> > > Müthel, Johann Gottfried: Sämtliche Orgelwerke
Donnerstag, 23. November 2017

Müthel, Johann Gottfried - Sämtliche Orgelwerke

Kraftvolle Orgelraritäten


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johann Gottfried Müthels Orgelwerke sind ein Kennenlernen wert. Sein stilistisches Pendeln zwischen Barock und Sturm und Drang lässt immer wieder aufhorchen. Matteo Venturini spürt diesen überraschenden Wendungen spannkräftig nach.

Die Orgel hat für Johann Gottfried Müthel Zeit seines Lebens eine bedeutende Rolle gespielt. Der Vater des 1728 in Mölln geborenen Komponisten war Organist an der dortigen Nicolaikirche; von ihm hatte Müthel den ersten Unterricht erhalten. In Lübeck hatte er sich bei dem dortigen Organisten an St. Marien, Johann Paul Kuntzen, fortgebildet. Als Kammermusiker und Hoforganist war Müthel 1747 in die Dienste des Herzogs Christian Ludwig II. von Mecklenburg-Schwerin getreten, der ihm 1750 einen einjährigen Studienurlaub gewährte, der Müthel kurze Zeit einen der allerletzten Schüler Johann Sebastian Bachs hat werden lassen - drei Monate später war Bach verstorben. Danach bildete sich Müthel bei Bachs Schwiegersohn Johann Christoph Altnikol in Naumburg fort, der selbst ein Schüler Bachs gewesen war, suchte in Dresden Johann Adolf Hasse auf und lernte in Berlin Carl Philipp Emanuel Bach und in Hamburg Georg Philipp Telemann kennen. An den Hof seines Brotgebers nach Ablauf des gewährten Studienjahres zurückgekehrt, fühlte sich Müthel dort fortan aber nicht mehr wohl und suchte schon einige Jahre später um seine Entpflichtung nach, ging nach Riga und übernahm ab 1753 hier für zwei Jahre die kleine Hauskapelle des Geschäftsmannes und russischen Geheimrats Otto Hermann von Vietinghoff. Mehr als ein Jahrzehnt lang wartete er darauf, das Organistenamt an der Hauptkirche St. Petri in Riga angetragen zu bekommen, das er dann von 1767 bis zu seinem Lebensende 1788 bekleiden durfte. Trotz der langen Zeit als Organist hat Müthel vergleichsweise nur wenige Orgelwerke hinterlassen. Sein eigentliches kompositorisches Interesse lag mehr auf dem Gebiet der Instrumental- und der Claviermusik, der er, ein glühender Anhänger des neuen empfindsamen Stils, wesentliche Impulse mitgegeben hat. Auch in seinen Orgelwerken, die jüngst von dem Label Brilliant in ihrer Gesamtheit mit Matteo Venturini, gespielt auf drei unterschiedlichen italienischen Orgeln, veröffentlicht worden sind, lässt sich eine Vorliebe Müthels für den Sturm und Drang erkennen, wenngleich er hier auch immer wieder, insbesondere in den Choralbearbeitungen, die Rückbesinnung auf die Tradition des Barock heraufbeschwört.

Für dieses stilistische Changieren Müthels steht beispielhaft seine Fugenfantasie C-Dur: Von der Themenerfindung und der Faktur her nimmt die Fuge zunächst einen regelhaften Verlauf, doch die weitere Entwicklung des insgesamt fast 15 Minuten langen Orgelwerks löst sich alsbald immer mehr von dem traditionellen Habitus und erreicht die Gefilde des empfindsamen Stils. Müthel macht hier die Orgel und ihre klanglichen Charakteristika gewissermaßen zum Experimentierfeld für das Erproben der Wirkkraft von spielerischen Figuren, und er tritt damit ein für einen neuen, einen sehr freien und losgelösten Umgang mit der Fugenmaterie. So spielt Müthel etwa im weiteren Fortgang in den wieder neu aufgenommenen Anläufen zu einer Art hergebrachter Durchführungstechnik auch mit bloßen Abspaltungen von Motivgruppen des Fugenthemas. Das alles ist recht eigenwillig und in Klang und Ausdruck auch nicht unbedingt von der Orgel her gedacht. Es zeigt auch ein starkes improvisatorisches Element, doch Matteo Venturini vermag diese Ambivalenz kongenial in eine höchst spannungsreiche und durchsichtig gehaltene Klanggebung zu fassen.

Auch in der Darstellung der anderen freien Orgelwerke Müthels (der Komponist bezeichnet sie alle als 'Fantasie') arbeitet Venturini grundsätzlich gerne mit einem reichen Spektrum an Registerabstufungen und er erreicht hierbei einen weiten dynamischen Ambitus und eine vielfältige Palette an Farben. Der Organist weiß dabei das Phantastische, den gleichsam spontanen Einfall Müthels lebendig hervorzukehren und diese Elemente leicht und locker in den musikalischen Fluss einzubinden. Auch ein (unbezeichnetes) Stück für Pedal solo findet sich unter den hinterlassenen Orgelwerken Müthels, das aber in seiner zähflüssigen harmonischen Fortschreitung wie auch dem hartnäckigen Festhalten an einem orgelpunktartigen Zentralton, was den Eindruck einer virtuellen Zweistimmigkeit hervorrufen soll, doch etwas leer wirkt. Gleichwohl geht Matteo Venturini auch an dieses Pedalexerzitium mit größtem Elan heran. Müthels Choralbearbeitungen sind, wenngleich er hierbei in den Begleitstimmen zum Cantus firmus bisweilen mit viel (mitunter auch etwas erzwungen erscheinender) Chromatik arbeitet, weithin an barocke Muster angelehnt, doch überrascht Müthel auch hier in den beiden Bearbeitungen von 'O Traurigkeit, o Herzeleid' und 'Herzlich tut mich verlangen' mit einer dergestalt doch unerwarteten Einbettung des teils reich ausornamentierten Chorals in einen empfindsamen Satz. Auch hier weiß Matteo Venturini mit seiner sehr flüssigen, leichten und beweglichen Herangehensweise nachhaltig zu überzeugen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Müthel, Johann Gottfried: Sämtliche Orgelwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
06.02.2015
EAN:

5028421950136


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