> > > Movio, Simone: Tuniche
Freitag, 22. September 2017

Movio, Simone - Tuniche

Fragile Klanggewebe


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Porträt-CD stellt den Komponisten Simone Movio als Konstrukteur feiner instrumentaler Klangverläufe vor.

‚Kontemplation’, so Markus Böggemann in seinem klugen Booklettext zur Musik des italienischen Komponisten Simone Movio (*1978), sei ‚nicht nur eine Haltung, die die Musik von ihren Hörern einfordert, sondern zugleich auch eine Dimension ihrer eigenen Gestaltung’. Die vorliegende Porträt-CD des Labels col legno lässt in den versammelten Instrumentalwerken des Siemens-Förderpreisträgers einen ausgeprägten Personalstil erkennen, dessen Diktion zwar gelegentlich ein wenig an die Musik Salvatore Sciarrinos erinnert, aber dennoch eindeutig vom kontemplativen Moment getragen wird. Bezeichnend für Movio ist die Arbeit mit spektral fundierten Texturen, deren sorgfältig kalkulierte und im Notenbild präzise festgehaltene Beschaffenheit – oft den hohen Registerlagen vorbehalten – die Klangräume seiner Kompositionen auf unterschiedliche Weise strukturiert.

In 'Di fragili incanti' für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier (2006) regieren vorwiegend zarte Klänge, die in Gestalt musikalischer Verwirbelungen aufeinander prallen, in differenten Bewegungsschichten fortgesponnen werden und dabei ein fragiles Geflecht bilden. Ähnlich werden auch 'Incanto III' für Tenorsaxophon, Perkussion und Klavier (2012) die Linien der einzelnen Instrumente behutsam zu einem filigranen Klanggefüge geformt. Zu ihm gehören beispielsweise die gestrichenen Crotales, deren dynamische Schweller immer wieder aus dem Nichts kommen, kurz aufblühen und dann wieder verschwinden. Allerdings bindet Movio hier als Gegengewicht weitaus stärker sowohl die tiefen Register als auch das Klavier als Träger akkordischer Momente ein und durchsetzt den Werkverlauf zudem mit zum Teil heftigen Ausbrüchen.

In '… come spirali …' für Saxophon, Violine, Perkussion und Klavier (2008) ist die Besetzung des jüngeren Stücks nur minimal variiert, doch geht der Komponist hier anders vor: Er gestaltet den Zeitverlauf der Musik durch unterschiedliche Bewegungszustände und Verdichtungsprozesse, die sich, mit Geräuschanteilen angereichert, zu farblich kontrastierenden Teilen fügen oder in ihrer ins Gegenteil gewendeten Form als atmende Pausen den Instrumentalklang gedanklich verlängern. In allen drei Stücken zeigt sich das Klangforum Wien unter Leitung von Andreas Eberle von seiner besten Seite: Die Formung der irisierenden Klangwirkungen erscheint bisweilen extrem plastisch, der Instrumentalklang weist zudem eine große Tiefenschärfe und eine erstaunliche dynamische Variabilität auf.

Eine ganz eigene Klangwelt eröffnet sich im Saxophonquartett »Zahir V« (2011-12), dessen Umsetzung in den Händen des Ensembles SIGMA PROJECT liegt: Die ausschließliche Fixierung auf Saxophonklänge verdeutlicht noch einmal, wie Movios Klangvorstellungen auf unterschiedlichen Ebenen des Tonsatzes wirksam werden: Anblas-Impulse werden zu Klangketten erweitert und verlieren sich in Pausen, Atem- und Klappengeräusche schattieren die Tongebung, während sich die vier Instrumente zu Klangbändern oder kurzen melodischen Phrasen zusammenschließen, sich im rhythmischen Unisono bewegen oder in heterophon organisierte Flächen einmünden. Besonders schön ist hier der elastische Umgang der Interpreten mit den Umschwüngen, den rhythmischen Momenten und der Entfaltung von Bewegungsfiguren: Er trägt viel dazu bei, dass die Wiedergabe des Stückes zum Höhepunkt der CD wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Movio, Simone: Tuniche

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
1
16.01.2015
EAN:

9120031341277


Cover vergössern

col legno

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

col legno - new colors of music


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag col legno:

  • Zur Kritik... Phänomenale Klangwirkungen: Eine neue Produktion des Labels col legno befasst sich mit einer Auswahl von elektroakustischen Kompositionen aus den Jahren 1957 bis 1986 und kleidet sie - den Voraussetzungen der heutigen Technologie entsprechend - klanglich neu ein. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Mahler in neuer Deutung: Franui versammelt auf dieser CD sehr eigenwillige Werke nach Liedern Gustav Mahlers. Weiter...
    (Fabian Bell, )
  • Zur Kritik... Vokale Kunststückchen: Aus sich selbst heraus vermitteln sich die außergewöhnlichen Mouthpiece-Kompositionen der Vokalartistin Erin Gee. Weiter...
    (Jasemin Khaleli, )
blättern

Alle Kritiken von col legno...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... Erkundung klanglicher Zwischenbereiche: Marco Fusi widmet sich auf seiner neuesten CD den solistischen Werken für Violine und Viola von Salvatore Sciarrino. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Bernd Alois Zimmermann im Fokus: Eine aus drei SACDs bestehende Anthologie des Labels Cybele widmet sich in Klang und Wort den späten Werken des Komponisten Bernd Alois Zimmermann. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Würdigung eines wichtigen Komponisten: Pünktlich zum zehnten Todestag von Günther Becker veröffentlicht das Label Cybele eine Anthologie mit drei SACDs, die sich in Klang und Ton dem 2007 verstorbenen Komponisten und seiner Klaviermusik widmet. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Mit starkem Pinsel: Daniel Raiskin und das Staatsorchester Rheinische Philharmonie legen sich für den dänischen Sinfoniker Louis Glass voll ins Zeug und bringen das Interessante und Ansprechende dieser vielfarbigen Musik sehr gut zur Geltung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Seltene Erden: Ein Dokument des Gelingens. Weiter...
    (Dr. Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Besser als die Vorlage: Der Pianist Blazej Kwiatkowski versteht Chopins Lieder als ganz persönliche Tagebucheinträge des Komponisten. Gemeinsam mit empathischen Stimmen und begleitet auf einem Breadwood von 1847 belässt er sie in ihrer Schlichtheit. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2017) herunterladen (1880 KByte) Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Feliks Nowowiejski: Quo Vadis - Me thinks that God thro' you hath spoken!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Winfried Rademacher im Portrait "In jedem Ton schwingt der Mensch mit, der ihn produziert"
Winfried Rademacher sucht als Geiger auch gerne Kostbares auf Nebenwegen

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich