> > > Puzo, Luis Codera: Multiplicidad
Freitag, 22. September 2017

Puzo, Luis Codera - Multiplicidad

Vielfalt als Prinzip


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Porträt-CD weist den Komponisten Luis Codera Puzo als einen Künstler aus, dessen Musik auf der Lust am Experimentieren und Fabulieren gründet.

‚Multiplicidad’, Vielfalt, nennt der Katalane Luis Codera Puzo (*1981) seine bei col legno erschienene Porträt-CD und benennt damit ein wesentliches Element seiner Musik. Zugleich hebt er hervor, dass die Produktion ‚nicht als Album angelegt [ist], das man als Ganzes hören sollte, sondern als konzeptuelle Einheit’. Dass jedes der fünf eingespielten Werke aus den Jahren 2011 bis 2014 – klingende Dokumente eines Zeitraums, in dem sich Codera Puzos Musik ‚entscheidend verändert hat’ – jeweils eine ganz eigene Sichtweise auf den CD-Titel eröffnet, macht die Produktion besonders spannend und führt dazu, dass man hier eine unbändige Lust am Fabulieren und Experimentieren, am Ausprobieren immer anderer Möglichkeiten zu spüren glaubt. Dass dies trotzdem nicht zur Beliebigkeit führt, verdankt sich den Werkkonzeption, deren strukturelle Komplexität sehr gut hinter den klanglichen Wirkungen verborgen sind, die sich auf sorgfältig gewählter und aufeinander abgestimmter kompositorisch-klanglicher Mittel gründen.

Den Gedanken der Vielfalt greift zunächst die vom ensemble recherche interpretierte Komposition 'multiplicidad y relación' für Altflöte, Bassklarinette, Violine, Violoncello, Perkussion und Klavier (2011) auf, indem sie ihn mit der Idee der ‚Verbundenheit’ in Verbindung bringt. Die drei Teile des Werkes zeigen, wie Codera Puzo die Gestaltung musikalischer Gedanken aus unterschiedlichen Perspektiven angeht und die Möglichkeiten gegeneinander ausbalanciert: Er verschränkt die Klänge, formt sie zu gestischen Ereignissen, setzt sie aber auch im Sinne fast skizzenhafter Ereignisse gegen- und nebeneinander. Im 'kaolinite [Al2Si2O5(OH)4] quartet' für Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass (2014), vom Ensemble Modern unter Mariano Chiacchiarini dargeboten, verschränkt der Komponist solche Überlegungen mit dem Entwicklungsverlauf der Streichklangfarben, die vom Geräusch zum Klang führt. Während im zweiten Teil plötzlich der duftige Anklang an einen Walzers in der Musik aufzublitzen scheint, entfaltet im dritten Teil das Weiterreichen rhythmischer Impulse eine geradezu soghafte Wirkung.

Zwei weitere Werke beziehen die Stimme als zentralen Ausdrucksträger ein: Die Komposition 'aproximación a lo indivisible' für Stimme und Ensemble (2013), von der Sopranistin Sarah Maria Sun und dem Ensemble Modern unter Leitung von Clemens Heil eingespielt, erweist sich als erregter vokaler Diskurs zwischen differenziert abgestufter Sprech- und Singstimme, an den der Komponist unterschiedliche Instrumentalklänge anlagert und dadurch das Profil des Textvortrags stärkt. In 'oscillation ou interstice' (2013) für Stimme und Bassblockflöte ereignet sich dagegen ein ständiges vollständiges Ineinanderblenden von Stimme und Flötenklang in Gestalt kurzer Fragmente, deren Möglichkeiten immer wieder neu kombiniert werden. So wird die Flöte als Nachhall oder Substitut der Stimme verwendet, während die Stimme umgekehrt etwa die geräuschhafte Tongebung der Flöte imitiert. Die ständige Verwischung der Grenzen fordert die Wahrnehmung heraus und konfrontiert den Hörer unaufhörlich mit klanglichen Vexiermomenten. Das Ensemble UMS ’n JIP mit Javier Hagen (Stimme) und Ulrike Mayer-Spohn (Bassblockflöte) leistet hier einen interpretatorischen Kraftakt, der durch seine Intensität beeindruckt.

Die Komposition 'π' (2014) schließlich, vom Ensemble CrossingLines unter Leitung des Komponisten vorgetragen, überzeugt durch ihre manchmal feine, manchmal aber auch zügellos wuchtige Verwendung von Klängen: Die aufheulenden oder schartigen Klanggesten einer E-Gitarre, die Interpolationen modularer Synthesizer und die Glissandi von Posaune oder Kontrabass wachsen zu einer ebenso widerborstigen wie abwechslungsreichen Klanglandschaft zusammen. Hier spürt man vielleicht am deutlichsten Codera Puzos Lust am Probieren, die zur Entstehung sinnlicher, auch körperlich affizierender Ergebnisse führt. An dieser Stelle mag man bedauern, dass die Produktion mit knapp 43 Minuten Gesamtdauer sehr kurz ist – hätte man doch gern noch weitere fantasiereiche Stücke erlebt. Immerhin wird dies dadurch ausgeglichen, dass das Booklet – wie übrigens auch bei sämtlichen anderen CDs von Förderpreisträgern der Ernst von Siemens Musikstiftung – geradezu verschwenderisch ausgestattet ist und neben der eigenhändigen Einführung des Komponisten auch Abbildungen von diversen Skizzenblättern und Notenseiten sowie Fotografien und die Texte der Vokalwerke enthält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Puzo, Luis Codera: Multiplicidad

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
1
17.10.2014
EAN:

9120031341291


Cover vergössern

col legno

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

col legno - new colors of music


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag col legno:

  • Zur Kritik... Phänomenale Klangwirkungen: Eine neue Produktion des Labels col legno befasst sich mit einer Auswahl von elektroakustischen Kompositionen aus den Jahren 1957 bis 1986 und kleidet sie - den Voraussetzungen der heutigen Technologie entsprechend - klanglich neu ein. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Mahler in neuer Deutung: Franui versammelt auf dieser CD sehr eigenwillige Werke nach Liedern Gustav Mahlers. Weiter...
    (Fabian Bell, )
  • Zur Kritik... Vokale Kunststückchen: Aus sich selbst heraus vermitteln sich die außergewöhnlichen Mouthpiece-Kompositionen der Vokalartistin Erin Gee. Weiter...
    (Jasemin Khaleli, )
blättern

Alle Kritiken von col legno...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... Erkundung klanglicher Zwischenbereiche: Marco Fusi widmet sich auf seiner neuesten CD den solistischen Werken für Violine und Viola von Salvatore Sciarrino. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Bernd Alois Zimmermann im Fokus: Eine aus drei SACDs bestehende Anthologie des Labels Cybele widmet sich in Klang und Wort den späten Werken des Komponisten Bernd Alois Zimmermann. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Würdigung eines wichtigen Komponisten: Pünktlich zum zehnten Todestag von Günther Becker veröffentlicht das Label Cybele eine Anthologie mit drei SACDs, die sich in Klang und Ton dem 2007 verstorbenen Komponisten und seiner Klaviermusik widmet. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Mit starkem Pinsel: Daniel Raiskin und das Staatsorchester Rheinische Philharmonie legen sich für den dänischen Sinfoniker Louis Glass voll ins Zeug und bringen das Interessante und Ansprechende dieser vielfarbigen Musik sehr gut zur Geltung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Seltene Erden: Ein Dokument des Gelingens. Weiter...
    (Dr. Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Besser als die Vorlage: Der Pianist Blazej Kwiatkowski versteht Chopins Lieder als ganz persönliche Tagebucheinträge des Komponisten. Gemeinsam mit empathischen Stimmen und begleitet auf einem Breadwood von 1847 belässt er sie in ihrer Schlichtheit. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2017) herunterladen (1880 KByte) Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Louis Glass: Sinfonie Nr. 5 op. 57 C-Dur (Sinfonia Svastika) - Andante tranquillo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich