> > > Hoffmann, E.T.A.: Symphonie in Es-Dur
Montag, 2. Oktober 2023

Hoffmann, E.T.A. - Symphonie in Es-Dur

Zwischen Epochen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme der Es-Dur-Sinfonie sowie zweier Ouvertüren von E. T. A. Hoffmann ist maßstabsetzend. Zukünftige Einspielungen werden sich an ihr messen lassen müssen.

Die Kompositionen E. T. A. Hoffmanns sind mittlerweile ein Schaffensbereich des Multitalents, das regelmäßig auf unterschiedlichster Weise zum Zuge kommt. Gleichzeitig scheint es immer noch schwierig, den genauen Stil der Musik richtig einzuordnen. Es wäre nämlich falsch, würde man Hoffmann (literarisch wie musikalisch) leichtfertig mit dem schlagwortartigen Etikett ‚Romantik’ bezeichnen wollen. Gerade musikalisch darf man seine Musik im Spannungsfeld zwischen Klassizismus und Frühromantik ansiedeln.

Hoffmanns Sinfonie in Es-Dur erlebte seine Uraufführung kurz nach seiner Entstehung am 3. August 1806 in Warschau im Rahmen von Einweihungsfeierlichkeiten des dortigen neuen Konzertsaales im Mniszek‘schen Palais. In der Melodiegestaltung steht das Werk Carl Maria von Weber näher als dem späten Haydn, der dem Werk in formaler Hinsicht Vorbild war; doch wäre es müßig, würde man zwanghaft nach Ähnlichkeiten zu musikalischen Zeitgenossen suchen wollen – ebenso gut könnte man Czerny, Beethoven, Cherubini und andere bemühen. Die viersätzige Komposition entspricht ganz den damals üblichen Modellen, ist charmant und musikalisch ansprechend.

Besonders profitiert das Werk von der hier vorgelegten Wiedergabe durch die historisierend musizierende Kölner Akademie unter ihrem Chefdirigenten Michael Alexander Willens. Klassizistischer und frühromantischer Aspekt der Musik kommen gleichermaßen zum Tragen, die Komposition wird nicht unangemessen modernisiert und trägt so zum Verständnis des musikalischen Idioms dieser Zwischenepoche bei. Der elegante Charme etwa des 'Andante con moto' ist voller Wärme, Willens und seine Musiker erkunden auf das Differenzierteste die feinen Stimmungen, die in traditioneller Interpretation allein schon durch den Verzicht auf historische Spielweisen leicht an Farben verlieren. Der Menuettsatz ist offenkundig an den besten Modellen der Zeit aufgebaut, das an Kontrapunkt reiche, spielfreudige Trio erhält gerade durch die ‚period performance’ eine überzeitliche Qualität. Die Klangfarben der einzelnen Orchestergruppen sind auf das Beste aufeinander abgestimmt, die Aufführung ist in höchstem Maße inspiriert und dient dem Werk im besten Sinne des Wortes.

Bekanntester Programmpunkt der CD ist die Ouvertüre zu der ‚deutschen romantischen Oper’ 'Undine' (1814), obschon Verwandtschaften zu den noch klassizistischen Ouvertüren der unmittelbar vorhergehenden Jahre noch offenkundig sind – gerade wenn wie hier auf historischen Instrumenten oder Nachbauten musiziert wird (herrlich etwa die Effekte, die die beiden Hornisten beisteuern). Vom Prinzip ist die Ouvertüre (die an manchen Momenten den Stil des Zeitgenossen Franz Schubert zu spiegeln scheint) für eine Nummernoper mit gesprochenen Dialogen zu lang, und so hört man sie hier, außerhalb des eigentlichen musikalisch-dramatischen Kontextes umso lieber.

Zwei Jahre früher entstand die Oper 'Aurora' (nach dem bekannten Sujet um Cephalus und Procris), deren Ouvertüre mit einer herrlich ätherischen Einleitung beginnt, immer wieder unterbrochen durch dramatische Bläserfanfaren, die drohendes Unheil verheißen. Das Hauptthema des Hauptsatzes der Ouvertüre ist eindeutig an Beethoven angelehnt, während die Materialverarbeitung kurz darauf teilweise etwas konventionell gerät.

Weit mehr als nur ein ‚Filler’, wie man so gern unschön sagt, ist die Sinfonie A-Dur des Würzburger Kapellmeisters Friedrich Witt, der berühmt ist für jene berühmte ‚Jenaer’ C-Dur-Sinfonie, die für gut fünfzig Jahre lang als Jugendwerk Beethovens galt, obwohl schon Max Reger (der von dem Werk einen vierhändigen Klavierauszug angefertigt hatte) starke Zweifel an Beethovens Urheberschaft angemeldet hatte. Die hier vorgelegte Sinfonie entstand um 1790 und hat im Grunde nichts mit Hoffmann zu tun, der 1809 zwei spätere Sinfonien Witts für die Allgemeine Musik-Zeitung rezensierte. Warum nicht eine der näher liegenden Kompositionen für die vorliegende CD ausgewählt wurde, bleibt unklar; die Sinfonie in A-Dur gehört stilistisch noch eindeutig der Zeit vor Mozarts Tod an, ist aber trotz einer teilweise eher konventionellen harmonischen Gestaltung musikalisch ergiebig, mit überraschenden Wendungen. Dass das Werk vom Umfang her die Sinfonie Hoffmanns übersteigt, ist auffallend, auch wenn die Musik deutlich kurzweiliger, die musikalischen Phrasen knapper sind. Man hat den Eindruck, eine Haydn-Sinfonie der 1780er-Jahre vorliegen zu haben – nicht das schlechteste Kompliment für die Musik eines heute fast völlig Vergessenen.

Die (Deutschlandfunk-)Aufnahmetechnik ist von exzeptioneller Klarheit und unterstützt die uneingeschränkt empfehlenswerten Interpretationen auf das Gelungenste. Im Booklet findet sich leider ein dicker Fehler im Tracklisting und das Porträt Hoffmanns ist in indiskutabler Auflösung reproduziert, insgesamt aber haben wir hier eine Referenzeinspielung, an der sich alle zukünftigen Aufführungen werden messen lassen müssen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hoffmann, E.T.A.: Symphonie in Es-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
08.12.2014
Medium:
EAN:

CD
761203720828


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Hoffmann, E.T.A.
 - Sinfonie in Es-Dur - I. Adagio e maestoso
 - Sinfonie in Es-Dur - II. Andante con moto
 - Sinfonie in Es-Dur - III. Menuetto
 - Sinfonie in Es-Dur - IV. Finale. Allegro molto
 - Undine. Ouvertüre -
 - Aurora. Ouvertüre und Marsch -
Witt, Friedrich
 - Sinfonia in A-Dur - I. Adagio - Allegro vivace
 - Sinfonia in A-Dur - II. Menuetto. Allegro
 - Sinfonia in A-Dur - III. Andante
 - Sinfonia in A-Dur - IV. Allegretto


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Dirigent(en):Willens, Michael Alexander
Orchester/Ensemble:Kölner Akademie


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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