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Freitag, 23. August 2019

Berlioz, Hector - Symphonie fantastique

Kultivierte Kraftausbrüche


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Valery Gergiev weiß, wie man den Hörer auch in weithin bekannten Stücken noch heute schocken kann. Er lässt die Kräfte im Untergrund brodeln, gibt ihnen kurz und gezielt freien Lauf, um die Leine sofort wieder anzuziehen.

In dieser Einspielung nimmt sich der vielgefragte Dirigent Valery Gergiev mit dem London Symphony Orchestra Berlioz’ groß angelegte 'Symphonie fantastique' op. 14 (1830) und die nicht ganz so bekannte Ouvertüre 'Waverly' vor. Der Charakter einer Live-Aufnahme bzw. Unterschiede zu einer Studioaufnahme sind dabei klanglich nicht auszumachen. Beifall oder Husten sind nicht zu hören, umso besser.

Das zur Zeit seiner Uraufführung formsprengende Werk zeigt die Symphonie als ultimative dramatische Form. Jeder Satz erzählt einen Teil einer Geschichte, gekennzeichnet durch von Berlioz selbst vergebene Titel. Die Aufnahme dieses Instrumentalmusikdramas erscheint als Doppelpacket, mit SA-CD und Blu-ray Disc. Zweimal die gleiche Aufnahme, jedoch in sehr hoher und einmal in höchster klangtechnischer Auflösung. Bei beiden wird die ausgezeichnete Ausdifferenzierung des Orchesters intensiv spürbar. Die 'Szene auf dem Lande' aus der Symphonie mit ihren kleinen zarten Bewegungen in den Streichern und Holzbläsern gelingt den Spielern bis ins kleinste Detail. Selbst die leisesten Töne besitzen ein starkes Klangvolumen, was erst durch die hohe Klangqualität richtig zum Vorschein tritt, bei der nicht nur keine Nebengeräusche stören, sondern auch wirklich jede Nuance der Tongebung wiedergegeben wird. Laute Passagen funktionieren auch bei weniger hochwertiger Wiedergabetechnik und zeigen ihre Wirkung. Für die Feinheiten bedarf es allerdings solch spezieller Aufnahmequalitäten. Im insgesamt doch eher kraftvoll tosenden ‚Hexensabbat’ geht das kurze Klirren der Streicher nicht unter. Es überrascht zweifelsohne, doch bleibt eine Substanz, ein Ausdruck hör- und spürbar. Gergiev lässt es darauf ankommen und durchzieht das Werk mit Gegensätzen in Tempo, Lautstärke, Klangintensität etc. und verlangt damit seinen MusikerInnen viel ab. Bis auf zu vernachlässigend kleine Unstimmigkeiten, bei Bläsereinsätzen oder lang gehaltenen Tönen etwa, ist diese Aufnahme vor hoher Klangkultur bestimmt.

Berlioz’ Symphonie besitzt in Gergievs Deutung eine durchgehende Ausgewogenheit, was gleichzeitig auf die Aufnahmeleitung zutrifft. Man kann sich auf jedes Instrument konzentrieren und wird den Klang im großen Orchester finden. Gergiev zeigt ein aufregendes Formverständnis. Natürlich lässt er die prallen Tutti-Stellen kurz krachen und heizt im ersten Satz, in den ‚Leidenschaften’, sowie natürlich im rauschhaften ‚Hexensabbat’ sein Orchester zu gewaltigen Klangwellen an. An keiner Stelle wird es jedoch zu viel oder trägt er zu dick auf. Kein Ansturm, kein Tempowechsel gleicht dem anderen oder ufert ins Krawallartige aus. Stets wird eine Balance bewahrt und Gergiev behält sich kleine und ganz kleine Pausen vor und nutzt diese – auch für den Hörer – zum Atemholen für die kraftraubenden Passagen. Nach hauchzarten Passagen lässt er immer wieder plötzlich einen Akkordschlag oder einen Paukenschlag, wie gegen Ende des ersten Satzes, hervorstehen. Was da im Untergrund, sowohl musikalisch als auch in der Handlung vonstatten geht, kann man an dieser Aufnahme sehr gut erfahren. Niemals kann man sich entspannt zurücklehnen. Richtige Ausbrüche sind selten in dieser Aufnahme, aber sie werden so pointiert eingesetzt, dass die Wucht und die dahinterstehenden Mächte stets zu spüren sind. Gergievs Interpretation ist flexibel und abwechslungsreich in Tempowahl, Akzentuierung und Hervorhebung einzelner Stimmen. Die 'Waverly'-Ouvertüre baut Gergiev ebenso in überzeugender Langsamkeit auf. Die abrupten, aber zielgerichtet und abgestimmten Lautstärke- wie auch Tempowechsel reisen den Hörer bis zum großen Finale mit.

Der Inhalt der dramatischen Geschichte wird im Booklet auf Deutsch, Englisch und Französisch kurz zusammengefasst, in der sprachlichen Präsentation allerdings reichlich überdramatisiert. Auf der ersten Seite des Booklets findet sich ein – meines Erachtens viel zu klein gedruckter – Verweis zum Internetangebot des LSO. Dort findet man unter der Sparte ‚Play LSO’ einen Teil der Aufnahme aus sechs verschiedenen Perspektiven aus dem Orchester heraus gefilmt. Man kann dabei frei die Kamerasichten zu- und abschalten. So ist es möglich von den zweiten Violinen auf den Dirigenten zu schauen oder nur auf die Blechbläser zu achten. Bis zu vier Blickwinkel kann man parallel schauen und bekommt das Tacet der ersten Geigen ebenso mit wie auch jede Schweißperle auf Valery Gergievs Haupt. In Bezug auf Berlioz könnte man sagen, das LSO geht über die Dramatisierung des Orchesters hinaus, hin zu einer Dramatisierung der einzelnen Musiker. Von Dirigentengrößen wie Gergiev sind wir eine Inszenierung der einzelnen Person ja bereits gewohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




David Buschmann Kritik von David Buschmann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Berlioz, Hector: Symphonie fantastique

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
LSO Live
1
03.10.2014
Medium:
EAN:

SACD
822231175728


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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