihren Part gelegentlich etwas schleppend wiedergibt. Henk Neven setzt dem eine kraftvolle, stimmlich sehr flexible Gestaltung des Aeneas entgegen, und Ana Quintans adelt den Part der Belinda mit einer feinen, vokal beweglichen Ausgestaltung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:








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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Purcell, Henry: Dido & Aeneas

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
06.02.2015
Medium:
EAN:

DVD
3760014197062


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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