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Dienstag, 9. August 2022

Constantinople - Metamorfosi

Barock im Schmelztiegel


Label/Verlag: Analekta
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Barocke und orientalische Instrumente gepaart mit einem klassischen Sopran verwandeln Barockkompositionen in spannende und zum Teil exotische Klanggebilde zwischen damals und heute.

Konstantinopel, heutzutage besser bekannt als Istanbul, wurde im Laufe seiner Geschichte zum Sinnbild für das Aufeinandertreffen von Orient und Okzident, Fernost und Europa. Seinem Namen macht das Ensemble Constantinople alle Ehre und hat sich genau dieser kulturellen Verschmelzung angenommen. Auf seiner neuesten CD mit dem Titel ‚Metamorfosi – Impressions Baroques’, erschienen bei Analekta, widmen sich die Musiker Werken der Barockzeit und verwandeln sie in fernöstliche Spiegelbilder ihrer selbst.

Den ‚harten Kern’ von Constantinople bilden die Brüder Kiya und Zya Tabassian (Sitar und Percussions) sowie Pierre-Yves Martel (Viola da gamba). Für ihr jüngstes Projekt holten sie sich Unterstützung bei Enriques Solinis auf der Barockgitarre und der Theorbe sowie Miren Zeberio auf der Barockvioline. Des Weiteren tritt für einige Lieder die unter anderem auf Alte Musik spezialisierte Sopranistin Suzie LeBlanc hinzu.

Zu den ausgewählten Stücken dieser CD zählen Werke ‚großer’ Meister der Barockmusik ebenso wie von weniger bekannten, aber deshalb nicht weniger talentierten Komponisten: Es erklingen Stücke von Claudio Monteverdi, Barbara Strozzi, Stefano Landi, Tarquinio Merula und ein Ausschnitt aus Salomone Rossis 'Sinfonia quinta', stets im Wechsel mit Kompositionen von Giovanni Girolamo Kapsberger.

Die Musiker des Ensembles Constantinople haben es sich zur Aufgabe gemacht, verschiedenste Kulturen der Welt zu entdecken und in deren Erbe zu stöbern, um das Gefundene schließlich ästhetisch zu verbinden. Im Hinblick auf ‚Metamorfosi’ wird das Ergebnis die Hörerschaft wohl spalten: Einige werden monieren, was Constaninople aus den Vorlagen macht, habe wenig bis nichts mehr mit barocker Kunstmusik zu tun und ziele nur auf den Anschein modischer Interkulturalität ab. Doch wenn man bereit ist, sich von den Originalen lösen und nicht streng auf historische Aufführungspraxis pocht, wird man mit einem überraschenden, spannenden und von Anfang bis Ende mitreißenden Hörerlebnis belohnt. Dabei muss niemand befürchten, dass die Werke völlig entfremdet und verstellt werden. Die Originalkompositionen dienen den Musikern als Ausgangspunkt; durch ihre unbeschwerte Herangehensweise und spieltechnischen Mittel erschaffen sie facettenreiche Klangwelten.

Bereits die Auswahl der Instrumente ermöglicht es Constantinople, den Charakter der Werke ganz neu zu erforschen. Auch die Werkstrukturen werden durch Improvisationen erweitert, bei denen jeder Instrumentalist seinen Glanzmoment erhält. So wurde in ein Stück von Giovanni Girolamo Kapsberger sogar ein Percussion-Solo eingebaut, das sich wunderbar in das rhythmisch geprägte, tänzerisch beschwingte Stück einfügt. Das rhythmische Element wird in fast allen Interpretationen der CD betont, mal mehr im Vordergrund wie in Merulas 'Sentirete una canzonetta', mal hintergründiger, z.B. in Landis 'A che piú l’arc tendere'. Das gibt den Stücken Leichtigkeit und Agilität.

Das Zusammenspiel der fünf Musiker ist perfekt aufeinander abgestimmt, so dass die Deutungen trotz der in den Vordergrund rückenden exotischen Färbungen dennoch harmonisch und rund sind. Der Auszug aus Monteverdis 'Il ballo delle ingrate' bildet einen kraftvollen CD-Auftakt voller rhythmischer Verdichtungen und spannungsreicher Dynamik, wohingegen Kapsbergers klanglich reduzierte 'Bergamasca' vor allem durch zartes Gitarrenspiel bezaubert.

Auch die Sängerin Suzie LeBlanc fühlt sich offenbar in diesem musikalischen Umfeld wohl. Sie betont das Dramatische der Textvorlagen, ihre Stimme führt sie federleicht und geschmeidig, voller gestischer und emotionaler Ausdruckskraft. Monteverdis 'Si dolce é il tormento' interpretiert sie ruhig und getragen, ohne das Stück in Schwermütigkeit zu ertränken. Bei den Werken von Strozzi kommt ihre natürlich und unangestrengt wirkende Stimme besonders gut zur Geltung; frei von jeder Affekthascherei lotet LeBlanc etwa in 'L’Eraclito amoroso' ihre Tiefen aus. In Merulas 'Sentirete una canzonetta' fasziniert der exotische Kontrast von Sopran und Percussion. Einziger Minuspunkt dieser Produktion ist das Booklet, das zwar grafisch sehr schön gestaltet ist, jedoch kaum Informationen zu den ausgewählten Werken oder Komponisten enthält.

‚Metamorfosi’ ist ein mutiger und durchaus gelungener Versuch des Ensembles, Alte Musik neu zu entdecken. Mit orientalischen Einflüssen öffnet Constantinople einen spannenden, kreativen Zugang zu den Werken, der sich nicht allein in einer Kultur, geschweige denn Zeit verorten lässt. So entstehen ungewöhnliche Interpretationen, deren ausgewogene und farbenreiche Klangbilder das barocke musikalische Material gewissermaßen zeitlos machen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Constantinople: Metamorfosi

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Analekta
1
24.11.2014
Medium:
EAN:

CD
774204914226


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Analekta

ANALEKTA is a Greek word which can be translated as "a collection of the finest works". Since the inception of the company in 1988, founder and President Mario Labbé and his team of dedicated people have worked diligently to represent its corporate name.
ANALEKTA has become the largest independent classical record company in Canada. Being the recipient of many distinguished prizes, notably for the quality of its recordings and the rigorous musicianship of its artists, ANALEKTA has earned a reputation of excellence on the international music scene. The company is now considered a benchmark within the Canadian music industry and a true gem of Canadian culture.
The Quebec recording company specializing in classical music, ANALEKTA was founded with the goal of becoming one of Canada's leading record labels. The driving force behind the label has always been its musicians, exceptional artists who would become ANALEKTA's guarantee of excellence. Over the years, the label has therefore developed an association with the country's finest musicians and musical organizations. ANALEKTA's recordings equal fine interpretations, originality and excellence.
Each year, ANALEKTA releases no less than 30 classical recordings featuring the greatest Canadian musicians. Over the years, ANALEKTA has produced over 350 titles with more than 200 artists. The level of excellence of its artists, combined with the determination of its management and its entire team have created an enviable reputation and a first-rate image for the company, both at home and abroad.
Though its focus remains classical music, ANALEKTA continues to seek new talent and promote Canadian musicians. Embracing a new array of genres to widen its musical horizons, ANALEKTA's catalogue now includes World Music, jazz and movie soundtracks, making music accessible to music aficionados with eclectic taste.
ANALEKTA's 'selection of the finest works' featuring the finest Canadian musicians continues to flourish. More than ever, ANALEKTA's name is synonymous with excellence.


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