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Freitag, 19. Oktober 2018

4x4 Frauenchor der PH Heidelberg - Versuchung

Versuchungen eines Frauenchors


Label/Verlag: Castigo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter dem Titel ‚Versuchung‘ brachte der 4 x 4 Frauenchor der PH Heidelberg seine zweite CD heraus. Das Ensemble erreichte beim Deutschen Chorwettbewerb 2014 in Weimar den ersten Platz in der Kategorie Frauenchöre ab 16 Personen.

Neben Werken der Romantik und einem Stück aus dem 16. Jahrhundert macht die zeitgenössische Chormusik den Großteil des Programms vorliegender Einspielung aus. Das Ensemble besteht aus Lehramtsstudentinnen verschiedener Fachrichtungen und wird geleitet von Heike Kiefner-Jesatko. Dass die Stimmen durchwegs jung sind, hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Interpretation. Bei der 'Versuchung' von Johannes Brahms ist dieser fast kindliche Klang besonders passend. Für diese Interpretation erhielt das Ensemble eine Sonderauszeichnung beim Deutschen Chorwettbewerb 2014 in Weimar. 'Hebe deine Augen auf' aus Mendelssohns 'Elias' profitiert von der Ausgewogenheit und der hervorragenden Dynamikbehandlung, ebenso wie der Doppelkanon 'Kein Feuer keine Kohle' (Salomon Jadassohn) und Max Regers 'Selig durch die Fluren gehn'. Bei letzterem gibt es allerdings leichte Schwierigkeiten in der Intonation. 'Och jungfrun hon gar i ringen' (Hugo Alfven) und 'Käppee' (Mari Kaasinin), zwei skandinavische Volksweisen, bringen Abwechslung in Sprache und Stil. Der beschwingt-tänzerische Duktus wird hervorragend vermittelt. Auch 'Der Kuckuck auf dem Dache saß' von Johann Eccard aus dem Jahr 1589 fügt sich gut in das Programm.

Neue Wege – Zeitgenossen

Zwei Vertonungen unserer Zeit von lateinischen Messtexten stehen außerdem auf dem Programm. Piotr Jánczak baut in seinem 'Kyrie' von 2002 zu Anfang einen ausgehaltenen Quintsextakkord auf, der in eine leere Quinte aufgelöst wird. Nach einer kurzen homophonen Passage geht es dann in einen schnellen Teil, bei dem der Alt mit Liegetönen das Fundament bildet. Die Akkordverbindung vom Anfang erklingt wieder, bildet einen dramaturgischen Bogen, und das Werk endet unisono. Das 'Sanctus' von Johannes Matthias Michel aus dem Jahr 2007 beginnt getragen, sich langsam aufbauend. Auf ein schnelles 'Pleni sunt coeli' folgt ein anmutiges 'Benedictus'. Kurz und schlüssig bringt das 'Hosanna' das Werk zum Abschluss. Kern des Werkes ist die Steigerung, ob es der Aufbau Stimme für Stimme ist oder eine schnelle Auffächerung. Im Kontrast dazu stehen die getragenen Passagen, zu denen die Musik immer wieder zurückkehrt. Beide Stücke sind durch den einheitlichen, klaren Klang des Ensembles passend umgesetzt.

Weltliche Avantgarde

Bei 'Fahrt und Fall des Sonnenknaben' von Alfred Koerppen schimmert durch die ruhige Oberfläche stetig das Unheimliche durch, was durch die jungen, ‚unschuldig‘ klingenden Stimmen – auch in den Soli – besonders intensiv wirkt. 'Natt över jorden' (Jetzt ist Nacht über der Erde) von der schwedischen Dirigentin und Komponistin Karin Rehnquist hat einen geradezu mystischen Klang. Die echoartigen Einsätze erzeugen in Verbindung mit lang ausgehaltenen Tönen, einem Orgelpunkt gleich, einen sphärischen Klang. Die Genauigkeit in der Umsetzung durch den 4 x 4 Frauenchor bewahrt das Werk davor zu zerfasern. Vom 1996 geborenen Nachwuchskomponisten Thomas Jennefelt ist das 'Virita Criosa' im Programm. Ein Werk mit äußerst beeindruckenden Wechseln zwischen schnellen, beschwingten Passagen und tragenden Wellenbewegungen, zwischen akzentuierten Konsonanten und weichen Vokalen. Besonders durch das Spielen mit der Lautstärke – das starke Zurückgehen, um wieder hervorzubrechen – zeichnet sich die Interpretation des Ensembles aus.

Auch eine Uraufführung ist mit im Programm. Die 'Etüde in Zeit' von Inka Neus für 15 Frauenstimmen und obligates Metronom beinhaltet sämtliche Mittel der neuen Chormusik. Neben Vokalisen-Teilen werden Zischlaute erzeugt, gesprochen wird auch. Das Metronom verdeutlicht die verrinnende Zeit, wie das Ticken einer Uhr. 'Ein Männlein steht im Walde' wird solistisch vorgetragen, frei vom durchgehenden Puls des Metronoms. Das Stimmengewirr, im Anschluss daran mit rhythmischen Stampfern, die das Metronom übertönen, führt zum Höhepunkt. Schließlich klingt das Werk ruhig aus und das Metronom, die letzten Takte alleingelassen, wird gestoppt. Für Komponisten ist Chormusik besonders interessant, da die menschliche Stimme neben dem ‚klassisch-schönen‘ Singen eine endlose Palette an Klangmöglichkeiten birgt, die in der Musikgeschichte noch wenig ausgeschöpft wurde.

Fazit – Versuch der Versuchung

Nach den ersten Titeln, die sich um die Liebe drehen, geht das Programm in Richtung geistliche Musik. Ob Religion hier als Schutz oder selbst als Versuchung gesehen wird, bleibt dem Auge des Betrachters überlassen. Insgesamt lässt sich die Versuchung als roter Faden jedoch nicht stringent erkennen, da einige Werke eher die Natur beschreiben. Dennoch ist der Titel gut gewählt und sicher attraktiv, zumal es sich um ein junges Frauenensemble handelt.

Musikalisch bildet der 4 x 4 Frauenchor eine homogene und wohlklingende Einheit. Die verschiedenen Stimmen mischen sich sehr gut. Auch Ausdruck und Aussagekraft sind durchwegs erkennbar. Wenn die Stimmgruppen einzeln singen, leidet allerdings manchmal die Intonation. Die Höhen sind teils etwas unsauber und schrill, was im Gesamtklang jedoch schnell aufgefangen wird. Bemerkenswert ist auch der Einsatz für zeitgenössische Chormusik, deren Potenzial das junge Ensemble ganz ausschöpft.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    4x4 Frauenchor der PH Heidelberg: Versuchung

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Castigo
1
07.11.2014
EAN:

4039767000752


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Castigo

Das Klassiklabel CASTIGO wurde 1996 von Carsten Storm mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Der bei Georg Friedrich Schenck und Christian de Bruyn ausgebildete Pianist und Diplom-Toningenieur hat sich damit nach aktiver Kammermusik- und Liedbegleiterlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt. Die Tonqualität wurde bisher von den Tonmeistern Prof. Oliver Curdt, Angela Öztanil, Georg Bongartz, Christel Franz-Hennessy so wie Carsten Storm selbst bestimmt. CASTIGO überläßt seinen Kunden die grafische Gestaltung der CDs, so daß inzwischen eine bunte repräsentable Vielfalt entstanden ist.


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