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Samstag, 10. Dezember 2022

Boulez, Pierre - Emotion & Analysis

Würdigung eines großen Künstlers


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zum 90. Geburtstag des Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez wartet EuroArts mit einer zehnteiligen DVD-Box auf, die in erster Linie den Interpreten Boulez würdigt.

Bereits im Vorfeld des 90. Geburtstags von Pierre Boulez hat die Deutsche Grammophon im vergangenen Jahr eine Box mit 13 CDs veröffentlicht, um den Künstler als einen der bedeutenden Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts zu würdigen. Das Label EuroArts bringt nun eine 10-DVD-Edition auf den Markt, die sich vorwiegend dem ebenso bedeutsamen Schaffen des Dirigenten Boulez widmet. Der Titel ‚Emotion & Analysis‘ ist sehr gut gewählt, verweist er doch auf zwei für den Boulez’schen Interpretationsansatz bedeutsame Aspekte, die sich dem landläufigen Klischee nach gegenseitig ausschließen: die emotional aufgeladene Wiedergabe auf der einen und die analytische Haltung auf der anderen Seite; doch belegen die hier versammelten Aufnahmen zu Genüge, wie unzutreffend diese Meinung ist. Im Blickpunkt der Edition steht die kluge Verbindung zwischen Konzerteinspielungen, die einen Teil des Boulez’schen Dirigierrepertoires exemplarisch erfassen, und Dokumentarfilmen, die sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven der Arbeit von Boulez widmen. Damit rücken zugleich auch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen großen Orchestern und die damit verbundenen Wirkungsstätten in den Blick. Obgleich der wichtige Aspekt von Boulez als Dirigent in Bayreuth völlig fehlt, ist die getroffene Auswahl dennoch beachtlich.

Insbesondere die großen Dokumentationen lassen sehr differenzierte Blicke auf die Ansätze des dirigierenden und komponierenden Künstlers zu: So beobachtet der einstündige Dokumentarfilm ‚Die Zukunft der Musik als Vermächtnis‘ von Günter Atteln und Angelika Stiehler über den Zeitraum von 2007 bis 2009 die Boulez’schen Dirigier-Meisterkurse beim Lucerne Festival, während sich der Film ‚Eclat‘ von Frank Schaeffer sowie die Beiträge ‚A Lesson by Pierre Boulez‘ und ‚Sur Incises‘ von Andy Sommer vorwiegend der Auseinandersetzung mit der Einstudierung eigener Werke durch Boulez widmen. In Bezug auf die Probenmethodik des Dirigenten ist die Dokumentation ‚Emotional & Analysis‘ von Paul Smaczny und Günter Atteln, die 50 Minuten lang auf die Arbeit an Béla Bartóks 'Konzert für Orchester' Sz 116 fokussiert, besonders aufschlussreich. Boulez’ oft mechanisch-präzise, immer unaufgeregt und sachlich, mitunter auch minimalistisch anmutende Schlagtechnik dürfte vor allem für denjenigen ungewohnt sein, der an eine inhaltsleere Inszenierung erhabener Gesten à la Karajan gewöhnt ist. Der Sinn des klar abgezirkelten Boulez’schen Gestenrepertoires wird jedoch sofort einsichtig, wenn man sich näher in den Zusammenhang zwischen Dirigierbewegung und Orchesterklang vertieft.

Aufschlussreiches Material

Um dies zu erschließen, eignen sich einige Konzerteinspielungen besonders gut, weil sie von Anfang an auf Boulez fokussieren, ihn aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigen. Insbesondere die anlässlich von Boulez’ 80. Geburtstag in der Berliner Philharmonie aufgezeichnete Aufführung von Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 2 mit Diana Damrau (Sopran), Petra Lang (Mezzosopran) und dem Chor und Orchester der Deutschen Staatsoper Berlin kann hierfür als Lehrstück dienen: Sorgfältig arbeitet Boulez die Nuancen des Mahler’schen Tonsatzes heraus, und insbesondere in den zarten Passagen entfaltet die Musik eine extrem suggestive Wirkung, weil sie eine einfache melodische Kraft verströmt, ohne in Schwulst zu verfallen. Im Gegenzug spürt der Dirigent aber auch den Brüchen nach und formuliert an einigen Stellen das Potenzial der Musik in Richtung auf die Klanglichkeit der Moderne aus.

Aufschlussreich ist auch eine 1996 mit den Wiener Philharmonikern in der Linzer Kirche St. Florian entstandene Aufzeichnung von Anton Bruckners Sinfonie Nr. 8 c-Moll in der von Robert Haas eingerichteten Version. Sie zeigt eine scharfsinnige und klar strukturierte, wenn auch stellenweise sehr ungewohnte Wiedergabe, deren Qualitäten vor allem im 'Adagio' und im Finalsatz liegen. Das Europakonzert der Berliner Philharmoniker von 2003 wiederum, aufgezeichnet im Mosteiro dos Jerónimos Lissabon, wartet mit einem gemischten Programm auf, dessen Höhepunkt eine besonders schöne Wiedergabe von Bartóks 'Konzert für Orchester' bildet. Boulez’ klare Phrasierung steht hier im Dienst einer sehr lyrischen Darstellung, deren Qualitäten etwa in dem trotz seiner expliziten Melancholie luftig wirkenden Mittelsatz, in der irregulär federnde Rhythmik des vierten Satzes oder die klanglich abgedunkelte Kopfsatz-Einleitung mit ihren immer wieder anders zur Geltung kommenden Farbtupfern von Holzbläsern und hohem Streichertremolo zu Tage treten.

Eine 2008 im Pariser Louvre entstandene Aufzeichnung mit dem Orchestre de Paris widmet sich, begleitet von einer manchmal etwas steif anmutenden, aber dennoch stellenweise sehr interessanten Werkeinführung, Igor Strawinskys 'L’Oiseau de Feu'. Besonders spannend ist es, von dieser jüngeren Aufnahme aus einen Blick auf frühere Ansätze zu werfen, die in einigen historischen Aufnahmen eingefangen sind: Da ist einmal ein Mitschnitt von Claude Debussys Ballettmusik 'Jeux' mit dem New Philharmonia Orchestra von 1968, eine 1974 aufgezeichnete Interpretation von Debussys 'Images' und Arnold Schönbergs 'Begleitungsmusik zu einer Lichtspiel-Scene' op. 34 mit dem BBC Symphony Orchestra und schließlich ein außergewöhnlich spannender Mitschnitt von Strawinskys 'Le Sacre du printemps' aus dem Jahr 1997, der sich – wiederum mit diesem Orchester eingespielt – als Summe einer Jahrzehnte währenden Auseinandersetzung mit der Komposition dokumentiert.

Aufschlussreicher Vergleich

Zwei Konzertmitschnitte von der Musiktriennale Köln aus dem Jahr 2000 mit dem Chicago Symphony Orchestra umfassen, wie Boulez in einem im Bonus-Material auffindbaren 20-minütigen Gespräch darlegt, einander ergänzende und abgestimmte Programme mit Blick auf unterschiedliche ‚Modernen‘ des 20. Jahrhunderts. Ungewöhnlich sind die Konzerte insofern, als das erste – mit Werken von Manuel de Falla, Debussy und Boulez – dem Dirigenten Daniel Barenboim überlassen ist, während Boulez selbst das zweite – mit Werken von Strawinsky, Debussy und Alban Berg – dirigiert. Der Vergleich im Umgang beider Dirigenten mit dem Orchester ist sehr erhellend und fällt nicht unbedingt zugunsten von Barenboim aus, der die feineren Details der Partituren oft ein wenig vernachlässigt. Lieblos bietet er vor allem Boulez’ vier kurze Orchesterstücke 'Notations I–IV' dar, bei deren Wiedergabe sich das renommierte Orchester in Bezug auf Intonation und Zusammenspiel zudem auch leicht überfordert zeigt – was möglicherweise auf unzureichende Probenarbeit hindeutet.

Von großem Interesse ist Barenboims Konzert aber insofern, als der Mitschnitt einen direkten Vergleich mit Boulez’ eigener Interpretation der 'Notations' ermöglicht, die sich im Rahmen des Bonus-Materials zur Luzern-Dokumentation findet. Macht man sich die Mühe, beide Einspielungen nacheinander zu hören, bekommt man noch einmal die ganze Schärfe der Boulez’schen Manier im Umgang mit dem Orchester vor Ohren – und Augen – geführt, denn die Stücke wirken unter der Stabführung des Komponisten völlig anders und entfalten eine enorme instrumentale Leuchtkraft. Dies ist nur eines von vielen bemerkenswerten Beispielen, die sich auf den DVDs und ihren zahlreichen Extras finden lassen. Dass man es, entsprechend der über vier Jahrzehnte gestreuten Aufnahmedaten und -gelegenheiten, bei alldem mit einer variablen Ton- und Bildqualität zu tun hat, braucht hier nicht gesondert erwähnt zu werden, ist aber auch nicht weiter störend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Boulez, Pierre: Emotion & Analysis

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
16.02.2015
Medium:
EAN:

DVD
880242610089


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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