> > > Weithaas, Antje: Bach & Ysaye
Montag, 24. Januar 2022

Weithaas, Antje - Bach & Ysaye

Exzellente Einspielung


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Antje Weithaas wagt sich an eine Kombination von Johann Sebastian Bachs 'Sonaten und Partiten' und Eugène Ysaÿes 'Sonates pour violon seul' und überzeugt dabei auf ganzer Linie.

Warum ist eigentlich bislang noch nie jemand darauf gekommen, die Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten 1001–1006 mit Eugène Ysaÿes 'Six Sonates pour violon seul' op. 27 zu kombinieren? Es ist der Geigerin Antje Weithaas zu verdanken, dass nun endlich eine kombinierte Gesamtaufnahme beider Zyklen – Zusammenfassung der musikalischen und technischen Möglichkeiten des Violinspiels zweier Epochen – erscheint und Ysaÿes schon die Moderne berührende Werke dabei wie in einem Spiegel bestimmte Eigentümlichkeiten der Bach’schen Vorlagen reflektieren. Im ersten Teil ihrer Gesamteinspielung konfrontiert Weithaas die zu Beginn der CD erklingende Sonata g-Moll BWV 1001 und die am Ende stehende Partita d-Moll BWV 1004 mit den beiden in der Mitte stehenden Sonaten Nr. 1 g-Moll und Nr. 2 a-Moll Ysaÿes und beweist mit dieser Auswahl eine glückliche Hand: So orientiert sich die Viersätzigkeit von Ysaÿes erster Sonate deutlich auf der Architektur von Bachs Vorbild, während die zweite Sonate einen ausgedehnten Satz ausgefeilter Ostinato-Variationen enthält und damit an die 'Ciaccona' aus der d-Moll-Partita gemahnt.

Der Vortrag von Weithaas ist phänomenal klar und schlackenlos: Weit davon entfernt, sich bedingungslos den Prämissen der historisch informierten Aufführungspraxis zu unterwerfen, profitiert die Geigerin jedoch eindeutig von deren Erkenntnissen. Dies lässt sich daran bemerken, dass sie im Kontext der Bach’schen Werke zunächst auf eine hochgradige Differenzierung der Ausdrucksmöglichkeiten von Bogenstrich und Vibrato Wert legt. Die Genauigkeit der Artikulation in der 'Fuga', die Suche nach möglichst vielen Farbschattierung in der 'Siciliana' oder die mithilfe des Vibratos abwechslungsreich geformte Legato-Klanglichkeit im 'Adagio' sind schon für sich betrachtet beachtlich, ordnen sich aber jeweils rigoros dem Willen zur Herausarbeitung der architektonischen Anlagen unter. Denn wie Weithaas insbesondere die komplexen formalen Aufbauten der 'Fuga' aus BWV 1001 und der 'Ciaccona' aus BWV 1004, aber auch beispielsweise die Phrasenbildung in Sätzen wie der 'Sarabanda' (BWV 1004) durch den Einsatz klanglicher Elemente gliedert und dabei zugleich die Spannungsbögen der Werkteile artikuliert, weist sie als überragende Interpretin aus.

Ähnliches lässt sich für ihre Wiedergabe der beiden Ysaÿe-Sonaten ausmachen: Hier weicht sie – den Ansatz ihrer Bach-Interpretation aufgreifend – vom häufig anzutreffenden Hang zum extrovertierten, die Virtuosität der Werke nach außen kehrenden Vortrag ab und ersetzt ihn durch eine Lesart, die gerade die leisen dynamischen Bereiche stärker austastet. Das Ergebnis ist – beispielsweise im 'Allegretto' der Sonate Nr. 1 – eine enorme klangliche Intimität, die den Kontrastreichtum von Ysaÿes Werken unterstreicht und dort, wo – wie im 'Finale con brio' derselben Sonate – auch die große Geste ihren Platz hat, der Musik eine zusätzliche Tiefendimension verleiht. Einen Höhepunkt bilden hier die obsessiven Reminiszenzen an Bachs E-Dur-Partita und die gregorianische 'Dies irae'-Sequenz im Kopfsatz ('Obsession') der a-Moll-Sonate sowie – die dort eingeführten Techniken vertiefend und steigernd – die diffizile, mit klangvollen Pizzicati beginnende Variationenfolge im 'Danse des ombres', die bis zum Verlöschen geführten Klänge im 'Malinconia'-Satz oder das sich beinahe überschlagende 'Les Furies'-Finale. Wie man es auch dreht und wendet: Antje Weithaas hat hier eine exzellente Einspielung vorgelegt und beweist bei der Kombination beider Zyklen viel musikalisches Einfühlungsvermögen. Auf den zweiten und dritten Teil der Gesamtaufnahme darf man daher gespannt sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Weithaas, Antje: Bach & Ysaye

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
14.11.2014
Medium:
EAN:

CD
4260085533206


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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