> > > Lehar, Franz: Der Graf von Luxemburg
Sonntag, 25. September 2022

Lehar, Franz - Der Graf von Luxemburg

Authentisch, vollständig, gut


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser Osnabrücker 'Graf von Luxemburg' löst zwar die EMI-Aufnahme von 1968 nicht ab, ist aber eine empfehlenswerte Ergänzung zur bestehenden Diskographie.

Neben der mehr als nur populären 'Lustigen Witwe' ist Franz Lehárs 'Der Graf von Luxemburg' das wohl mustergültigste Beispiel einer Salonoperette, die zwischen Tanz, Konversation, Tragik und Komik ihre jeweilige Gegenwart mit vordergründiger Leichtigkeit spiegelt, ohne auf kritische Seitenhiebe und sinnfreies Chaos zu verzichten. Der Party-Graf René heiratet gegen Bezahlung eine Unbekannte durch eine Leinwand hindurch, um diese Dame in den Adelsstand zu erheben. Die Scheidung ist auch schon eingeplant. Alles was er von ihr zu sehen bekommt, ist ihre Hand. Doch alle noch so gut durchdachten Intrigen und Pläne scheitern letztlich an der übergroßen Macht der Liebe und des Walzers. Und sich unwissentlich in die eigene Frau zu verlieben, ist schließlich noch nicht einmal unmoralisch.

Gesamtaufnahmen und Rundfunkproduktionen dieser Operette existieren ein paar wenige, die aber allesamt mit musikalischen Strichen versehen sind oder gar wie im Fall der Verfilmung von 1972 unter Kurt Graunke eine starke Bearbeitung darstellen. Referenzcharakter hatte bislang die Gesamtaufnahme der EMI mit der jungen Lucia Popp und Nicolai Gedda in den beiden Hauptpartien. Nun legt das Label cpo eine musikalisch wirklich ungekürzte Einspielung aus dem Jahr 2012 mit dem Ensemble des Theaters Osnabrück vor. Das Jahr zuvor hatte 'Der Graf von Luxemburg' am Theater Osnabrück unter der Leitung von Daniel Inbal einen großen Erfolg verzeichnen können, und so entscheid man sich, mit der hauseigenen Besetzung diese Operette unter Studiobedingungen auf Tonträger zu verewigen.

Die erste wirkliche Gesamtaufnahme

Das Ergebnis kann sich ohne Frage hören lassen. Die nun vollständig erklingende Partitur wird vom hervorragend aufgelegten Osnabrücker Symphonieorchester mit jenem Funkeln und Schmelz versehen, die für Lehárs so unabdingbar sind. Der Dirigent Daniel Inbal spornt seine Musiker zu Höchstleistungen an, behält aber bei aller Präzision den Sinn fürs Leichtfüßige. Das klingt sensibel und handfest zugleich – wie ein Rausch, der den Hörer mit feucht-fröhlicher Heiterkeit überfällt, den Betroffenen aber am Weitergehen hindert.

Auch das Sängerensemble ist mit hörbarer Spielfreude und genauer Rollenkenntnis am Werk. Das fällt vor allem in den so heiklen Dialogpassagen positiv auf. Man hört deutlich, dass alle Ensemblemitglieder die Bühnenhandlung verinnerlicht und die Operette häufig miteinander gespielt haben. Somit erstarren die schnellen Wortwechsel nicht in um Komik bemühter Sterilität, sondern punkten durch schnelle Anschlüsse und lockeren Konversationston. Die Pointen sitzen, die Dialoge atmen bühnennahe Unmittelbarkeit und Spontanität. Dass sie dabei tontechnisch ein wenig in den Hintergrund gedrängt wirken, lässt sich verschmerzen.

Schön ohne Charme

Was sich nicht gut verschmerzen lässt, ist die zumindest akustisch wenig charmante Besetzung der Titelpartie. Der Bariton Marco Vassalli verfügt zwar über eine schöne lyrische Stimme mit sicherer Höhe, die aber mit ihrem ebenmäßigen Wohlklang gerade im ersten Akt eher Uninspiriertheit als Operettenfeuer versprüht. Vom leidenschaftlichen Zugriff eines Rudolf Schock oder der augenzwinkernden Eleganz eines Nicolai Gedda ist Vassalli leider weit entfernt. Seine überzeugendsten Momente hat er in den Liebesduetten des zweiten und dritten Akts.

Die übrigen Solisten agieren im Rahmen des Geforderten absolut rollendeckend und stilistisch versiert, machen aber den großen Rollenvorgängern keine ernstzunehmende Konkurrenz. Astrid Kessler gibt eine etwas unnahbare Angèle Didier mit beweglichem und klar artikuliertem Sopran, während die Charakterpartie des Fürsts Basil Basilowitsch in den Händen von Mark Hamman zum tenoralen Kabinettstückchen wird. Auch Eva Schneidereit weiß im letzten Akt als Gräfin Stasa Kokozow ihre Trümpfe gekonnt einzusetzen.

Den stärksten Eindruck hinterlässt neben dem glänzenden Orchester das Buffopaar, wenn auch eher im Hinblick auf das Gesamtpaket als auf vokale Glanzlichter. Daniel Wagner und Marie-Christine Haase treffen mit ihrer unprätentiösen Art des Singens und Sprechens schlichtweg den richtigen Nerv. Dieser Juliette und diesem Armand folgt man ohne Vorbehalte in die textlichen ‚Untiefen‘ von 'Doppelt schmeckt‘s dem Bübchen' oder 'Mädel klein, Mädel fein' und freut sich am kokett juchzenden ‚zuck-zuck-zuck-zuckersüß‘.

Dieser Osnabrücker 'Graf von Luxemburg' löst zwar die EMI-Aufnahme von 1968 nicht ab, ist aber eine empfehlenswerte Ergänzung zur bestehenden Diskographie und ist allemal gelungener und authentischer als die fast neun Jahre alte, glanzlose Mörbisch-Variante auf nur einer CD.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lehar, Franz: Der Graf von Luxemburg

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
26.11.2014
Medium:
EAN:

CD
761203778829


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Lehár, Franz
 - Nr. 1 Introduktion. Entree Luxemburg - Karneval! Ja du allerschönste Zeit... Mein Ahnherr war der Luxemburg
 - Prosa 1. Szene -
 - Nr. 2 Boheme-Duett. - Ein Stübchen so klein... Wir bummeln durchs Leben, was schert uns das Ziel
 - Prosa 2. Szene -
 - Nr. 3 Chanson. - Pierre, der schreibt klein Fleurette... Denn doppelt schmeckts dem Bübchen
 - Prosa 3. Szene -
 - Nr. 4 Reminiszenz. - So liri, lari, das ganze Moss ging tschari
 - Prosa 4. Szene -
 - Prosa 5. Szene -
 - Nr. 5 Lied. - Ich bin verliebt
 - Prosa 6. Szene -
 - Nr. 6 Quintett. - Ein Scheck auf die englische Bank


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Dirigent(en):Inbal, Daniel
Orchester/Ensemble:Osnabrücker Sinfonieorchester


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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