> > > Muntendorf, Brigitta: It may be all an illusion
Freitag, 22. September 2017

Muntendorf, Brigitta - It may be all an illusion

Redundanzen


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Porträt-CD von col legno stellt die Arbeit der Siemens-Förderpreisträgerin Brigitta Muntendorf vor.

Als die Komponistin Brigitta Muntendorf (*1982) im vergangenen Jahr einen der Förderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung erhielt, hat sie die Preisverleihung genutzt, um eine kurze Rede zu halten. Ein schlauer Schachzug, denn mit Statements wie jenen, die ‚künstlerische Freiheit’ bestehe darin, ‚den Finger auf die Wunde einer Gesellschaft legen zu können’, und es bestehe die Notwendigkeit, den ‚Finger dort hinzulegen, wo es brennt’, hat Muntendorf für sich eine Schublade geschaffen, auf der das Wort ‚Politische Komponistin’ eingraviert steht. Und damit hat sie die zukünftige Rezeption ihrer Arbeiten in eine bestimmte Richtung gelenkt. Eine Folge dieses Ereignisses ist, dass sich seither Musikjournalistinnen und -journalisten breit über das Engagement der Komponistin auslassen, ohne sich so recht die Mühe machen zu wollen, tatsächlich die künstlerischen Produkte und deren Wirkungen zur Kenntnis zu nehmen (gehört es doch mittlerweile zur Mentalität des Metiers, Eigenaussagen von Komponistinnen und Komponisten einfach den Rang absoluter Wahrheiten zuzusprechen).

Die bei col legno erschienene CD ermöglicht es, von solchen Aussagen zu abstrahieren, so dass sich letzten Endes das Bild einer zwar talentierten, aber doch keinesfalls außergewöhnlichen Komponistin bietet. Sucht man nach einem roten Faden in den hier eingespielten Werke, so findet man ihn laut Bookletautor Michael Rebhahn darin, dass Muntendorf sich mit jeder ihrer Arbeiten von neuem die Frage stelle, ‚wie ein "Tonkunstwerk" ästhetisch begründet sein kann und was es zu leisten vermag’. Das ist zwar beileibe nichts Außergewöhnliches, zumal jeder halbwegs intelligente Komponist dies – mehr oder weniger unausgesprochen – für sich in Anspruch nimmt, wird aber dann immerhin dahingehend präzisiert, dass aus Perspektive Muntendorfs ‚die Bedingungen eines künstlerischen Zugriffs auf die Gegenwart notwendigerweise die Limitierungen tradierter Systeme und Modelle’ sprengen. Was damit gemeint sein könnte, lässt sich an fünf unterschiedlich besetzten Kompositionen aus den Jahren 2010 bis 2013 erfahren.

Ein vorwiegend mit der Qualität von Klängen befasstes Stück ist die Ensemblekomposition 'reinhören' (2010, interpretiert vom Ensemble Garage unter Leitung von Mariano Chiacchiarini), die sich in einer Art überhöhenden Relektüre mit Anton Weberns 'Bagatellen' für Streichquartett auseinandersetzt. Muntendorfs Lesart ist originell, weil sie sich an unterschiedliche Ebenen von Weberns Musik heftet und diese einer Neudeutung unterzieht. Hiermit vergleichbar ist auch 'durchhören' für Rohrblattquintett (2011, wiedergegeben vom Calefax Reed Quintet) dem Durchdenken von Klangfarben verpflichtet, das sich hier an einer ungewöhnlichen, ausschließlich aus Einzel- und Doppelrohrblattinstrumenten bestehenden Besetzung aus Oboe, Klarinette, Saxophon, Bassklarinette und Fagott abarbeitet.

In den jüngeren Werken nimmt das hier noch greifbare Interesse am Klang dagegen eher ab – was man getrost mit Rebhahns Aussage, Muntendorf verweigere sich den ‚Konventionen und eingeschliffenen Ritualen’, in Übereinstimmung bringen kann –, während im Gegenzug eine gewisse Vorhersehbarkeit der Ereignisse Einzug hält. So ist im Quintett 'shivers on speed' (2013, in einer Aufnahme mit dem Ensemble musikFabrik unter Leitung von Manuel Nawri) und im Ensemblestück 'Missing T' (2013, interpretiert IEMA-Ensemble unter Vimbayi Kaziboni) die musikalische Dramaturgie recht vorhersagbar: Hat man die ersten Minuten gehört, ahnt man, wohin die Reise gehen könnte, zumal der Umgang mit dem Instrumentarium gegenüber den früheren Werken zunehmend an Formelhaftigkeit gewinnt. Das schließt jedoch unerwartete und positiv überraschende Momente nicht aus, so in 'shivers on speed' die polyphon übereinander gelagerten Stimmeneinsätze in der Anfangsphase oder das Weiterreichen von Klängen und rhythmischen Impulsen durch die beteiligten Instrumente hindurch.

Das drastischste Beispiel ist jedoch die Komposition 'Sweetheart, Goodbye' für Stimme, Monolautsprecher und acht Instrumente (2012, dargeboten von Vokalistin Nicola Gründel und dem Ensemble Modern unter Mariano Chiacchiarini), ein aus dem ‚Ulysses’ von James Joyce extrahierter Text, den Muntendorf mit illustrativer Klanganlagerung ausstattet: Hier arbeitet sich die Komponistin ebenso vorhersehbar wie formelhaft am Klangrepertoire neuer Musik ab und erzeugt dabei – vielleicht unbeabsichtigt, weil Humor ja etwas der zeitgenössischen Musik eher Fremdes ist – manchmal sogar ausgesprochen komische Wirkungen. Indem sie Sprache mit Emotion gleichsetzt und dieser zugleich ein Korrelat auf musikalischer Ebene zuweist, wird der Umgang mit dem Text zu einem übertriebenen Wiederholen auf unterschiedlichen Ebenen des musikalischen Satzes. Anders gesagt: Was wir semantisch im Text wahrnehmen, wird durch den Vortrag der Sprecherin bereits im Tonfall umgesetzt und dann nochmals durch die Instrumente illustriert, damit man es auch ja versteht.

Gerade dieses Beispiel zeigt – und diese Beobachtung lässt sich auf viele der jüngeren Werke ausdehnen, die hier nicht dokumentiert sind –, dass Muntendorf dazu neigt, mit dem Holzhammer Bedeutung zu generieren und dabei die Redundanz zum Stilprinzip erhebt. Es ist so, wie man dies aus den unzähligen Beiträgen im Privatfernsehen kennt (und vielleicht ist dies tatsächlich ein ästhetischer Einfluss, handelt es sich hier doch um eine Künstlergeneration, die in einer entsprechenden Medienlandschaft groß geworden ist): Die schmale Botschaft, wird permanent wiederholt, so dass selbst derjenige, der zu spät eingeschaltet hat, die – zumeist unterkomplexen – Zusammenhänge nachvollziehen kann. So ähnlich ergeht es einem mit manchem von Muntendorfs Werken: Nach zwei bis drei Minuten ist eigentlich alles gesagt, und man hat das Gefühl, dass es danach nur noch Wiederholungen von Versatzstücken gibt. Da hilft es auch nichts, dass sich die Komponistin das Etikett ‚politisch’ umgehängt hat.

Interpretation:
Klangqualität:
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Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Muntendorf, Brigitta: It may be all an illusion

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
1
17.10.2014
EAN:

9120031341284


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col legno

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

col legno - new colors of music


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