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Samstag, 4. Februar 2023

Ligeti, György - Cellokonzert

Ligeti konzertant


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das PluralEnsemble unter Leitung von Fabián Pansiello präsentiert eine wunderbar leichtfüßig musizierte CD mit drei konzertanten Werken György Ligetis.

György Ligetis Konzert für Violoncello und Orchester (1966) nimmt eine wichtige Stellung in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ein, gehört es doch zu den frühesten Werken der europäischen Nachkriegsavantgarde, in denen sich ein Komponist mit der Frage auseinandersetzt, wie man Virtuosität neu definieren kann, wenn nicht nur an das Soloinstrument, sondern auch an die Orchesterinstrumentalisten extrem hohe Anforderungen gestellt werden. Konsequenterweise konzipiert Ligeti ein Werk, in dem der Cellist als Solist unter anderen Solisten auftritt. Die bei NEOS erschienene Neueinspielung durch Nicolas Altstaedt und das PluralEnsemble unter Leitung von Fabián Pansiello – sie bildet den Auftakt für eine wunderbare, aber leider mit 45 Minuten Spieldauer auch recht kurze CD – macht dies genauestens erlebbar: Wie aus dem Nichts nimmt zunächst der lang gedehnte Anfangston des Solocellisten Gestalt an, bevor sich andere Instrumente – Streicher und Klarinetten – hinzugesellen und die Identität der solistischen Präsenz mit ihren Tönen sogleich verwischen. In der klaren, klanglich extrem durchsichtigen Aufnahme kann man als Hörer tief in die nachfolgenden musikalischen Prozesse eindringen: in die allmählichen Registererschließungen, die klangfarblichen Auffächerungen und Abtönungen, aber auch in das fast klanglose Umhertasten des Solisten auf dem Griffbrett, das einmal in zartes Huschen, dann aber auch in die Ansätze einer Kantilene oder in energischer artikulierte Passagen übergeht.

Als Gegenstück zum Cellokonzert und dem dort realisierten musikalischen Ansatz hat das Ensemble Ligetis fünfsätziges Konzert für Klavier und Orchester (1987–88) mit dem leichtfüßig und stellenweise fast schon verspielt agierenden Solisten Alberto Rosado aufgenommen. Auf ganz andere Weise nähert sich der Komponist mit diesem Stück zwei Jahrzehnte später erneut der Konzertform: Die Klangbänder des früheren Werkes sind durch komplexe, ineinander verschachtelte polyrhythmische Gebilde ersetzt, die sich – abhängig von den jeweils beteiligten Orchesterinstrumenten – oft genug auch unterschiedlicher harmonischer Systeme bedienen und jedem einzelnen Satz eine ganz individuelle Farbe verleihen. Auch in diesem Fall wird Ligetis instrumentale Disposition durch Klarheit und dynamischen Reichtum der Aufnahme unterstrichen, wobei Rosados Spiel nie zu stark in den Vordergrund tritt, sondern immer als Teil der Gesamtheit wahrnehmbar bleibt.

Zwischen diesen beiden Werken sind – sehr geschickt die musikalische Wende des Komponisten in den 1970er Jahren umkreisend – die 'Mysteries of the Macabre' platziert, eine 1991 von dem Dirigenten Elgar Howarth vorgenommene und vom Komponisten autorisierte Auskoppelung dreier Arien aus der Erstfassung von Ligetis Oper 'Le Grand Macabre' (1974–77). Das kurze Werk erklingt hier in der alternativen Version für Trompete und Kammerorchester und fügt sich damit auch nahtlos in das auf der CD gezeigte Panorama der konzertanten Musik. Mit Spielfreude und Perfektion bewältigt Marco Blauuw die kantig profilierten Koloraturen, deren Verläufe – wie das gesamte Stück – voller rhythmischer Raffinessen und überraschender Wendungen stecken. Im Zusammenwirken mit den gelegentlich auch sprechenden Orchestermusikern entsteht hierbei eine vor Theatralität geradezu berstende Musik, die voller irrwitziger Momente und ironischer Brechungen steckt. Nicht zuletzt dieses Stück unterstreicht daher deutlich, dass Humor und Ironie in Ligetis Schaffen einen zentralen Stellenwert hatte – eine Seltenheit im oft ansonsten eher bierernst bleibenden Neue-Musik-Betrieb.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ligeti, György: Cellokonzert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
14.11.2014
Medium:
EAN:

CD
4260063110139


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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