> > > Graun, Carl Heinrich: Der Tod Jesu
Montag, 25. Mai 2020

Graun, Carl Heinrich - Der Tod Jesu

Aufwühlend


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Arcis-Vocalisten sowie das Ensemble L'Arpa Festante bieten mit Grauns Oratorium ' Der Tod Jesu' eine selten aufgeführte Passionsmusik in einer stilistisch feinen, großartigen Deutung.

Passionsmusiken gab es zuhauf: Neben den Klassikern von Bach und Schütz bietet der Plattenmarkt jedes Jahr beinahe verlässlich die Gelegenheit, sich mit in der Öffentlichkeit weitgehend unbekanntem Repertoire vertraut zu machen. Heuer haben die Münchner Arcis-Vocalisten gemeinsam mit dem Barockorchester L‘Arpa Festante unter der Leitung von Thomas Gropper bei Oehms eine schöne Aufnahme des Passionsoratoriums 'Der Tod Jesu' von Carl Heinrich Graun (1704-1759) vorgelegt. Interessantes Repertoire in niveauvoller Interpretation und durchaus auch für den Hausgebrauch geeignet, sprich zur Nachahmung in mittleren und kleineren Kirchen zur musikalischen Abwechslung empfohlen.

Graun stammte aus Wahrenbrück in der Nähe des kursächsischen Bad Liebenwerda und folgte 1714 seinem ein Jahr älteren Bruder, dem Violinisten Johann Gottlieb Graun (1703-1771) an die Kreuzschule in Dresden, wo Carl Heinrich durch seine schöne Stimme auffiel. Er bildete sich im Gesang und erhielt dort ersten Klavier- und Cellounterricht. Wissenschaften und Gesang studierte er bei Johann Zacharias Grundig und Christian Petzold, Komposition beim sächsischen Hofkapellmeister Johann Christoph Schmidt. 1724 wurde Graun Hofsänger (Tenor) in Braunschweig. Dort schrieb er Opern und stieg zum Vizekapellmeister am Opernhaus am Hagenmarkt auf. Für die Hochzeit des preußischen Kronprinzen Friedrich schrieb er die Oper 'Lo Specchio della Fedelta'. Sie begeisterte den Kronprinzen derart, dass er den jungen Musikus an seinen Hof in Rheinsberg verpflichtete. 1740 zum Kapellmeister ernannt, wurde Graun nach Italien entsandt, um für die in Berlin zu errichtende Italienische Oper Sängerinnen und Sänger zu rekrutieren. Seine Oper 'Cesare e Cleopatra' eröffnete am 7. Dezember 1742 die neue Königliche Hofoper Unter den Linden. Er wandte sich ganz der Opernkomposition zu und traf den Geschmack von König und Publikum so sehr, dass er großen Ruhm einfuhr und diesen bis zu seinem Tod behauptete. Erst Gluck verdrängte ihn von den Spielplänen.

Eines seiner letzten, sehr reifen Werke ist das Passionsoratorium 'Der Tod Jesu', welches am 26. März 1755 in der Berliner Ober-Pfarr- und Domkirche uraufgeführt wurde. Der Anfang erfreut mit schönen Stimmen der Arcis-Vocalisten München.Thomas Gropper ist es zudem gelungen, ein homogenes Ensemble an Solisten aufzubieten. Die Sopranpartie übernahm Monika Mauch. Sie ist eine Spezialistin für Alte Musik. In den Rezitativen hat Mauch eine betörend kindlich-naive Note. Sie hat ihren Part gründlich studiert und forciert nur gelegentlich, wie zum Beispiel in der Arie 'Du Held, auf den die Köcher des Todes ausgeleert'. In der Phrasierung agiert sie nahezu makellos. Viele andere CD-Einspielungen neben dieser Aufnahme bestätigen ihre Überlegenheit im Ausdruck. Zu heiter ist allerdings die Stimmung im Rezitativ 'Ach mein Immanuel'. Dafür glänzt sie mit klarer transparenter Stimme. Ihre zweite Arie 'Ein Gebet um neue Stärke' ist ein sehr gefälliges Musikstück, wie das Oratorium insgesamt. Graun trifft hier den seinerzeit gefragten empfindsamen Stil. Viele Streicherläufe umspielen die oft sequenzierte Melodie der Solistin, die im B-Teil gar in einer Mini-Vokalkadenz ihre Koloraturstärke unter Beweis stellen darf.

Die Szene, als die Häscher zu Jesus eilen, um ihn festzusetzen, hat der Komponist in ein Tenor-Rezitativ gepackt. Georg Poplutz führt es mit dramatischer Energie aus. Karl Wilhelm Ramler (1725-1798), der seinerzeit als ‚deutscher Horaz‘ galt, schrieb das Textbuch, und an dieser Stelle ist schließlich von ‚Mördern‘ die Rede. Klangvisionär, wie Graun einer war, hat er den Text entsprechend klangmalerisch ausgedeutet. Die sich anschließende Arie 'Ihr weichgeschaffenen Seelen' dehnt sich über acht Minuten aus und ist eine der längsten des Oratoriums. Poplutz verleiht ihr Würde und Größe und erweist sich als ein ausgesprochener Oratoriensänger.

Das ausgedehnte Rezitativ 'Jerusalem voll Mordlust' singt der Münchner Bariton Andreas Burkhart. Er begeistert in dieser Aufnahme mit aufwühlendem, sonorem Klang, der wunderbar mit den Lauten aus dem stets konzentriert wirkenden Barockorchester L‘Arpa Festante korrespondiert. Einen angenehmen Drive hat auch die Arie 'So steht ein Berg Gottes', die in strahlendem Dur vom ‚Held aus Canaan‘ kündet und quasi attacca in die Chorfuge 'Christus hat uns ein Vorbild gelassen' mündet.

Die Arcis-Vocalisten sind ein dynamischer Chor mit durchweg jungen, frischen Stimmen, die ein rundes, gut zur Musik passendes Klangbild formen. Die Intonation ist sicher und der sich anschließende Choral sinnvoll phrasiert. Der Text ist fast immer auch ohne Blick ins Booklet verständlich. Besonders sinnlich singen Monika Mauch und Georg Poplutz im einzigen Duett des Oratoriums, 'Feinde, die ihr mich betrübt', wobei die Stimmen ideal einander ergänzen. Erwähnung verdient auch das bei Oehms Classics fast immer hervorragend gestaltete Booklet: Es informiert nicht nur mit interessanten Gedanken zum Werk, auch die Musikerbiografien samt (leider nur) Schwarz-weiß-Fotos nehmen breiten Raum ein. Der Oratorientext ist vollständig abgedruckt.Die Platte bietet ein selten aufgeführtes Werk in reizender Interpretation.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Graun, Carl Heinrich: Der Tod Jesu

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
2
24.11.2014
Medium:
EAN:

CD
4260330918093


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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