> > > Schütz, Heinrich: Matthäuspassion
Sonntag, 16. Mai 2021

Schütz, Heinrich - Matthäuspassion

Schlicht und ergreifend


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Matthäuspassion von Heinrich Schütz in einer dem Werk überaus entsprechenden Deutung durch Hans-Christoph Rademann und den Dresdner Kammerchor, mit dem bemerkenswerten Evangelisten Georg Poplutz.

Die Passionszeit 2015 nutzt Hans-Christoph Rademann, um im Rahmen seiner Schütz-Gesamtaufnahme die Matthäuspassion von 1666 vorzustellen. Schütz lebte zu dieser Zeit, gut achtzigjährig, zurückgezogen in Weißenfels, körperlich schon gebrechlich, aber doch noch immer mit frisch inspirierter Kreativität. Dabei hatte er sich längst von klanglicher Größe, von der Vielfarbigkeit früherer Sammlungen verabschiedet und bereits in den Jahren zuvor zu seinem Altersstil gefunden: Auch die ohne begleitende Instrumente zu singende Matthäuspassion ist äußerst konzentriert, gar reduziert – aber eben bei aller affektiven Schlichtheit nicht einfach oder gar ärmer an Ambitionen als frühere Kompositionen es waren. Es ist Musik in all ihren wesentlichen Schützschen Parametern, alles Überflüssigen und Äußeren entkleidet. Und gerade auf diese subtile Weise bringt Schütz den Passionstext zu intensivster Wirkung. Er fordert den Hörer auf, Nuancen zu hören, mitzudenken, mitzufühlen, mitzuerleben – durchaus auch den Hörer von heute, denn das Werk strahlt in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Frische aus.

Herausragender Evangelist

Es ist dies eine Musik, die ob ihrer konzentrierten Schlichtheit nicht leicht zur vollen Geltung gebracht werden kann: Gestaltet man sie zu textfern und arm an Leidenschaft, berührt sie nicht. Appliziert man Äußerlichkeiten, dramatisiert man primär gesanglich, entspricht sie nicht dem lichten Satz und verfehlt so ihre Wirkung. Der Tenor Georg Poplutz hat im Rahmen der Schütz-Gesamteinspielung bereits mehrfach bewiesen, dass er so etwas wie die ideale Schütz-Stimme hat, der das, was Schütz verlangt, auf natürlich wirkende Weise nahe ist. Nach Schütz‘ Maßgabe nimmt der Evangelist ‚…seine partey für sich, vnd recitiret dieselbe ohne einigen tact, wie es jhm bequem deucht, hinweg, helt auch nicht lenger auff einer Sylben, als man sonsten in gemeinen, langsamen und verstendlichen Reden zu thun pfleget.‘ Genauso macht Poplutz es; er ist in dieser Haltung absolut souverän, verkörpert die gewünschte schlichte Natürlichkeit geradezu. Dank seiner exzellenten, nie artifiziellen Diktion können Text und Töne dahinströmen, werden immer wieder auch dringlich gesteigert – aber eben deutlich nachvollziehbar aus dem Text motiviert, ohne äußeres Wollen. In solcher Steigerung geht Poplutz hörbar ins Risiko, durchaus abseits klassischen Schönklangs, auch darin überzeugend.

Der Bariton Felix Rumpf ist ein mehr als geeigneter Jesus, mit einem feinen Stimmkern, dazu intensiver, gleichwohl natürlicher Sprache. Auch die Soliloquenten fügen sich nahtlos und in vergleichbarem Duktus ein, unterstreichend, dass Rademann für seine Schützinterpretationen immer wieder charakterlich verwandte Stimmen auswählt.

Der Chor spielt abgesehen von den der Passion vorangestellten drei Sätzen eine kleinere Rolle, wirkt in seinen Beiträgen subtil, textsensibel und frisch, schaltet sich selbstverständlich mit den Turbae ein, singt nicht über feine Nuancen hinweg.

Das Klangbild erweist sich am bewährten Aufnahmeort, der Radeberger Stadtkirche, als klar, sehr gut disponiert, von angemessener Räumlichkeit getragen. Einzig in der das Programm einleitenden 'Litania' SWV 458 scheint die Balance zwischen Chor und Ulrike Hofbauers schönem Sopran nicht glücklich und latent der Solistin zuneigend.

Heinrich Schütz‘ Matthäuspassion ist ein Werk der schlichten, reduzierten, zugleich höchst subtil und konzentriert zur Geltung gebrachten Mittel. Auch dem heutigen Hörer öffnet sich bei einiger Geduld ein Raum besonderen Erlebens. Die Musik ist, zumal in so gelungener Interpretation, geeignet, gängige Hörgewohnheiten zu entschlacken. Man kann sich ganz ohne Textbuch dem Passionsgeschehen anvertrauen und ist bei Rademann in besten Händen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schütz, Heinrich: Matthäuspassion

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
06.02.2015
070:00
2014
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350832596
8325900


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"Die gefeierte Schütz-Gesamteinspielung bei Carus präsentiert in Vol. 11 die Matthäuspassion SWV 479. Schütz’ Passionen nach den Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes sind allesamt Auftragskompositionen für den Dresdner Hof. Mit ihnen beschließt Schütz die Reihe seiner biblischen Historienvertonungen. Dabei handelt es sich um reine A-cappella-Vertonungen von hohem handwerklichen Anspruch und zugleich dichter, verinnerlichter Expressivität. Sie sind reife Alterswerke, mit denen eine ganze Musikepoche ihren krönenden Abschluss zu finden scheint. Als letzte der drei Passionsvertonungen entstand 1666 die nach dem Evangelisten Matthäus. Besonders in diesem Werk schwebte dem Komponisten ein emphatisches Deklamieren des gesungenen Bibeltextes vor, was eine lupenreine Intonation und perfekte Textverständlichkeit erfordert. Voraussetzungen, die Georg Poplutz als Evangelist und der exzellente Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann mühelos erfüllt. Die Litania SWV 458, die Psalmvertonung In dich habe ich gehoffet, Herr SWV 128 sowie O du allersüßester und liebster Herr Jesu SWV 340 ergänzen das Programm der CD auf ideale Weise."


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Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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