> > > Bernardini, Alfredo: Concerti veneziani per oboe
Mittwoch, 13. November 2019

Bernardini, Alfredo - Concerti veneziani per oboe

Venezianische Klangregie, milanesisches Know-How


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das italienische Oboen-Concerto verband zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein neues Instrument mit einem neuen Genre. Alfredo Bernardini und das Ensemble Zefiro demonstrieren die Energie dieser Musik.

Das Ensemble Zefiro steht für hochspezialisiertes Musizieren auf historischen Instrumenten mit Schwerpunkt auf dem 17. und 18. Jahrhundert. Unter der Leitung des Oboisten Alfredo Bernardini veröffentlichte das 1989 gegründete Ensemble eine CD, die sich mit italienischer Barockmusik um Vivaldi beschäftigt. ‚Concerti veneziani per Oboe‘ erschien beim Label Arcana im Dezember 2014 und ist voller Energie. Oboen-Concerti von Tomaso Albinoni, Diogenio Bigaglia, Giuseppe Sammartini, Giovanno Benedetto Platti, Alessandro Marcello und Antonio Vivaldi ergeben ein Mosaik erlesenster Concerto-Kunst. Alfredo Bernardini griff dafür ein auf milanesisches Originalinstrument von 1730 zurück.

Das Wirken von Form und Gestus

Das barocke Solokonzert besitzt eine reiche, vielschichtige und von unterschiedlichen Einflüssen geprägte Vergangenheit. Zentren wie Bologna und vor allem Venedig stehen dabei ganz oben. Als neue Gattung im 18. Jahrhundert geboren, erreichten darin eine Reihe von italienischen bzw. der Wirkungsstätte nach venezianische Komponisten eine Meisterschaft, die sie weit über die Landesgrenzen hinweg bekannt machte. Von Antonio Vivaldi, der die neue Form ganz besonders raffiniert gestalten konnte, stammen auf dieser CD zwei Concerti. Sie besitzen beide das für Vivaldi typische Maß an formaler Ideenklarheit. Die Concerti Plattis, Marcellos, Bigaglias und Sammartinis gehören eher zu den unbekannteren Kompositionen, jedoch stehen sie denen Vivaldis in nichts nach. Ihr zum Teil harmonisch lebhaft-kühner, aber auch dramatisch-empfindsamer Gestus können ziemlich überraschen. Albinonis Concerto in B-Dur zeigt sich ausgewogen und ist das kürzeste der hier aufgenommenen Konzerte.

Anciuti vs. Bernardini

Im Zentrum der Aufnahme steht freilich das Originalinstrument, eine Oboe aus der milanesischen Schmiede Anciutis aus dem Jahre 1730. Besonderes Highlight ist mit Sicherheit die penible Schnittzeichnung ihrer Bemaßungen, die Bernardini von Anciutis Oboe selbst anfertigte und welche im Booklet bewundert werden darf. Zusammen mit den musikalischen Spielräumen, die die Kompositionen der Oboe gewähren, entsteht eine fesselnde Unmittelbarkeit, die diese CD zu einem Must-have nicht nur für Oboenfans und Freunde historisch informierter Aufführungspraxis macht. Dabei wirken die Concerti nicht wie ein nur der Selbstdarstellung dienendes Portfolio instrumentaler Fähigkeiten. Vielmehr geht jedes der harmonisch, melodisch und rhythmisch raffinierten Werke eine Beziehung mit Bernardinis Spielweise und dem Instrument selbst ein. Bernardini kredenzt dem Hörer eine Klangpalette, die so abwechslungreich und differenziert erscheint wie die Nuancen und Dynamiken der menschlichen Sprache. Der Ambitus reicht dabei von kräftigen Cornettentönen über weiche Mitten wie die einer modernen Oboe bis hin zu strahlenden Höhen einer weiblichen Singstimme. Dies wird vor allem durch Bernardinis zuweilen mikroskopische veredelte Artikulationen amplifiziert, sodass der Eindruck eines angeregten Gesprächs zwischen den sich Concerto-typisch abwechselnden Tutti-Solo-Passagen ensteht.

Eine Besonderheit ist die vom Ensemble vorgenommene solistische Besetzung der Stimmen. Der kompaktere, kammermusikalisch wirkende Klangapparat trägt dazu bei, die Stimmen transparenter und ausbalancierter zu fassen. So schafft es das Ensemble, der schon in sich fein schattierten Oboe ein manchmal kräftiges, unter Hochspannung stehendes, manchmal hauchfein gezeichnetes Klangspektrum entgegenzuhalten. Das Ensemble verfällt nie zu einer starren Begleitgruppe. Vielmehr wirken die Musiker als ein großes Metainstrument zusammen, das in ständigen Dialog mit dem Solisten tritt. In den schnellen Sätzen fungiert es als Motor, in den langsamen Mittelsätzen trägt es die Kantilene der Oboe auf Samt, färbt sie oder wirft Schatten und Licht auf die Verzierungen. Vor allem Alessandro Marcellos Concerto d-Moll und Giovanni Benedetto Plattis g-Moll-Concerto machen dies sehr deutlich.

Das Concerto D-Dur des Mailänder Oboisten und Komponisten Giuseppe Sammartini sticht sicherlich klar hervor. Wie aus dem Text Bernardinis hervorgeht, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sammartini selbst die verwendete Anciuti-Oboe kannte bzw. auf ihr sogar spielte. Gegen Ende des dritten Satzes kommt es zu einer Fermate auf der Dominante. Bernardini nutzt diese Gelegenheit und improvisiert einen prachtvollen Abstieg, der zwei Oktaven umspannt - bis zum tiefen Cis, dem allertiefsten Ton der Anciuti-Oboe, der dank der hohen Aufnahmequaltät resonierend durch Mark und Bein fährt. In Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Oboen C als tiefsten Ton besitzen, unterstreicht den interpretatorischen Wert dieser Passage und steht stellvertretend für die Haltung der Musiker: Spielfreude, Farbenvielfalt, kreativer Umgang mit dem Material und klare, interpretatorische Ansichten.

Die Aufnahme ist ein Beispiel dafür, wie reizvoll italienische Barockmusik sein kann. Der Ideereichtum der hier versammelten Solokonzerte wird mit außerordentlicher Lebendigkeit vermittelt. Diese Lebendigkeit wird nicht zuletzt durch den klanglichen Reichtum der historischen Oboe und ihres ‚Bezwingers‘ forciert. Unterstützt durch das Ensemble gewinnen die unterschiedlichen Concerti Profil und Eloquenz, Lieblichkeit und Empfindsamkeit, Charakter und Temperament. Der Hörgenuss ist somit nicht nur für Spezialisten, sondern für alle anderen vorprogrammiert, die etwas über die Natur venezianischer Oboen-Concerti des 18. Jahrhundets und ihrer Schöpfer erfahren wollen. Abgerundet wird die Aufnahme durch ein sehr informatives Booklet des Musikwissenschaftlers und ausgewiesenen Vivaldi-Spezialisten Michael Talbot.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bernardini, Alfredo: Concerti veneziani per oboe

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
1
05.12.2014
Medium:
EAN:

CD
3760195733806


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Arcana

Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


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