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Donnerstag, 14. November 2019

Passion Textes - Werke von Wolfgang Rihm und Luigi Nono

Schlackenloser Vokalklang


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In einer starken CD-Produktion fokussiert das Ensemble Exaudi mit Kompositionen Wolfgang Rihms und Luigi Nonos auf unterschiedliche Facetten zeitgenössischer Vokalkunst.

'Passionstexte': Mit dieser Titelwahl für eine CD zielt das von James Weeks geleitete Vokalensemble EXAUDI auf einen Kontext, der weit über das christliche Passionsgeschehen hinaus auf das Leiden des Individuums an der Gesellschaft verweist. Exemplifiziert wird dies an einer klugen Werkzusammenstellung mit drei Kompositionen Wolfgang Rihms – hier allesamt zum ersten Mal aufgenommen –, denen die Interpreten zwei Werke Luigi Nonos gegenüberstellen. Die außerordentliche Qualität der Vokalisten macht sich bereits im Eingangsstück bemerkbar: Beim Vortrag von Rihms 'Quo me rapis' für acht Solostimmen auf Verse aus der dritten Ode des Horaz (1990) überzeugt das Ensemble mit schlackenlosem Vokalklang, der sowohl in den solistischen Einsätzen als auch in den vielfältigen, oftmals zusätzlich durch ein Crescendo belebten Akkordschichtungen seine Wirkung entfaltet. Darüber hinaus bedienen sich die Sänger der gesamten Palette vom fast instrumental anmutenden, vibratolosen Gesang bis hin zu den von diversen Vibratonuancen eingefärbten Klänge.

Direkt anschließend erklingen, zum Erscheinungsbild dieser ersten Komposition stark kontrastierend die 'Sieben Passions-Texte' für sechs Stimmen (2001-06) als längste Komposition dieser Produktion. Rihms lateinische Vertonungen von Abschnitten aus der Passionsgeschichte sind im besten Sinne geistliche Musik und folgen in ihrer teils homophonen, teils polyphonen Satzweise den textausdeutenden Traditionen von Madrigal und Motette. Dem entspricht auch der bisweilen archaisch anmutende Gestus der einzelnen, in der Gesamtheit jedoch sehr abwechslungsreich und mit jeweils individueller Farbe vorgetragenen Stücke. Rihms dritte Komposition wiederum, 'Mit geschlossenem Mund' für doppelten gemischten vierstimmigen Solochor (1982), blendet den Textvortrag völlig aus und besinnt sich dem Klangfarbenreichtum von Vokalisen, der vom Ensemble mit klanglicher und dynamischer Variabilität erforscht wird.

Den Werken Rihms haben die Interpreten zwei Kompositionen Luigi Nonos gegenübergestellt: Mit '¿Donde estas, hermano?' für vier Frauenstimmen (1982) erklingt ein Nebenwerk aus den letzten Lebensjahren, das sich der für Nono so typischen Klangcharakteristik aus zwei Sopranen, Mezzosopran und Alt bedient und sie, die titelgebenden Frage als Text verwendend, als Anklage gegen die Opfer von totalitären Regimen formuliert. Die musikalische Diktion des kurzen Werkes, das beständig zwischen einstimmig vorgetragenen Tonhöhen und mehrstimmigen, lang klingenden Akkorden wechselt, beeindruckt in dieser Wiedergabe durch ihren dynamischen Reichtum: Häufig genug berührt die Musik die Grenze zum Verlöschen, erscheinen die Stimmen brüchig und am Ende ihrer Kraft, nur um sich dann wieder, einsamen Klagerufen gleich, zum kräftigeren Anklageton aufzuschwingen.

Mit Nonos 'Sarà dolce tacere' für acht Solostimme (1960) nimmt sich das Ensemble schließlich noch einem der zentralen solistischen Vokalwerke des Komponisten aus seiner vom Serialismus beeinflussten Phase an. Wie eine Zusammenfassung dessen, was man über die CD verteilt hören konnte, wirkt diese in ihren Feinheiten beachtliche, mit enormer Detailfreude bei der Darstellung rhythmischer, dynamischer und klangfablicher Anforderungen ausgestattete Wiedergabe. Orientierungspunkt der Sänger scheint hier – weit stärker als bei Rihm – das Klangideal der Madrigalistik zu sein, wodurch Nonos Stück an eine lange Tradition der Vokalmusik zurückgebunden wird. Wie auch immer: Das Label æon hat mit dieser Produktion eine ganz außergewöhnliche CD vorgelegt, die allen Freunden zeitgenössischer Vokalmusik wärmstens empfohlen sei.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Passion Textes: Werke von Wolfgang Rihm und Luigi Nono

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
07.11.2014
Medium:
EAN:

CD
3760058360415


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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