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Montag, 10. Dezember 2018

Haba, Alois - Sämtliche Streichquartette

Mikrotonale Klangexperimente


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer sich für das Streichquartett im 20. Jahrhundert interessiert, muss hier zugreifen!

Es ‚ergibt sich, dass auch unser Tonsystem im Zeitverlauf neue Bereicherungen und Veränderungen erfahren wird. […] Bestände z.B. die Bereicherung in der 'Emanzipation der Vierteltöne' […], so würde Theorie, Kompositionslehre und Ästhetik der Musik eine total andere.‘ (E. Hanslick: ‚Vom Musikalisch-Schönen‘) Für die Streichquartette von Alois Hába (1893-1973) muss man sich Zeit nehmen, nicht nur als Hörer, sondern auch als Rezensent: Als Hörer, weil man sich in die Welt der Zwischentöne, in die mikrotonale Harmonik der Viertel-, Fünftel- und Sechsteltöne in Hábas Musik erst einhören muss. Als Rezensent, weil man ein bisschen mehr über diesen Komponisten und sein Werk schreiben muss, als bei anderen CD-Besprechungen, da es sich bei Hábas Musik über einen nicht so bekannten und sehr individuellen Seitenast der Musikgeschichte handelt.

Alois Hába wurde in Wisowitz in Mähren, heute die östlichste Region Tschechiens, geboren, wo er schon früh mit den nicht-diatonischen Tonskalen der Volksmusik in Kontakt kam. Vor dem Ersten Weltkrieg studierte er in Prag Komposition bei Vítězslav Novák (1870-1949), einem Schüler Antonín Dvořáks. Sein Militärdienst führte ihn 1917 an die Offiziersschule in Wien. Ab 1918 erfüllte er seine Soldatenpflichten in der musikhistorischen Zentrale in Wien und sammelte dort Soldatenlieder. Gleichzeitig setzte er sein Kompositionsstudium bei Franz Schreker (1878-1934) fort.

Zum Studienabschluss komponierte er in Wien sein 1. Streichquartett op. 4, ein gut halbstündiges tonales Werk, das sich an klassischem Formenbau orientiert und die impressionistische Verwandtschaft zu den Quartetten Ravels und Debussys nicht leugnen kann. Kurze Zeit später überraschte Hába seinen Lehrer Schreker, dem er inzwischen nach Berlin gefolgt war, mit seinem ersten mikrotonalen Werk. Dabei stammte die Idee dazu gar nicht von Hába. Theoretische Überlegungen zu einer chromatischen Intensivierung durch Zwischentöne hatten vor ihm schon andere angestrengt. Mit einem Streichquartett fand Hába das ideale Ensemble zur Verwirklichung dieser mikrotonalen Ideen, da die Streichinstrumente nicht auf feste Tonhöhen ausgelegt sind (später schrieb er auch eine vierteltönige Suite für Posaunenquartett). Kritik und Kollegen waren natürlich mit der Einordnung der Komposition zunächst überfordert, aber gleichzeitig begeistert über das Experiment, wie sein Studienkollege Wilhelm Grosz, der sich nach der Uraufführung von Hábas 2. Streichquartett op. 7 wie folgt äußerte: ‚Der Viertelton ist da, existiert, lebt. Kein Phantom mehr, keine Utopie, sondern Wirklichkeit… Die Praxis wurde verlangt. Die Theorie führt nicht weiter. Man wollte den lebendigen Klang. Nun ist er da.‘ Hába selbst reflektierte sehr viel über seine Werke und schrieb zu dieser ersten Viertelton-Komposition im Vorwort: ‚Es handelte sich mir um die Durchdringung des bisherigen Halbtonsystems mit feineren Tondifferenzen, nicht um die Gefährdung des Systems. Meinem Gefühle erschien das Vierteltonsystem nicht als eine neue Sprache, sondern als Weiterbildung der alten.‘

Mit seinem zwei Jahre später komponierten 3. Streichquartett ging er sogar noch einen Schritt weiter in Richtung auf einen individuellen Stil. Er schrieb es in einem ‚unthematischen Musikstil‘, wie er es nannte. Das bedeutet, dass sich Themen nicht wiederholen dürfen und ist damit natürlich auch eine Absage an herkömmliche Formen. Hába rechtfertigte seine Idee der unthematischen Musik folgendermaßen: ‚Die Idee der Nichtwiederholung ist die Grundlage des gesamten Lebens. Nicht zwei Augenblicke, die wir erleben, sind gleich. Nichts wiederholt sich im Leben.‘ In den ‚unthematischen‘ Werken erhebt er, wie die französischen Impressionisten, den Klang zum konstituierenden Element, die oft motorische Rhythmik dient dazu, seine reihenden Formen voranzubringen. Es ergibt sich so ein ‚immer vorwärts gedachter Fluss‘, oder auch mal ein einfacheres Vor-sich-hin-Plätschern. Die Viertelton-Harmonik gibt diesem Strömen des Klanges vor allem in den langsamen Sätzen einerseits etwas Schmerzvolles, andererseits erzeugen die neuen Fortschreitungsmöglichkeiten der Klänge mitunter ein Schweben des Klanges, das an (hier kontrollierte) Gleichlaufschwankungen von Magnetbändern erinnert. Durch das Fehlen von sich wiederholenden Themen verliert man als Hörer durchaus mal den Faden in dieser Musik, vor allem in den beiden sehr weit ausholenden Sätzen des 4. Streichquartetts. Das 5. Streichquartett von 1923 setzt dann neue Reize mit der erstmaligen Verwendung von Sechsteltönen.

Danach setzte eine lange Streichquartettpause ein. Hába versuchte mit zahlreichen Kompositionen, das für ihn konstruierte Viertelton-Klavier zu etablieren, er schrieb seine erste vierteltönige Oper 'Die Mutter' und er verfasste eine ‚Neue Harmonielehre des diatonischen, chromatischen Viertel-, Drittel-, Sechstel- und Zwölfteltonsystems‘ als theoretische Grundlage für den Unterricht in der für ihn 1924 am Prager Konservatorium eingerichteten Abteilung für mikrotonale Musik. In den Jahren 1945 bis 1950 übernahm er zusätzlich noch die Leitung der ‚Oper des 5. Mai‘ in Prag. Schließlich trat jedoch ein Geiger in sein Leben, der für das weitere Streichquartettschaffen Hábas die entscheidenden Impulse setzte, Dušan Pandula. Dieser hatte ein Streichquartett gegründet und bat Hába um die Komposition weiterer Werke. Es entwickelte sich eine langjährige fruchtbare Partner- und Freundschaft. Das bald Hába-Quartett genannte Ensemble sollte alle weiteren Quartette Hábas uraufführen und zum zentralen Bestandteil seines Repertoires werden lassen.

Zunächst komponierte Hába ein weiteres Viertelton-Quartett, das aber wegen der zunehmenden ‚Formalismus‘-Vorwürfe des sozialistischen Staatsapparats gegen ihn vorerst nicht aufgeführt werden konnte. Hába verlor aus diesen politischen Gründen auch seine Stelle an der Oper. Seine Abteilung für mikrotonale Komposition wurde geschlossen. Allein ein Job in der Musikbibliothek hielt ihn finanziell über Wasser. Um sich kooperativ zu zeigen, komponierte er drei kurze Streichquartette im traditionellen Halbtonsystem, in die er Volksmusik- und Tanzelemente integrierte. Zwei verwendete tschechische Weihnachtslieder führten so zum Namen ‚Weihnachtsquartett‘ für sein 7. Streichquartett, für das er sogar einen Preis des Komponistenverbandes erhielt. Auch für das Hába-Quartett hatte die sozialistische Eiszeit und die politische Verurteilung seines Namenspatrons Folgen. Es musste sich auf Druck von oben umbenennen, wählte Hábas Lehrer Vítězslav Novák als neuen Namensgeber und führte unter dem Namen Novák weiterhin die Quartette Hábas auf.

Hába ließ sich aber nicht lange von seinem mikrotonalen Weg abbringen. Mit dem 10. Streichquartett kehrte er zum Sechstelton-System zurück und feierte große Erfolge bei Festivals für Neue Musik im westlichen Ausland, immer mit dem Novák-Quartett als Interpreten. Während bei den schnellen Sätzen die Mikrotöne eher eine Nebenrolle spielen, erzielt er in den langsameren Sätzen mit mikrotonalen Rückungen sehr interessante Klangwirkungen. Zwischen die mikrotonalen Werke schiebt er aber immer wieder Quartette im traditionellen Halbtonsystem ein (Nr. 13 &15). Die Anzahl der Sätze nimmt in gleichem Maße zu wie deren Länge abnimmt. Kein Satz der letzten drei Werke dauert länger als zwei Minuten. Es sind kleine Klangminiaturen mit jeweils einem zu verarbeitenden Einfall, programmatisch auch im 14. Quartett beschrieben, die aber nicht mehr zueinander in Beziehung gesetzt werden müssen. Lebten seine früheren Streichquartette oft von einem reichen Klang, so werden die späten Werke immer karger, sind oft nur ein- oder zweistimmig, mehr musikalische Gesten als ein richtiger Streichquartettsatz. Mit dem 16. Quartett betrat Hába ein letztes Mal mikrotonales Neuland: Es ist sein einziges Werk in einem Fünfteltonsystem, ausgehend von der unterschiedlichen Tonhöhe des erhöhten bzw. erniedrigten Halbtons (z. B. cis-des) mit jeweils einem Ton zwischen diesen Halbtönen und dem nächsten Ganzton.

Sein letztes Werk für Streichquartett und eines seiner letzten Werke überhaupt kombiniert das Quartett mit einer Sprechstimme, die deutsche Verse von Renáta Pandulová, der Ehefrau des Geigers des Hába-Novák-Quartetts, rhythmisch festgelegt, aber ohne definierte Tonhöhe rezitiert. Die Streicherbegleitung macht aus diesen ebenfalls sehr kurzen Sätzchen kleine Miniaturdramen.

Wie ging es mit dem Hába-Quartett weiter? Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings emigrierte Dušan Pandula mit seiner Familie nach Frankfurt am Main, was zur Auflösung des Ensembles führte. Er gründete dort allerdings 1984 mit seinem Schüler Peter Zelienka ein neues Hába-Quartett. Nach einem Generationswechsel um die Jahrtausendwende ist Peter Zelienka nun die verbindende Person zur Tradition des alten Hába-Quartetts, und es ist nur allzu natürlich, dass das Ensemble schließlich eine Gesamtaufnahme der Werke Hábas in Angriff genommen hat. Zwar sind alle Aufnahmen schon vor 2006 als Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk entstanden, die Veröffentlichung zog sich aber bis jetzt hin; so ist die Aufnahme nicht die erste im Handel erhältliche Gesamteinspielung der Werke Hábas ist. 2007 bereits erschien bei Bayer Records eine Aufnahme des Stamitz Quartetts, also eines weiteren traditionsreichen Ensembles mit tschechischen Wurzeln.

Was mich an der Aufnahme des Hába Quartetts beeindruckt (ohne dass ich die Aufnahme des Stamitz-Quartetts kenne) ist, wie selbstverständlich diese vier Musiker mit den Mikrointervallen umgehen. Die Musik klingt nicht einfach unsauber, sondern jeder Ton sitzt exakt da, wo er im mikrotonalen System sitzen soll und wirkt dort auch vollkommen überzeugend, was gleichzeitig für den Komponisten Hába spricht. Wenn man bedenkt, wie lange man als Hörer schon braucht, um sich in diese Harmonien einzuhören, so ist es umso beeindruckender, mit welcher Sicherheit sich die Musiker des Hába-Quartetts in dieser Welt bewegen.

Und nicht zuletzt soll hier noch das Booklet erwähnt werden: Selten habe ich ein so werthaltig aufgemachtes Produkt in den Händen gehalten wie diese CD-Box. Das insgesamt 80-seitige Booklet (deutsch/englisch/französisch) hält nicht nur zahlreiche Fotos von Hába und den Musikern bereit; es geht in einem 17-seitigen Text auch ausführlich auf Leben und Kompositionsweise Hábas und auf die Besonderheiten der einzelnen Werke ein. Insgesamt also ist diese Gesamteinspielung ein Paket, das in allen Kategorien nur Höchstnoten verdient und das speziell für am Streichquartett des 20. Jahrhundert interessierte Hörer eigentlich ein Muss ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haba, Alois: Sämtliche Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
4
16.01.2015
EAN:

4260063110016


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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