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Sonntag, 22. April 2018

Franziska Hirzel & Jan Schultsz - Wagner and his Contemporaries

Raritäten und Klassiker des romantischen Lieds


Label/Verlag: bmn
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Lieder-Einspielung begeistert vor allem wegen der Beiträge von Hans von Bülow, die von Franziska Hirzel und Jan Schultsz idiomatisch und stimmungssatt umgesetzt werden. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

Natürlich wird bei einer solchen Einspielung Richard Wagner ins Zentrum gestellt. Dabei machen die Ersteinspielungen der Lieder von Hans von Bülow diese CD erst zu einem wahren Schatz. Der Titel ist nicht etwa ‚Lieder der deutschen Romantik‘, sondern ‚Wagner und seine Zeitgenossen‘. Der Ästhetik-Revolutionär Wagner dienst als Zugpferd für den Verkauf. Eine materielle Besonderheit der Produktion ist, dass das noch relativ junge Label bmn immer eine Audio Blu-Ray Disc zusätzlich zur herkömmlichen CD mitliefert.

Sopranistin Franziska Hirzel und Pianist Jan Schultsz bilden ein stimmiges Duo. Bei beiden wird deutlich: Sie stellen genaueste Überlegungen zu jeder Nuance an. Hirzel zeigt einen hervorragenden Umgang mit der Sprache, speziell mit den Konsonanten. Die häufigen Schleifer sind allerdings nicht immer passend. Die Leichtigkeit der Stimme hingegen harmoniert über weite Strecken mit dem Ausdruck der vorgetragenen Literatur, lediglich die Höhen sind oft etwas matt.

Ein Dirigent kommt zu Wort

Hans von Bülow ist als einer der bedeutendsten deutschen Dirigenten des 19. Jahrhunderts bekannt. Seine Kompositionen werden hingegen kaum beachtet. Umso erfreulicher ist es, dass gleich neun Ersteinspielungen in zwei Zyklen von ihm im Programm sind. Die Lieder sind mit einer Länge von ein bis drei Minuten von knapper Prägnanz. 'Drei Lieder' op. 1, Vertonungen von Heine Gedichten, bieten einen Blick in die Anfänge von Bülows kompositorischem Schaffen. Es gelingt ihm, die Stimmung der Texte auf beeindruckende Weise in Musik auszudrücken. Hirzel und Schultsz offerieren eine exemplarische Interpretation, in der diese vollkommen unbekannten Stücke förmlich zum Leben erweckt werden.

'Die Entsagende', ein Liederzyklus von Carl Beck, wurde als op. 8 von Bülow wenige Jahre später im Alter von 27 Jahren verfasst. Wie der Name andeutet, ist die nicht minder interessante Textvorlage eine Zusammenstellung von depressiv-romantischen Gedichten aus weiblicher Perspektive. Die dunkle, bittersüße Atmosphäre wird durch die exzellente Vertonung mit einer zauberhaften Aura umgeben. Obwohl es ohne andere, als Vergleich dienende Interpretationen schwer zu beurteilen ist, wirkt diese Musik wie auf die Stimme von Franziska Hirzel zugeschnitten. Einzig die Atempausen sind an einigen Stellen nicht ganz schlüssig. Doch die Paarung des Textes mit der Musik geht in dieser Interpretation unter die Haut. Wo Ruhe angebracht ist, wird die nötige Abgeklärtheit an den Tag gelegt, und an unruhigen Stellen ist die verzweifelte Erregung zu spüren, die zuweilen in Hysterie mündet. Die andachtsvolle Ansprache an einen Baum 'Wiegst traurig dein Gezweig' beschließt den Zyklus mit den Worten: ‚Ich bin die Leiche, du der Schrein, / und eine Erde hüllt uns ein.‘

Wagner sells

Die populären ‚Wesendonck-Lieder‘ bilden den dramaturgischen Mittelpunkt des Programms. Als Vorstudie zur Musik von 'Tristan und Isolde' ist dieser Zyklus das einzige, was sich von Wagners Liedschaffen im heutigen Repertoire gehalten hat. Franziska Hirzel bietet eine originelle Interpretation, kann jedoch an den Stellen, an denen Kraft angebracht ist, nicht vollends überzeugen. Neben der enormen Anzahl an Einspielungen der ‚Wesendonck-Lieder‘, unter denen sich zahlreiche musikalische Meilensteine befinden, kann diese sich nicht behaupten. Vielleicht schien es zu gewagt, eine CD ohne populäres romantisches Liedgut herauszubringen?

Goethe-Klassiker in romantischem Klanggewand

Interessanter sind Wagners Faust-Vertonungen op. 5 von 1831, aus denen Nr. 6 und 7 die Einspielung abschließen. Für das Gretchen ist die leichte, lyrische Stimme von Franzsika Hirzel passend. Ganz anders als Schuberts berühmtes 'Gretchen am Spinnrad', das nur wenig früher entstanden ist, wirkt Wagners Vertonung wilder und wird nicht vom Surren des Spinnrads durchzogen. Auch wenn die Reife der späteren Kompositionen Wagners noch nicht ausgebildet ist, zeigen Hirzel und Schultsz, wie gut der 17-Jährige schon dramatische Texte in Musik fassen konnte. Das 'Melodram Gretchens' steht dem musikalisch nicht nach, auch wenn die Rezitation von Hirzel etwas starr vorgetragen wird. Die dritte Goethe Vertonung – 'Über allen Gipfeln ist Ruh' – von Franz Liszt, zeugt von einem Komponisten in seiner Blüte. Es gelingt den Interpreten, die weiten Bögen zu spannen, die in der Musik ebenso vorgegeben sind wie im bekannten Gedicht Goethes. Die tief durchdachte Dynamikbehandlung und Phrasierung rundet die Interpretation ab.

Die drei 'Liebestraum'-Piecen für Klavier von Liszt sind geläufig. Allen dreien liegen Lieder zugrunde. Das erste, 'Hohe Liebe', nach einem Gedicht von Ludwig Uhland, ist Teil dieser Einspielung. Während der melodische Fluss gut funktioniert, fehlt der Steigerung zum Schluss hin mit dem Crescendo auf dem Spitzenton leider der Glanz, was die Wirkung der Musik mindert, die den Text so anschaulich wiedergibt: ‚Denn über mir in goldner Ferne / Hat sich der Himmel aufgetan.‘

Die Männer um Cosima

Die Person, welche eigentlich das verbindende Glied der drei Komponisten bildet, ist Cosima. Als Tochter von Franz Liszt war sie mit Hans von Bülow verheiratet, bevor sie die Ehe mit Richard Wagner einging und diesen bis zu seinem Tod begleitete. Bei der Uraufführung von 'Tristan und Isolde' 1865 war die Affäre von Richard und Cosima bereits in vollem Gange. Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, ob Cosimas damals geborene Tochter Isolde Wagners oder Bülows Kind ist. Obwohl Bülow noch mit Cosima verheiratet war, hielten die Umstände ihn nicht davon ab, die Uraufführung des 'Tristan' zu dirigieren. Seine Verehrung für Richard Wagner und dessen Musik ging so weit, dass er trotz dieser Kränkung Wagner treu blieb und auch drei Jahre später, nach der Trennung von Cosima, 'Die Meistersänger von Nürnberg' bei der Uraufführung dirigierte. Anders verhielt es sich mit Cosimas Vater, Franz Liszt, der sich nach der Affäre von Wagner distanzierte und sich erst in den letzten Bayreuther Jahren wieder seinem Schwiegersohn zuwandte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Franziska Hirzel & Jan Schultsz: Wagner and his Contemporaries

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
bmn
1
17.10.2014
EAN:

7629999018860


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Die Blu-ray Audio Disc ist technisch gesehen eine ganz normale Blu-ray Disc und lässt sich auf jedem Blu-ray-Player abspielen im Gegensatz zur SACD. Allerdings enthält sie keinen Videoinhalt. Die hohe Speicherkapazität wird für hoch auflösende Audiodaten (Stereo PCM 24 bit/96 kHz) genutzt. Bedient wird sie wie eine herkömmliche CD.

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Visualisierung von Klang – ein immer grösseres Thema zu Zeiten der medialen Sintflut. Allerdings: sucht man das Mass und versteht sich strikt zur Entfernung von Extremen, gibt zu denken, dass wir den Begriff der Synaesthesie schon lange kennen; denn um diesen geht es: um die Vermittlung der verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen und zwar zu je idealem Anteil – Hegel würde sagen: das „Umschlagen“ des einen ins andere. Von diesem Umschlag geht die praktische Überlegung der Visualisierung von Musik aus; und die richtet sich konsequent gegen die von den Medien heute normierte Art der visuellen Umsetzung von Musik, sprich: klassischer Musik. Denn sie ist empfindlich, zieht sich zurück, wenn man ihr und ihrer Botschaft optisch wehtut. Der Musik-Zuschauer wird von der Musik interpretenzentrisch durch die Art der Visualisierung getrennt und weiss kaum mehr, worum sich die bildlich vorgeführten Akteure bemüht hatten. In sanfteren Fällen wird die Musik bestenfalls zerstreut.

Musik, solche mit Botschaft, braucht Sammlung. Sie teilt sich, zumal die herausfordernde Klassik aus dem Geiste eines Beethoven und seiner Folgen, ohne Sammlung sich nicht mehr mitteilt, vielmehr zerstreut geradezu als Fälschung beim Zuschauer ankommt, dem das reine Hören gleichsam visuell verboten wird. Dem entgegenzuwirken, gab es zu wenige probate Ansätze. Einer ist derjenige, den der Regisseur Jan Schmidt-Garre experimentell mit Beethovens späten Quartetten entwickelt hat: die reale Konzertsituation wird radikal als Ausgangspunkt für eine einzige, konsequente Einstellung genommen, die bildlich - auch durch konzentrierte Ausleuchtung - dergestalt focussiert, dass ein Hör-Bild entsteht, das nur eben das sehen lässt, was man im Konzert wirklich "sieht" oder sehen kann, sozusagen ein ideales Sehen im Hörvorgang zeigt, ideal im Sinne des musikalischen Anspruchs. Hier ist dem Rezipienten zumindest die Möglichkeit gegeben, die Musik im Prozess ihres Gemachtwerdens mit Ohr und Auge in hoher Konzentration wahrzunehmen, ohne die Augen schliessen zu müssen...

Daraus entsteht so etwas wie eine optische "Ästhetik" der Musik im Moment des Vollzugs, im sogenannten Hier und Jetzt. Das Wesen der Musik, ihr Ereignis im "idealen Jetzt", wird dabei zum Mass der Dinge.


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