> > > Schlage doch gewünschte Stunde: Werke von Bach, Telemann & Hoffamnn
Montag, 19. August 2019

Schlage doch gewünschte Stunde - Werke von Bach, Telemann & Hoffamnn

Bach und Kollegen


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter dem Titel 'Schlage doch, gewünschte Stunde' versammelt der Oboist und Ensembleleiter Marcel Ponseele eine Reihe hochkarätiger Kompositionen verschiedener Hand, in über weite Strecken sehr niveauvoller Deutung.

In loser Folge hatte der Oboist und Ensembleleiter Marcel Ponseele in den vergangenen Jahren Platten mit Kantaten Johann Sebastian Bachs zu verschiedenen geistlichen Motiven veröffentlicht, immer bereichert um charakteristische Arbeiten einzelner Zeitgenossen. Jetzt präsentiert er mit seinem Ensemble il Gardellino unter dem Titel ‚Schlage doch, gewünschte Stunde‘ ein Programm, dass sich dem Todessehnen widmet, das so vielen barocken Kantaten zu Grunde liegt. Im Zentrum stehen zwei gewichtige Kantaten Bachs, einleitend 'Wer weiß, wie nahe mir mein Ende' BWV 27, dann die expressive Kantate 'Ich armer Mensch, ich Sündenknecht' BWV 55. Titelgebend ist die aus einer ausgreifenden Arie bestehende Kantate Georg Melchior Hoffmanns 'Schlage doch, gewünschte Stunde', dessen Arbeit Bach durch eine eigene Abschrift würdigte und so dem Vergessen entriss. Schließlich ist Georg Philipp Telemann mit seiner vielleicht bekanntesten Kantate 'Du aber, Daniel, gehe hin' zu hören – ein charakteristischer Zugewinn für die Platte, ist sie doch in ihrer Substanz gewichtig, phantasievoll gearbeitet und gehört vollkommen nachvollziehbar zu den bekanntesten der etwa 1.300 Kantaten Telemanns.

Ein Programm typisch barocken Zuschnitts: Das gelöste, sehnsuchtsvolle, oft beinahe fröhliche Todesverlangen kann den Hörer der Gegenwart irritieren. So frohgemut wie in Hoffmanns behänder Altarie 'Schlage doch, gewünschte Stunde' dem Tod entgegenzusehen, dürfte heute nur wenigen Menschen gegeben sein.

Hohes Niveau mit kleinen Abstrichen

Vergangene Folgen dieser kleinen Reihe wiesen stets das stupende Leistungsvermögen von Marcel Ponseeles il Gardellino nach und krankten zugleich an einzelnen Besetzungsfragen im Vokalen. Instrumental ist auch die vorliegende Produktion tadellos, geprägt von einem geradezu luxuriösen Grundklang des solistisch besetzten Ensembles. Dessen Spiel ist insgesamt exzellent, geschmackvoll im Zusammenwirken, geprägt von unbedingt idiomatischem Zugriff. Im hauptsächlich agierenden Solistenquartett sind die Befunde in der aktuellen Folge ausgewogen erfreulich: Gerlinde Sämanns wunderbarer Sopran ist gegenwärtig schlicht einer der wunderbarsten in der Bach-Szene. Das zeigt sich auch hier. Damien Guillon überzeugt arios mit Geschmeidigkeit, ist vielleicht nicht immer frei von Schärfen, nimmt aber vor allem in Hoffmanns bezauberndem Satz mit feiner Eleganz für sich ein. Rezitativisch offenbart er kleinere Schwächen in der Diktion.

Jan Kobow ist nur in Rezitativen gefordert, brilliert da mit seiner sehr natürlichen, klar konturierten Aussprache in milder dramatischer Expressivität. Dominik Wörner gibt sich gravitätisch, zugleich erfreulich präzis und beweglich – ein hervorragender Bach-Bassist, auch in agil gestalteten Rezitativen.

BWV 55 'Ich armer Mensch, ich Sündenknecht' wird aus nicht näher ausgeführten Gründen nicht von Jan Kobow, sondern von seinem gleichfalls vielfach bewährten Fachkollegen Marcus Ullmann gesungen. Dessen eigentlich schöne Stimme wirkt hier seltsam ermattet, es mangelt an klanglicher Frische, die Tonproduktion ist gelegentlich zu unstet für eine klar phrasierende lineare Gestaltung des anspruchsvollen Werks. Auch die grundsätzlich ansprechenden Rezitative irritieren an einigen Stellen mit dünnen, immer wieder nur mühevoll erreichten, kursorisch gestreiften Höhen. Bei aller instrumentalen Klasse, die das Ensemble auch hier erreicht: Diese Kantate gibt es im Repertoire in deutlich gelungeneren Interpretationen.

Klanglich ist die Realisierung von Klarheit und Präzision geprägt, von ansprechendem Volumen getragen, zugleich mit einer feinen strukturellen Note versehen. Alle Sphären werden in kammermusikalischer Dichte fein balanciert. Im Booklet überzeugt ein schöner Text von Gilles Cantagrel in drei Sprachen, wirkt manch editorischer Flüchtigkeitsfehler aber auch vermeidbar.

Abgesehen von BWV 55 treffen hier endlich einmal instrumentale und vokale Kräfte auf einem gleichmäßig hohen Niveau aufeinander. Im Programm erweist sich vor allem Telemann als bereichernder Faktor, wie überhaupt Marcel Ponseeles Idee gemischter Kantatenprogramme deutlich verfängt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schlage doch gewünschte Stunde: Werke von Bach, Telemann & Hoffamnn

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
03.10.2014
Medium:
EAN:

CD
5425004149893


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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