> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Don Giovanni
Mittwoch, 23. September 2020

Mozart, Wolfgang Amadeus - Don Giovanni

Auge schlägt Ohr


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die 'Don Giovanni'-Aufzeichnung aus dem Royal Opera House wartet mit spektakulärem Bühnenbild auf, bleibt musikalisch aber hinter den Erwartungen zurück.

Der Applaus am Ende ist tosend, das Publikum hörbar begeistert. Dass die 'Don Giovanni'-Produktion aus dem Royal Opera House vom Februar 2014 insbesondere musikalisch die hoch gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnte, ist im Wirbel von Projektionen, drehenden Wänden, Treppen und Türen scheinbar vollkommen untergegangen. Kasper Holten versteht es einmal mehr, mit aufwendigem Bühnenbild (Set: Es Devlin) den Zuschauer zu fesseln und gibt durchaus eigene, schlüssige Denkanstöße zum vielgespielten Werk. Das alles umkreisende Zentrum ist augenfällig Don Giovanni. Warum auch nicht, möchte man meinen; er ist schließlich auch der Titelheld im wörtlichen Sinn. Mit düsteren Farben, umherspukenden Geistern sowie hochmoderner Projektionstechnik wird eine Parallelwelt geschaffen, die permanent Einfluss auf die Handlung ausübt – ein intelligentes Wechselspiel zwischen Realität und Fiktion. Don Giovanni ist hierbei der Held in der Midlife-Crisis, dem durch sein waghalsiges Frauenprojekt am Ende nicht die Hölle, sondern die große Isolation droht.

So weit, so gut. Die Talfahrt des Helden markiert jedoch gleichzeitig die Trivialität der Nebencharaktere. Die verschiedenen Personen machen freilich unterschiedliche Entwicklungen durch, welche von Holten nicht selten stark in Szene gesetzt werden. Man nehme nur die zertrümmerte Komtur-Büste, welcher Donna Anna ihr Leid klagt, oder Leporello, den es zu Tränen rührt, den Verfall seines Herrn miterleben zu müssen. Was jedoch aus den Nebenrollen wird, ist dem Zuschauer letzten Endes doch vollkommen gleichgültig. Der moralische Zeigefinger ist das eigentliche Fazit. So entschied man sich folgerichtig für einen Mix zwischen Wiener und Pariser Fassung; im Anschluss an die Komturszene erfolgt nicht etwa der Tod des Titelhelden, sondern der sofortige Sprung ins Schluss-Sextett 'Questo è il fin di chi fa mal', während Don Giovanni gottverlassen auf der Bühne verweilen muss.

Lethargie im Orchestergraben

Musikalisch ist das Ganze trotz vielversprechender Besetzung indessen unter den Möglichkeiten geblieben. Angefangen beim Orchestra of the Royal Opera House unter der Leitung von Nicola Luisotti, das in diesem Mitschnitt von Opus Arte einen besonders trägen Eindruck hinterlässt. Bereits die Ouvertüre deutet die drohende Lustlosigkeit im Orchester an. Der Klang als solcher ist durchaus ansprechend und fein gemischt, aber jeglichem Tremolo fehlt die Dramatik, jeder Ausbruch, jeder Akzent wird belanglos überspielt – die Schriftprojektionen scheinen ohnehin viel spannender zu sein, wird man sich gedacht haben.

Mariusz Kwiecień in einer seiner Paradedisziplinen gibt derweil einen absolut überzeugenden Don Giovanni: optisch wie auch musikalisch durch seine voluminöse, kraftvoll timbrierte sowie vielschichtig einsetzbare Stimme. An seiner Seite ist Alex Esposito ein guter Leporello, der seine Rolle keineswegs auf rein buffoneske oder gar tölpelhafte Charakterzüge reduziert. dDch auch er fällt der allgemeinen Lethargie aus dem Orchestergraben zum Opfer. In seiner ‚Register-Arie’ kann er so nicht wirklich zu einer humorvollen Abstufung beitragen. Bionda, bruna, bianca, grande, piccina – alles klingt hier vollkommen identisch. Mozarts so amüsant differenzierte Musik verliert konsequenterweise ihren Knalleffekt.

Auch die Frauen scheinen bei weitem nicht das Optimum herauszuholen, angefangen bei Malin Byström als Donna Anna. Während sie in Zusammenarbeit mit René Jacobs noch ein wunderschönes 'Non mi dir' zum Besten gab, klingt ihre Stimme in dieser DVD-Produktion gerade in den Höhen oft eng und verliert an zündender Leuchtkraft. Véronique Gens mit teils etwas überladenem Vibrato ist Byström in dieser Hinsicht klar überlegen und wartet mit einer starken Dynamik- und Stimmführung auf, wenngleich auch sie auf ihren Solo-Alben schon deutlich frischer klang. Dies mag auch daran liegen, dass die Rolle der Donna Elvira nicht wirklich ihre Stärken ans Licht bringt und sie in das Konzept von Holten nicht so recht hinein passen will.

Dementsprechend macht Elizabeth Watts als kokettierende Zerlina unter den Frauen noch die beste Figur, wobei sie ihrer Rolle eine persönliche Note hinzuzufügen weiß und mit variabler vokaler Gestaltung überzeugt. Da muss man nicht unbedingt verstehen, warum sie sich am Schluss doch für den weitestgehend unauffälligen Masetto (Dawid Kimberg) entscheidet. Antonio Poli schließt sich als ähnlich aparter Don Ottavio seinem Kollegen hierbei an; das schöne Timbre kann nur bedingt über das Forcieren der Höhen hinwegtrösten. Dagegen sorgt Alexander Tsymbalyuk als nur für Don Giovanni sichtbarer Komtur mit düster dämonischer Wucht in der Stimme für eine allemal fesselnde Schlussszene, welche durch eine packende Darstellung Kwiecieńs optimal abgerundet wird.

Nimmermüde Effekte auf der Bühne

Am Ende wird man zweifelsohne das Gefühl nicht los, dass das Gesamtkonzept ohne die nimmermüden Projektionen und Effekte möglicherweise gänzlich gescheitert wäre. Denn ohne das ganze Drumherum ist es doch wieder ein gewohntes Auf und Ab der Treppen, ein größtenteils konventionelles Interagieren der Personen oder ein stilles Verhungern auf der Bühne, dem die Akteure ausgesetzt sind. Gesanglich verliert sich die Einspielung zudem im Mittelmaß vieler vergleichbarer Produktionen. Insofern ist man mit der musikalisch innovativen Aufnahme von René Jacobs oder dem Mitschnitt von Claus Guths origineller Inszenierung von den Salzburger Festspielen 2008 in Sachen Personenregie und adäquater Übersetzung des Stoffes in die heutige Zeit doch weitaus besser bedient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Don Giovanni

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
06.10.2014
Medium:
EAN:

DVD
809478011453


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Opus Arte

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