> > > Schumann, Robert: Klavierkonzert a-moll op.54
Montag, 4. Juli 2022

Schumann, Robert - Klavierkonzert a-moll op.54

Juwelen aus dem Fundus


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Nachhinein kann man beinahe froh darüber sein, dass es zu ‚Mauerzeiten‘ für Westler bei Besuchen in Ost-Berlin den so genannten ‚Zwangsumtausch‘ gab. Das Geld musste ja sinnvoll unters Volk gebracht werden, und da lag es nahe, vom Grenzübergang Friedrichstraße mal eben um die Ecke zu biegen und ‚Unter den Linden‘ das Geld in Lesestoff und Schallplattenraritäten anzulegen. Dabei kamen über die Jahre nicht nur ganze Regale an russischer und deutscher Literatur zusammen, sondern auch die ein oder andere musikalische Entdeckung war darunter: Aufnahmen von Musikern, die selten im Westen auftraten, die dort auch nicht über eine Vermarktungsmaschinerie verfügten und die daher dort eher als Geheimtipp galten.

Der Dresdner Pianist Peter Rösel war zwar 1966 sensationeller Preisträger im Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb und 1968 auch in Montreal. Doch im ganz großen Stil hat er im Westen damals musikalisch trotzdem nicht Fuß fassen können. Nach dem Mauerfall übernahm es dann ‚Berlin Classics‘ (edel), die Schallplatten aus DDR-Beständen auf CD neu herauszubringen und zu vermarkten. Die vorliegende Aufnahme gehörte zu diesem Fundus der alten ETERNA-Schallplatten, war 1981 für die VEB Deutsche Schallplatten Berlin eingespielt worden und ist auch schon mal bei Berlin Classics erschienen.
Technisch hat sich in den letzen zwanzig Jahren einiges bewegt, und der Klang ist trotz trickreicher Bearbeitung nicht ganz mit neuen Aufnahmen zu vergleichen. Der Interpretation selbst tut dies jedoch kaum einen Abbruch.
Wenn man Peter Rösel spielen hört, dann kann einem schon mal der Gedanke kommen, dass seine Karriere wahrscheinlich um ein paar Grade größer verlaufen wäre, wenn er nicht so etwas Unprätentiöses hätte. Im teilweise recht grellen Musikbetrieb ist Rösel (als Person wie auch hinsichtlich seiner Spielweise) eine eher unspektakuläre Erscheinung. Das ist für die Vermarktung eine Fußangel, für die Musik selbst aber oft eher von Vorteil.

Im Wechsel der Affekte
Schumanns Klavierkonzert op. 54 ist - und das ist selten - bei Pianisten wie auch beim Publikum gleichermaßen populär und ausgesprochen ‚abnutzungsresistent‘: Man hört es eigentlich immer sehr gern. Entsprechend viele Vergleichsaufnahmen gibt es, und dabei treten die Qualitäten von Rösel deutlich hervor. So macht er in seiner unprätentiösen Art trotz allen romantischen Schwungs und Überschwangs nie eine überkandidelte Diva aus dem Stück (was man sonst leider verhältnismäßig oft erleben kann). Rösel gehört nicht zu den Interpreten, für die ‚Romantik‘ eine Art permanente Ekstase bedeutet. Zwar werden die unterschiedlichen Affektlagen von ihm mit aller Deutlichkeit aufgezeigt (auch ihre Brüche und plötzlichen Wechsel). Er begeht allerdings nie den Fehler, es zu ‚überschminken‘ und dadurch Gefahr zu laufen, Schumann in seinem Gefühlsüberschwang der Lächerlichkeit preiszugeben. Insgesamt ist das eine sehr starke, sehr emotionale Interpretation, aber vollständig frei von ‚künstlicher Aufregung‘ und gerade deshalb in ihrer Empfindsamkeit glaubwürdig. Das hat überhaupt nichts ‚Ranschmeißerisches‘ an sich, übertrieben Heroisches oder gar Martialisches, wie man das öfter hören kann. Gleichzeitig wirkt die Interpretation trotz aller Brüche im Stück sehr organisch. Es gibt also nicht lediglich einen Wechsel von Affekten, sondern einen durchdachten Aufbau, der am Ende klar macht, dass es sich trotz aller Überraschungen im Stück um ein ‚Großes Ganzes‘ handelt.

Strömende Verwobenheiten
Rösel weiß immer sehr genau, wo man bremsen und wo er ein bisschen Gas geben muss, um das Ganze zum Strömen zu bringen. So passiert es ihm beispielsweise nie, dass er erst mit großer Agogik Spannung aufbaut, um dann im entscheidenden Moment durch eine unbedachte Verzögerung (oder - je nachdem - eine fehlende Verzögerung) die ganze Dramatik sinnlos verpuffen zu lassen. Rösel ist vollkommen frei von dieser ‚Verlegenheits-Agogik‘, die man manchmal bei Pianisten beobachten kann, die sich über die Konstruktion eines Stückes nicht übermäßig intensiv den Kopf zerbrochen haben, aber ‚gefühlsmäßig‘ etwas unternehmen wollen - und es dann ausgerechnet an den ‚falschen‘ Stellen tun, und der ganze Aufbau dann kollabiert.
Eine andere Stärke dieser Aufnahme besteht darin, dass das Zusammenspiel zwischen Orchester und Solist Schumanns Ideal von der ‚Verwobenheit‘ beider, sehr nahe kommt. Schumann wollte weg von der Art Solokonzert, bei der sich Solist und Orchester mehr oder weniger abwechseln und der Solist vor allem nur Virtuose ist. Seine Idee war ein echtes Zusammenspiel zwischen beiden. Das funktioniert hier zwischen Rösel und dem Gewandhausorchester Leipzig und Kurt Masur auch sehr gut, beispielsweise wenn Orchester und Solist sich gegenseitig Phrasen ‚zuspielen‘ oder wenn der oft so stark strömende Klavierpart von dem wunderschönen (!!!) tiefen Streicherklang des Orchesters getragen wird.

Mit Blick auf die Geschwisterwerke
Ebenfalls auf der CD sind das Konzertstück für Klavier und Orchester op. 92 und das Konzert-Allegro op. 134, beide verhältnismäßig selten zu hören. Das Konzertstück op. 92 ist in einem ähnlichen Gestus und mit ähnlicher Instrumentation geschrieben wie das Konzert op. 54, doch ist es kürzer und insgesamt weniger komplex. Für Pianisten gibt es eine hundsgemeine Akkordsprungstelle, in der beide Hände über einen längeren Zeitraum ganz verschiedene Sprünge in entgegengesetzte Richtungen ausführen müssen. Noch hundsgemeiner ist, dass die Augen dabei aber nur einer der beiden Hände folgen können (kein Problem für Rösel). Das Konzert-Allegro op. 134 ist eigentlich eher eine recht zerrissene Klavier-Fantasie, bei der das Orchester inzwischen eine eher subalterne Rolle spielt.

Insgesamt ist festzuhalten, dass man heutzutage zwar klangtechnisch andere Möglichkeiten hat als noch vor zwanzig Jahren. Besonders bestimmte Anschlagsfinessen kann man dank heutiger Technik auch genauer wahrnehmen, wenn es gut gemacht wird. Doch summa summarum ist das eine wirklich sehr schöne Aufnahme für verhältnismäßig wenig Geld - ideal also, wenn man etwas nicht allzu Teures verschenken will oder einfach nur die Stücke kennen lernen möchte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Annette Lamberty,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Klavierkonzert a-moll op.54

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
01.03.2003
60:31
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0782124325220
0032522BC

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Schumann, Robert


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Dirigent(en):Masur, Kurt
Orchester/Ensemble:Gewandhausorchester Leipzig
Interpret(en):Rösel, Peter (Klavier)


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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