> > > Mendelssohn, Felix: Symphonie Nr. 3 "Schottische"
Montag, 22. April 2019

Mendelssohn, Felix - Symphonie Nr. 3 "Schottische"

Fest im Griff


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser Mitschnitt bietet in üppiger editorischer Aufbereitung dramatisch zugespitzte, mitunter klangfarblich auch fein ausgehörte Mendelssohn-Deutungen. Im Schumann-Konzert bezaubert die Solistin mit lyrischer Zartfühligkeit.

Auffällig an vorliegender Edition ist vor allem die opulente Ausstattung. Die erste Folge einer Gesamteinspielung der Sinfonien von Felix Mendelssohn Bartholdy des London Symphony Orchestra mit Sir John Eliot Gardiner, erschienen beim hauseigenen Label des Klangkörpers, enthält neben der für Produktionen dieses Labels charakteristischen hybriden SACD noch eine Bluray-Disc. Diese beinhaltet den Mitschnitt aus dem Londoner Barbican als Audiospur im Stereo- sowie Surroundformat und zusätzlich als Video. Mit zwei Scheiben ist somit die gesamte Palette von der handelsüblichen CD bis hin zur audiophilen Pure Audio Bluray und der Möglichkeit der Bilddarstellung abgedeckt. Soweit zur technischen Ausstattung, die durch ein Beiheft mit solidem Einführungstext und einem kurzen Beitrag des Dirigenten sehr schön abgerundet wird. Die Startproduktion der geplanten Mendelssohn-Reihe enthält neben der Dritten Sinfonie op. 56, der sogenannten ‚Schottischen‘, die am Beginn erklingende 'Hebriden-Ouvertüre' op. 26. Eingerahmt zwischen beiden steht Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54 mit der portugiesischen Pianistin Maria João Pires.

Schon im Eingangsstück werden die Charakteristika der interpretatorischen Annäherung deutlich: Gardiner lässt die absteigende Linie der Celli, die oftmals weich verschwimmend wie der Farbauftrag eines Aquarells erscheint, mit scharf gespitztem Buntstift ausführen. Das in den Streichern kleiner als üblich besetzte Orchester folgt ihm sichtlich engagiert und feinfühlig agierend. Hier ist eine äußerst ansprechende Verbindung zweier interpretationsästhetischer Welten auszumachen: auf der einen Seite ein Traditionsklangkörper mit sedimentierten Idealen orchestraler Klangentfaltung und Phrasierungskunst, auf der anderen Seite ein Dirigent, der um aufführungspraktische Usancen des 19. Jahrhunderts weiß, bei seiner Arbeit mit ‚Originalklangensembles‘ dieser Musik jedoch zuweilen Phrasierungsgepflogenheiten des 18. Jahrhunderts überstülpte. Gardiner heizt auch hier mit seiner typischen, recht zackigen, vehementen Gestik die Musiker ordentlich an, wodurch die Sturmsequenzen hochspannende Dramatik entfalten. Der eher durchsichtig gehaltene Orchesterklang mit durchdringendem Blech tut das Seine dazu. Allerdings führt der von Gardiner entfachte Sturm zu einer gewissen Einseitigkeit: Die energisch-impulsive Kantigkeit, die der Dirigent dem Orchester vorzeichnet, zieht eine orchestrale Umsetzung gleicher Gestalt nach sich – da wirken luftige, sich frei bewegende Kantilenen etwas eingezwängt und zu straff.

Die positive Seite dieser stets druckvollen Kontrolle, die Gardiner auf das Orchester ausübt, ist ein Musizieren unter Hochspannung, das durch Detailgenauigkeit, rhythmische Präzision und klangliche Direktheit und Schärfe besticht. Freilich, die Herausarbeitung von Nebenstimmen, von feinen Phrasierungen auf engem Raum lassen übergeordnete Entwicklungen zugunsten von packenden Kurzstrecken-Modellierungen zurücktreten. Aber bei so viel Verve rückt das schnell in den Hintergrund. Im Hinblick auf den schieren Nachdruck des Musizierens hat das manches mit Solti gemeinsam, der entfachte Klang ist allerdings ein ganz anderer, weil Gardiner Akzente dynamisch rasch abfedern lässt und auf diese Weise ein luftiges Klangbild erreicht. Die hohen Streicher des London Symphony Orchestra lässt er in der ‚Schottischen‘ im Stehen musizieren; die dadurch gewonnene körperliche Freiheit setzt sich in musikalische Spannung und Prägnanz musikalischer Gestik um. Über weite Strecken pflegen die Streicher einen deutlich vibratoreduzierten silbrigen Ton, die Bässe erweisen sich als wendig, aber angenehm sonor. Wunderbar die weich geformte Einleitung zum Kopfsatz und dann der fiebrig nervöse Allegro-Teil. Insgesamt gelingen die Außensätze temperamentvoll-feurig, die Blechbläser steuern gestochen scharfe Akzente bei, die klanglich auffallend präsenten Holzbläser agieren beweglich und mit intensiven Farben. Nur im langsamen Satz macht sich wieder bemerkbar, dass es nicht immer und überall positive Folgen trägt, dass Gardiner das Heft nicht aus der Hand gibt, um dem Orchester mehr Freiräume lyrischer Gestaltung zu lassen.

Ganz anders dann das Schumann-Konzert, bei dem sich Gardiner wach und sensibel auf die Solistin Maria João Pires einlässt. Die portugiesische Pianistin findet einen im besten Sinne als poetisch zu bezeichnenden Zugang. Der Zugriff wirkt introspektiv, als schaue sie ins Innere des musikalischen Gewebes. Was sie dort entdeckt, sind Nebenstimmen und Akkordausleuchtungen, die dem vielgespielten Werk ungewohnte Farben verleihen. Gerade im Kopfsatz wirkt dieser Zugriff aber mitunter etwas zu wenig sinnlich-diesseitig; stete Verbreiterungen zur deutlichen Ausstellung des Lyrischen hemmen den nach vorn gerichteten Impuls stellenweise ein wenig zu stark, etwa im Seitenthema, zu dessen Begleitung der solistisch hervortretende Klarinettist gebrochene Akkorde hinzufügt (‚improvisiert‘ kann man diesbezüglich nicht sagen). Was im Kopfsatz stellenweise Impulsivität herausnimmt, zahlt sich im Mittelsatz unbedingt positiv aus. Die feinfühlige, harmonische und melodische Spannungswellen nachzeichnende Agogik macht das Intermezzo zu einer Perle schmiegsamer Sanglichkeit, zumal auch das Orchester wunderbar agil das Dehnen und Drängen mit der Solistin vollzieht. Der Finalsatz hingegen wirkt eine Spur zu langsam, so dass die Schumann-typische Ambiguität des Dreiermetrums nicht zu voller Blüte gelangen kann. Maria João Pires bietet trotz dieser kleinen Einschränkungen eine eigenständige, hörenswerte Deutung, die vor allem durch den Reiz der Momentaufnahme eines Konzertabends für sich einzunehmen vermag.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Mendelssohn, Felix: Symphonie Nr. 3 "Schottische"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
LSO Live
1
07.11.2014
EAN:

822231176527


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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