> > > Romeos & Juliettes: Hip Hop Version after William Shakespeare
Samstag, 14. Dezember 2019

Romeos & Juliettes - Hip Hop Version after William Shakespeare

Vertont, verfilmt, vertanzt: Shakespeares 'Romeo und Julia'


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sébastien Lefrançois deutet 'Romeo und Julia' als Street-Dance-Story. Allerdings gerät bei dieser ästhetisierten Form des Tanzes die brodelnde Urwüchsigkeit seines Ursprungs verloren.

Die Geschichte der Liebenden aus den verfeindeten Familien in Verona ist älter als das Drama von Shakespeare, welches 1595 in London uraufgeführt wurde. Shakespeare aber brachte die durch einen dummen Zufall ausgelöste Tragikomödie von Liebe und Tod so genial auf die Bühne, dass ihre Wirkung bis heute ungebrochen ist – und immer wieder eine Herausforderung für das Theater. Regisseure werden nicht müde, sie zu inszenieren und zu interpretieren, diese ‚Tragödie voll Humor und Witz in allen Spielarten’, wie sie Georg Hensel beschrieb. Hensel verweist auch darauf, dass aus dem Komödienton der gewaltige Ernst hervortritt.

Das ist natürlich ein Stoff für die Musik, für die Oper: 1830 'I Capuleti e i Montecchi' von Vincenzo Bellini, 1867 'Roméo et Juliette' von Charles Gounod, 1940 'Romeo und Julia' von Heinrich Sutermeister oder zehn Jahre später von Boris Blacher. Tschaikowsky schrieb eine Fantasie-Ouvertüre, Hector Berlioz eine dramatische Sinfonie.

'Romeo und Julia' ist natürlich auch ein Stoff für das Ballett. Eine der ersten Choreografien schuf Eusebio Luzzi 1785 in Venedig. Diese Fassung ist ebenso vergessen wie das Ballett von Claus Schall, der von 1757 bis 1835 lebte. Bronislawa Nijinska und George Balanchine schufen 1926 eine Fassung für die Ballets Russes, mit der Musik von Constant Lambert in der Ausstattung von Max Ernst und Joan Miró. Es folgten weitere Ballette mehr oder weniger bekannter Choreografen zu unterschiedlichen Musiken. Erst mit dem Ballett zur Musik von Sergej Prokofjew mit dem Libretto von Leonid M. Lawrowski begann der Siegeszug dieser tragischen Geschichte der Liebenden von Verona auf den Ballettbühnen der Welt. Die Uraufführung am 30. Dezember 1938 in Brünn, heute Brno, brachte den Durchbruch allerdings noch nicht; der kam erst 1940 mit der Fassung des Balletts am Leningrader Kirow-Theater, heute wieder Mariinsky-Theater in St. Petersburg. Seitdem ist 'Romeo und Julia' ungebrochen das erfolgreichste Ballett des 20. und bislang auch des 21. Jahrhunderts. Allein einige Namen der Choreografen, die sich mit diesem Stück auseinander gesetzt haben belegen dies: John Cranko, Frederick Ashton, Serge Lifar, Kenneth McMillan, John Neumeier, Rudolf Nurejew oder Tom Schilling, in neuerer Zeit Angelin Preljocaj, Nacho Duato, Goyo Montero oder jüngst Stijn Celis.

Theater, Tanz und Musik kamen zusammen in Leonard Bernsteins Musical 'West Side Story', uraufgeführt 1957 am Broadway in New York, mit der Choreografie von Jerome Robbins; auch verfilmt ist das bis heute ein Erfolg. Da spielt das Stück nicht mehr in Verona; jetzt ist der soziale Sprengstoff die Rivalität verfeindeter und gesellschaftlich ausgegrenzter Jugendgruppen in der New Yorker West Side. Robbins nahm in seiner genialen Choreografie die Tanzstile der Zeit und der Menschen auf und konnte so, gerade mit den Tänzen in den Straßen, die eindrucksvollsten Szenen gestalten. Das Romeo und Julia-Motiv steht in Bernsteins Musical genau da, wo dann zu Beginn der 70er Jahre Hip-Hop als eine Variante der vielen Facetten der Street-Dance-Bewegung ihren Ursprung hatte.

Und hier findet der 1969 geborene französische Choreograf seine Ideen für seine getanzte Variante des Dramas. Diese Fassung ist straff; nur etwas länger als eine Stunde dauert sie. Die Ausstattung von Giulio Lichtner ist sparsam. Der leere Raum und variabel zu verwendende oder aufzustellende Metallplatten reichen aus, um Szenenwechsel anzudeuten. Die Kostüme von Mario Faundez orientieren sich am Geschmack der coolen Kids, mischen doch einige theatrale Elemente dazu und lassen nicht zuletzt auch an die Traditionen wandernder Komödianten im Stile der Commedia dell’arte denken.

Einer solchen Laune, aufgedreht und mit Volldampf spielend, ist auch Cyrille Musy als Darsteller des Frère Laurent verpflichtet, der als Spielmeister, Rollenverteiler und Conférencier agiert, chargiert und manipuliert, während Laurent Paolini als Sir Capulet sich als Könner der Lautmalerei erweist. Der Choreograf hat nun die Ursprünglichkeit der Street-Dance-Energie zwecks einer sublim gemeinten Bühnenästhetik stark gebremst. Dagegen wirken die Tänze der 'West Side Story' von Robbins immer noch wie Vulkanausbrüche. Das ist ein wenig schade, denn die sieben männlichen Akteure mit Giovanni Léocadi als Roméo und Jann Gallois als Juliette lassen immer wieder erkennen, welches Potential ihnen eigen ist, wenn sie schon mal einigermaßen ungebremst als Breakdancer über den Boden wirbeln, im schwingenden Hip-Hop-Style ganz cool sind oder sogar mit Anleihen beim frühen Rap die Kunstformen sprengen. Die Kampfszenen sind gekonnt, körperlich intensiv, der Balkonszene mangelt es nicht an Emotion und Zartheit, der Schluss freilich gerät etwas zu pathetisch.

Insgesamt aber fehlt es doch immer wieder an Originalität und Temperament. Das mag an der allzu starken Ästhetisierung und Reduktion jener Tanz- und Bewegungsarten liegen, die nun mal stärker als eine Bühnenchoreografie dem Impuls des Augenblicks entspringen und daher zu ihren Hochformen auf Straßen und Plätzen oder besser noch in Hallen bei Breakdance und Hip-Hop Battles auflaufen.

Zu abgehoben wirkt auch die Musik von Laurent Couson. Mitunter meint man die 20er Jahre anklingen zu hören, dann die 60er, dann wird es jazzig, aber nie flippig oder gar aufsässig. Man vermisst den Sound aus großen Boxen oder, wenn die 70er beschworen werden sollten, dann aus den riesigen Ghettoblastern auf den Schultern der Typen mit dem lässigen Gang.

Die vorliegende Aufnahme aus dem Jahr 2011 geht zurück auf die Originalfassung, die 2008 im Rahmen des Festivals Suresnes Cités Danse als erste Hip-Hop-Fassung nach Shakespeares Stück uraufgeführt wurde und sich bis heute im Repertoire der von Sébastien Lefrançois gegründeten Kompanie Trafic de Styles hält. Die einzige Fassung dieser Art ist sie nicht mehr. Im September letzten Jahres brachte die Laci Strike Dance Academy Bratislava in Kooperation mit dem Slowakischen Nationalballett eine Hip-Hop-Version 'Romeo und Julia' im Historischen Gebäude des Nationaltheaters in Bratislava heraus. Der Vergleich ist interessant. Die Ansätze sind hier wie dort spannend, doch die Ergebnisse bleiben hier wie dort hinter den eigenen Ansprüchen zurück.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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    Romeos & Juliettes: Hip Hop Version after William Shakespeare

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
12.01.2015
Medium:
EAN:

DVD
807280219890


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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