> > > Draeseke, Felix: Klavierquintett op. 48
Montag, 4. Juli 2022

Draeseke, Felix - Klavierquintett op. 48

Sensibles kammermusikalisches Gespür


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Kombination von Schumanns Klavierquintett mit dem Quintett von Felix Draeseke erweist sich als echter Glücksfall, obwohl ein gewisses Qualitätsgefälle zwischen den Werken hörbar bleibt.

Auf den ersten Blick kann diese Zusammenstellung zweier Kammermusikwerke von Robert Schumann und Felix Draeseke etwas willkürlich wirken. Allzu viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Komponisten gibt es nicht. Schumann, der sich intensiv für Brahms einsetzte und Draeseke, der gemeinhin dem Liszt-Lager zugerechnet wurde, gehörten (auch wenn Draeseke 25 Jahre nach Schumann geboren wurde) zudem verschiedenen Strömungen an – so kann man es zumindest in älteren musikgeschichtlichen Darstellungen lesen. Doch je mehr man sich mit den beiden auf dieser CD versammelten Werken beschäftigt, desto mehr teils verblüffende Parallelen tauchen auf. Hier Schumanns (einziges) Klavierquartett op. 47, komponiert 1842 und nicht ganz so populär wie das Quintett op. 44 aus dem gleichen Jahr, aber doch fester Bestandteil im Repertoire fast aller Klavierquartett-Ensembles. Und dort Draesekes Quintett op. 48 in der höchst seltenen Besetzung mit einem Horn (statt der üblichen zweiten Violine) aus dem Jahr 1888, ein kaum je im Konzertsaal oder auf Tonträgern anzutreffendes Werk – die vorliegende Aufnahme (entstanden 1996 und nun von MDG neu aufgelegt) war vor 20 Jahren absolutes Repertoire-Neuland. Es musiziert das Mozart-Klavierquartett mit Karsten Heymann (Violine), Jean Rieber (Viola), Ulrich Bode (Violoncello) und dem Pianisten Klaus Schilde. In Drasekes Werk werden die Musiker vom Hornisten Gottfried Langenstein unterstützt.

Auch wenn die Konkurrenz bei Schumanns Quartett groß ist, kann sich diese Aufnahme weiterhin behaupten. Grund hierfür ist neben der sehr hohen musikalischen Qualität vor allem ein exzellentes kammermusikalisches Gespür des Pianisten: Niemals gerät Schilde in Versuchung, seine Streicher-Kollegen durch zu lautes Spiel zuzudecken. Vom sensiblen Instinkt des Gieseking-Schülers profitieren nicht nur Violine, Viola und Violoncello, sondern auch das Klangbild. Das womöglich schon etwas abgegriffene Bild von der kammermusikalischen Transparenz – hier hat es seine volle Berechtigung: Weder im rasant genommenen Scherzo noch im 'Vivace'-Finalsatz gerät jemals die Balance aus den Fugen; der Hörer kann das Werk bis in seine feinsten Verästelung nachvollziehen. Viele hörenswerte Details wie etwa Bodes herrliche Violoncello-Kantilene zu Beginn des dritten Satzes runden das Gesamtbild ab. Das Bild des manisch-depressiven Schumann, der düster-grüblerische Musik schrieb – auf diese Interpretation seines Klavierquartettes mag es so gar nicht zutreffen. Die gelöste, fast heitere Stimmung überwiegt.

So ist es auch bei weiten Teilen von Draesekes Werk, das – obwohl schon am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden – auf Annäherungen an die Moderne verzichtet und an die Tradition eines Beethoven (und wohl auch Schumann) anknüpft. Das Horn fällt nicht durch besondere Hervorhebung auf, sondern fügt sich nahtlos ins klangliche Geschehen ein. Langensteins Zusammenspiel mit den vier anderen Musikern ist in allen Sätzen hervorragend, was angesichts der seltenen Klangkombination keine Kleinigkeit darstellt. Besonders der pathetisch-feierliche erste Satz ist ein musikalischer Genuss und schwingt sich stellenweise zu Beethoven‘schen Höhen auf.

In den folgenden Abschnitten konnte Draeseke hieran nicht anknüpfen, doch ein lohnenswerter Ausflug in das Œuvre eines mittlerweile wieder etwas bekannteren Komponisten ist diese Interpretation allemal. Hierfür sorgt neben Schildes erneut hervorragender Pianistik und dem präzisen Zusammenspiel vor allem ein sehr gut ausgewogenes Klangbild, das auch im virtuosen 'Presto leggiero' für eine gelungene Balance sorgt. Im direkten Vergleich zeigt sich aber auch das unüberhörbare Qualitätsgefälle zwischen den beiden Komponisten, Draeseke war (wo Schumann mit höchster Konzentration und Kompaktheit schrieb) doch an einigen Stellen einfach zu redselig. Wer aber nicht nur allerhöchste Maßstäbe ansetzt, wird das Quintett dennoch mit Genuss hören.

Unter dem Strich ist dies eine unspektakulär wirkende, aber musikalisch und klanglich um so überzeugendere Wiederveröffentlichung. Wer Draesekes Stück (oder sogar beide Kompositionen) noch nicht kennt, kann hier bedenkenlos zugreifen. Die exzellente Klangqualität hebt diese Aufnahmen auch nach 20 Jahren noch hervor.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Draeseke, Felix: Klavierquintett op. 48

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
17.11.2014
Medium:
EAN:

CD
760623067322


Cover vergössern

MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag MDG:

blättern

Alle Kritiken von MDG...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Bedingt entdeckenswert: Diese Wiederentdeckung vier vergessener britischer Klarinettenkonzerte hat sich nur bedingt gelohnt, am ehesten im Fall der Komponistin Susan Spain-Dunk. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Nur kurz vergessen: Mattia Ometto scheut bei Medtners 'Vergessenen Weisen' bisweilen das Risiko, hat mit seiner Gesamt-Einspielung der drei Opera aber auf jeden Fall eine Repertoire-Lücke geschlossen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Ein hohes Maß an Perfektion: Jean-Jacques und Alexandre Kantorow schließen nahtlos an die herausragende Qualität ihrer ersten Saint-Saëns-CD an – diesmal mit den ersten beiden Konzerten und vier weiteren Stücken für Klavier und Orchester. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Dem Geiger Ivry Gitlis zum 100. Geburtstag: Ein eigenwilliger Protagonist der Violinwelt, der fast ein ganzes Jahrhundert durchlebte, spielt die großen 'Schlachtrösser' der Violinliteratur. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Alter Mann und 'wilde Hummel': Dieser 'Pimpinone' ist nicht nur stimmlich und instrumental eindrucksvoll besetzt, sondern ist obendrein eine wichtige Ergänzung zur mehr als nur übersichtlichen Diskographie des Werks. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Brahms der späten Jahre: Wach und feingliedrig, strukturklar und klangsensibel: Herbert Blomstedt kennt seinen Brahms und gibt ihm im Zusammenspiel mit dem Gewandhausorchester Leipzig Raum zum Atmen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich