> > > JACK Quartet spielt: Werke von Rodericus, Carter, Seeger u. a.
Mittwoch, 13. November 2019

JACK Quartet spielt - Werke von Rodericus, Carter, Seeger u. a.

Technische Sicherheit und gemeinsamer Atem


Label/Verlag: bmn
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das JACK Quartet ist die neue Hausnummer für zeitgenössische Komponisten. Intensive Streichquartette von Carter, Seeger und Haas stehen in dieser Einspielung einander gegenüber.

Streichquartette komponieren, das bedeutet Klangregie auf kleinstmöglichem Raum, formale Sicherheit und hautnahe Arbeit am Material. Transparent, mächtig, fragil und stark zugleich ist die Besetzung und verlangt vom Komponisten höchstes Fingerspitzengefühl. Streichquartett bedeutet auch Tradition und aktiver Dialog mit der Entstehungsgeschichte. Dabei schwingt immer auch ein Stück Vergangenheit mit, wie neu(artig) auch immer ein Werk sein mag.

Vier Quartette – ein roter Faden

2014 spielte das New Yorker JACK Quartet im Hans Huber Saal in Basel ein Programm ein, das zeigt, wie nah Alt und Neu beieinander liegen können. Das als Opener und sicherlich als historischer Bezugspunkt gewählte 'Angelorum Psalat Tripudium' von Rodericus aus dem 14. Jahrhundert (arrangiert von Christopher Otto, dem Primarius des JACK Quartets) scheint strukturelle wie rhythmische Keimzelle für alle folgenden Werke zu sein: Da wäre einmal Elliott Carters verrücktes wie schweres Drittes Streichquartett. Es ist ein mächtiger Akt, ein Bad aus Kraft und Schwäche, Macht und Ohnmacht. Auf technisch hohem Niveau agiert das Quartett mit hoher Präzision. Zu diesem Zweck wird eine Aufteilung in zwei Duos (Duo I: Violine I und Cello, Duo II: Violine II und Viola) gefordert. Durch unterschiedliche Tempi und simultan laufende Abschnitte schuf Carter einen komplexen Klangstrom, dessen die Musiker mit schockierender Präzision Herr werden. Gerade wenn man glaubt, die schwerste Doppelgriff-Stelle gehört zu haben, legt Carter nach – auch auf die Gefahr hin, mit der On-the-Edge-Haltung das Ohr überzustrapazieren. Das Ensemble verliert nicht die Nerven, bleibt in Agogik, Timbre, Wirkung bei der Interpretation des dichten Notenbildes konsistent und schafft ein ergreifendes, packendes Hörerlebnis. Fast macht sich Enttäuschung breit, wenn das Stück – wie auf der beigefügten Blu-ray Disc-Filmaufzeichnung des Konzerts zu sehen ist – den Musikern kaum Anstrengungen zu machen scheint und nicht wider Erwarten Blut und Wasser vergossen wird.

Daneben Ruth Crawford Seegers ultramodernistisches Quartett aus dem Jahr 1931. Schönberg veröffentlicht gerade seine Klavierstücke op. 33, Berg komponiert an 'Lulu' und auf der anderen Seite des Atlantiks schreibt die Komponistin und Musikwissenschaftlerin Ruth Crawford und spätere Frau des berühmten Musikologen Charles Seeger an ihrem ersten und einzigen Streichquartett. Kompakt in der Form, frisch in den Ideen servieren ‚die JACKs‘ das viersätzige Werk mit sicherer Hand. Während sich der erste Satz traditioneller Zwölftontechnik bedient und die beiden Attacca-Mittelsätze etwas überschattet, erzeugt im dritten Satz ein Geflecht aus Tönen auf ausgeklügelte Weise ein permanentes Ab-und Anschwellen. Crawford selbst nannte einmal diesen Satz, der als ihr berühmtestes Stück Musik gelten darf, eine ‚Heterophonie der Lautstärken‘. Was sich hier auf lebendige Art zeigt, ist der gemeinsame Atem der Musiker. Stellenweise formt sich der geeinte Klangkörper fast orchestral zu etwas Neuem.

Dann ist da noch das Achte Streichquartett von Georg Friedrich Haas, das 2014 von der Gesellschaft für Kammermusik Basel in Auftrag gegeben wurde. Haas mobilisiert darin sowohl ausgefeilte Mikrotonalität und Spektralharmonik als auch alte Formen wie Fuge, Kontrapunkt und Cantus firmus sowie das Versmaß der alkäischen Strophe, dessen rhythmische Textgrundlage ein Gedicht Friedrich Hölderlins ist. Die eher statischen Tendenzen des Werkes reichen von merkwürdig unbeweglich bis hin zur frech-peppigen Szenerie. Auch wenn sich Haas‘ Achtes und Carters Drittes Quartett hinsichtlich der hohen spieltechnischen Anforderungen nichts schenken, schafft es das JACK Quartet gefasst-souverän und konzentriert die Oberhand über das Spiel zu behalten, nichts dem Zufall zu überlassen und eine überzeugende Musikalität an den Tag zu legen.

Mit dem JACK Quartett ist heutigen Komponisten ein Ensemble herangewachsen, das keinerlei Wünsche offen lässt. In New York 2007 gegründet und über die Jahre mit zahlreichen Preisen geehrt (u.a. dem Lincoln Center‘s Martin E. Segal Award, New Music USA‘s Trailblazer Award, und dem CMA/ASCAP), zeichnet sich das Quartett, bestehend aus Christopher Otto (Violine), Ari Streisfeld (Violine), John Pickford Richards (Viola) und Kevin McFarland (Cello), mittlerweile durch ein breites Repertoire aus, das es sprichwörtlich in sich hat und fast das gesamte musikalische ABC des 20. und 21. Jahrhunderts versammelt.

‚JACK Quartet – First Performance Vol. IV‘ erschien bei BNM und beinhaltet zusätzlich zur Audio-CD eine Blu-ray Disc mit erhöhter Datenrate für bessere Audioqualität und der Videoaufzeichnung des Konzerts. Vor allem für Carters Streichquartett ist die Videoaufzeichnung ein Gewinn, da die spezielle Aufteilung des Quartetts räumlich erfahrbar wird. Die Einspielung ist aufgrund des spannenden Programms und der außerordentlichen Fähigkeiten des JACK Quartets eine gute Stichprobe elaborierter Streichquartettmusik des 20. und 21. Jahrhunderts.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    JACK Quartet spielt: Werke von Rodericus, Carter, Seeger u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
bmn
1
16.01.2015
Medium:
EAN:

CD
7629999018921


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bmn

Blu-rayTM Audio

Die Blu-ray Audio Disc ist technisch gesehen eine ganz normale Blu-ray Disc und lässt sich auf jedem Blu-ray-Player abspielen im Gegensatz zur SACD. Allerdings enthält sie keinen Videoinhalt. Die hohe Speicherkapazität wird für hoch auflösende Audiodaten (Stereo PCM 24 bit/96 kHz) genutzt. Bedient wird sie wie eine herkömmliche CD.

Blu-rayTM Video

Visualisierung von Klang – ein immer grösseres Thema zu Zeiten der medialen Sintflut. Allerdings: sucht man das Mass und versteht sich strikt zur Entfernung von Extremen, gibt zu denken, dass wir den Begriff der Synaesthesie schon lange kennen; denn um diesen geht es: um die Vermittlung der verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen und zwar zu je idealem Anteil – Hegel würde sagen: das „Umschlagen“ des einen ins andere. Von diesem Umschlag geht die praktische Überlegung der Visualisierung von Musik aus; und die richtet sich konsequent gegen die von den Medien heute normierte Art der visuellen Umsetzung von Musik, sprich: klassischer Musik. Denn sie ist empfindlich, zieht sich zurück, wenn man ihr und ihrer Botschaft optisch wehtut. Der Musik-Zuschauer wird von der Musik interpretenzentrisch durch die Art der Visualisierung getrennt und weiss kaum mehr, worum sich die bildlich vorgeführten Akteure bemüht hatten. In sanfteren Fällen wird die Musik bestenfalls zerstreut.

Musik, solche mit Botschaft, braucht Sammlung. Sie teilt sich, zumal die herausfordernde Klassik aus dem Geiste eines Beethoven und seiner Folgen, ohne Sammlung sich nicht mehr mitteilt, vielmehr zerstreut geradezu als Fälschung beim Zuschauer ankommt, dem das reine Hören gleichsam visuell verboten wird. Dem entgegenzuwirken, gab es zu wenige probate Ansätze. Einer ist derjenige, den der Regisseur Jan Schmidt-Garre experimentell mit Beethovens späten Quartetten entwickelt hat: die reale Konzertsituation wird radikal als Ausgangspunkt für eine einzige, konsequente Einstellung genommen, die bildlich - auch durch konzentrierte Ausleuchtung - dergestalt focussiert, dass ein Hör-Bild entsteht, das nur eben das sehen lässt, was man im Konzert wirklich "sieht" oder sehen kann, sozusagen ein ideales Sehen im Hörvorgang zeigt, ideal im Sinne des musikalischen Anspruchs. Hier ist dem Rezipienten zumindest die Möglichkeit gegeben, die Musik im Prozess ihres Gemachtwerdens mit Ohr und Auge in hoher Konzentration wahrzunehmen, ohne die Augen schliessen zu müssen...

Daraus entsteht so etwas wie eine optische "Ästhetik" der Musik im Moment des Vollzugs, im sogenannten Hier und Jetzt. Das Wesen der Musik, ihr Ereignis im "idealen Jetzt", wird dabei zum Mass der Dinge.


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