> > > Kuhnau, Johann: Sämtliche geistliche Werke Vol. 1
Montag, 23. Juli 2018

Kuhnau, Johann - Sämtliche geistliche Werke Vol. 1

Ein würdiger Auftakt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Startschuss zu einer Kuhnau-Reihe bei cpo könnte fulminanter gar nicht ausfallen: tadellose Umsetzung großartiger Musik durch das Ensemble Opella Musica mit Unterstützung der Camerata Lipsiensis.

Der Leipziger Thomaskantor Johann Kuhnau war ein streitbarer Geist, wenn es darum ging, die Kirchenmusik gegenüber zu weltlichen Einflüssen zu verteidigen. Da er ein damals schon sehr prominentes Amt bekleidete, wurden seine Traktate gegen die Opernmusik seiner Zeit vielfach gelesen. Auch seine Musikerromane fanden Verbreitung, was ihm nicht nur Freunde einbrachte. Besonders Johann Mattheson und Johann David Heinichen nahmen an seiner traditionellen Sicht auf das, was Kirchenmusik sein sollte, Anstoß und schrieben teils sehr polemisch über ihn. Kuhnau selbst brillierte literarisch mit dem ‚Musikalischen Quacksalber‘, in dem er die mangelnde Improvisationsfähigkeit einiger Musiker und ihre fehlende systematische Ausbildung parodierte. Er hingegen verfügte über akademisch-humanistisches Wissen, was von einem protestantischen Kantor auch erwartet wurde, hatte er doch sowohl für eine theologisch begründete Kirchenmusik als auch für den Unterricht an den ihm unterstellten Schulen zu sorgen. Er galt als fundierter Kontrapunktist mit großem theoretischem Wissen über die Musik, was ihm von einigen Zeitgenossen den Vorwurf der trockenen Gelehrsamkeit einbrachte. Der alles überstrahlende Ruhm seines direkten Nachfolgers als Thomaskantor – Johann Sebastian Bach – tat sein Übriges, um Kuhnaus musikalisches Werk aus dem Repertoire verschwinden zu lassen.

Doch Hoffnung auf eine Renaissance seiner Musik naht: Im Jahr 2022 wird sich Kuhnaus Todestag zum 300. Mal jähren, weshalb sich ein Leipziger Musikverlag um eine Kantaten-Gesamtausgabe bemüht, die vom Label cpo mit Neueinspielungen begleitet wird. Betreut wird das Projekt jeweils von David Erler, der als Herausgeber wie auch als Ensemblemitglied von Opella Musica mitwirkt. Dieses kleine, fünfstimmige Vokalensemble singt auf der ersten CD der neuen Serie unter der Leitung von Gregor Meyer und dem Instrumentalensemble Camerata Lipsiensis fünf Kantaten Kuhnaus, wobei die Kantate 'Welt adieu, ich bin dein müde' in einer rekonstruierten Fassung durch David Erler erklingt. Erler konnte hierbei die fehlenden Sopranstimmen und den Alt anhand überlieferter Stimmbücher ergänzen, was deshalb besonders lohnenswert ist, weil es sich doch bei dieser Kantate um eine der wenigen Choralkantaten handelt, die von Kuhnau erhalten sind. Die auf der CD ebenfalls enthaltene Motette 'Tristis est anima mea' stammt allem Anschein nach nicht von Kuhnau, wurde aber seit dem 19. Jahrhundert diesem zugeschrieben. Weshalb das Werk aber trotzdem Teil des Programms wurde, erklärt Michael Maul im Booklettext nicht weiter. Die anderen Kantaten der CD stammen aber zweifelsfrei von Kuhnau: 'Es steh Gott auf', 'Mein Alter kömmt, ich kann nicht sterben', 'Daran erkennen wir, dass wir in Ihm bleiben', 'Welt adieu, ich bin dein müde' und 'Wenn ihr fröhlich seid an euren Festen'. Da es sich hierbei hauptsächlich um Werke für die hohen christlichen Feiertage wie Ostern und Pfingsten handelt, ist die Musik entsprechend prächtig. Posaunen, Pauken und Trompeten untermalen den Jubelklang mit majestätischem Glanz.

Die fünf Gesangssolisten Isabel Meyer-Kalis, Heidi Maria Taubert (beide Sopran), David Erler (Alt), Tobias Hunger (Tenor) und Friedemann Klos (Bass) singen mit klaren, schlank geführten Stimmen. Sie verzichten fast komplett auf Vibrato, wodurch Kuhnaus kunstvoll gesetzte Mehrstimmigkeit leicht und gut durchhörbar klingt. In den Rezitativen wählen die Interpreten teilweise die Laute als einziges Continuo-Instrument. Dies zaubert in dem innigen Rezitativ 'Allein der Geist erinnert mich im Schlafe' aus der Kantate 'Mein Alter kömmt', das ein Werk für Mariä Reinigung ist, eine sehr intime Atmosphäre, in der der Gläubige in ein ernstes Zwiegespräch mit Gott tritt. Tobias Hunger singt den Solopart mit wunderbar kontrollierter Stimme und perfekter Technik, die nichts zu wünschen übrig lässt. Der kammermusikalische Ansatz seiner Gestaltung der Tenorpartie bildet einen reizvollen Kontrast zu den opulenten Tutti-Passagen.

Die CD ist ein äußerst gelungener Auftakt zur Kuhnau-Renaissance beim Label cpo und lässt auf weitere musikalisch ebenso qualitätvoll gestaltete Interpretationen hoffen. Es wird hier nicht nur diskographisch eine große Lücke geschlossen, sondern auch musikhistoriographisch, wirft doch das Schaffen Kuhnaus noch einmal ein neues Licht auf die Kantaten Johann Sebastian Bachs, die in der gleichen Tradition entstanden sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kuhnau, Johann: Sämtliche geistliche Werke Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
26.11.2014
EAN:

761203786824


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Kuhnau, Johann
 - Es steh Gott auf - I. Sonata
 - Es steh Gott auf - II. Coro: ,,Es steh Gott auf'
 - Es steh Gott auf - III. Sopran II solo: ,,Ich liege noch mit Christo in dem Grabe'
 - Es steh Gott auf - IV. Sopran I solo: ,,Wiewohl mein Trost'
 - Es steh Gott auf - V. Bass solo: ,,Wohlan, er lebt'
 - Es steh Gott auf - VI. Sonata (da capo)
 - Es steh Gott auf - VII. Coro:,,Es steh Gott auf' (da capo)
 - Mein Alter kömmt, ich kann nicht sterben - I. Sonata
 - Mein Alter kömmt, ich kann nicht sterben - II. Tenor solo: ,,Mein Alter kömmt, ich kann nicht sterben'
 - Mein Alter kömmt, ich kann nicht sterben - III. Tenor solo: ,,Komm, du süßes Sterben'
 - Mein Alter kömmt, ich kann nicht sterben - IV. Tenor solo: ,,Allein der Geist erinnert mich im Schlafe'
 - Mein Alter kömmt, ich kann nicht sterben - V. Tenor solo: ,,Seid getrost, ihr Frommen'


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Dirigent(en):Meyer, Gregor


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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