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Dienstag, 9. August 2022

Shoka - Japanische Kinderlieder

Fernöstliche Klänge im westlichen Gewand


Label/Verlag: Analekta
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dem Komponisten Jean-Pascal Beintus und Kent Nagano gelingen mit der Bearbeitung von 22 japanischen Kinderliedern für Orchester der Spagat zwischen westlicher und japanischer Musiktradition.

Die Liebe der japanischen Bevölkerung zur eigenen Heimat ist und bleibt ein zentrales Thema der japanischen Kulturtradition. Durch das Tragen farbenprächtiger Kimonos, dem traditionellen Gewand Japans, welche mit Bergen und verschiedensten Blütenarten verziert sind, stellen Japaner ihre Nähe zur Natur und der Heimat aus. Diese Verbundenheit zeigt sich seit Jahrhunderten auch in der poetischen und musikalischen Auseinandersetzung damit –nicht zuletzt in dieser Platteneinspielung von 22 traditionellen Kinderliedern unter der Leitung des Dirigenten Kent Nagano, arrangiert für Orchester, Chor und Sopran von Jean-Pascal Beintus und interpretiert vom Symphonie-Orchester und dem Kinderchor Montreal sowie der deutschen Sängerin Diana Damrau.

Die ursprünglich als ‚Shoka‘ (japanische Schulhymnen) bezeichneten Kinderlieder entstanden während der japanischen Meiji-Periode im 19. und frühen 20. Jahrhundert, einer Zeit, in der sich das über 250 Jahre wirtschaftlich und kulturell isolierte Japan der westlichen Welt öffnete. Der westliche Einfluss auf die japanische Kunst - und Musikkultur zeigt sich anhand der Kinderlieder dieser Platte exemplarisch. In der einzigartigen Mixtur aus klassischen europäischen Orchesterinstrumenten, verknüpft mit japanischen Volksmelodien ergeben sich klangvolle und abwechslungsreiche kurze Stücke.

In den Liedern wird die Heimat durch die Natur verbildlicht, zugleich aber in ihr gebrochen zugunsten eines tieferen gesellschaftsproblematisierenden Ausdrucks. Damit spiegeln sich Themen wie die Flucht vor der Armut, das Fremde in Japan und auch die Sehnsucht nach der Ferne in mehreren Bedeutungsebenen in den Texten wider. Die poetischen und gehaltvollen kurze Liedtexte bewegen somit emotional zwischen kindlicher Freude und Melancholie. Lieder wie 'Moon in the Rain', 'Song of Early Spring', 'In the Shadow of Flowers', 'Burning Sunset', 'On the Sumida River' und das in Europa wohl bekannteste Lied 'Sakura, Sakura' (Kirschblüte) paraphrasieren mit verträumten Texten Aspekte der Heimat. Im 'Song of the Early Spring' verwandelt sich das anfängliche hohe Streicher-Tremolo im Pianissimo, über welchem die Flöte zart das melodische Intro spielt, zu einem filmmusikalischen, klangmalerischen Charakterstück, welches mit dem heiteren Themeneinsatz des vierstimmigen Kinderchores im Dreivierteltakt fast schon weihnachtlich klingt. Dass Heimat aber auch im Zusammenhang mit politischen Kontexten künstlerisch verarbeitet wurde, zeigen die Lieder 'Red Shoes', 'Blue-eyed Doll' und 'Bridal Doll'. Die blauäugigen Puppen, welche ab 1921 als Zeichen japanisch-amerikanischer Freundschaft an japanische Mädchen versandt und im Zweiten Weltkrieg zum Symbol des Feindes wurden, bilden die textliche Grundlage der 'Doll-Songs' dieser Einspielung. Ein kurzes, flatterndes, pentatonisch und stark rhythmisiertes Flötensolo empfängt den Zuhörer am musikalischen Hafen, weitergetragen durch die sanften, ruhigen Klarinetten - und Fagott-Melodien über dem üblichen Streicherteppich, welche immer wieder im Nichts versinken, bevor das Flötensolo von Damrau als Gesangsmelodie aufgegriffen und im Mittelteil unisono mit dem Chor musiziert wird. In 'Red Shoes' trägt die Sängerin in tragischer Manier die Mollmelodie des aus Japan vom ‚Fremden‘ entführten kleinen Mädchens mit den roten Schuhen vor, während der sparsam gesetzte Streicherapparat die nötige harmonische Klangfläche in langen Tönen spannungsvoll aushält, durchbrochen von effektvoll imitierten Fünftonketten von Flöte, Fagott und Glockenspiel im Strophenzwischenspiel.

Der Heimatbegriff im musikalischen Sinne wird immer wieder evoziert, wenn die Querflöten in den Vorspielen der Lieder pentatonische Melodieverläufe präludieren und damit wie japanische Bambusflöten anmuten, während die Harfe im Arpeggio zur Koto (japanische Wölbbrettzither) mutiert. Glockenspiel, Harfe und Flöten werden durch Klangeffekte verfremdet, aber zugleich kann der Zuhörer eine Nähe zu den oft dreiteilig aufgebauten, homophonen Liedern herstellen. Zu kritisieren ist jedoch der Gebrauch der Flöten als pentatonische Effekthascherei, welche sich in einigen Liedern leider etwas abnutzt.

Die einprägsamen und prägnanten Melodien der japanischen Kinderlieder dieser Platte können das Herz im Nu erobern, strahlen eine mystische Schönheit aus und sind nach wie vor aktuell. Ihre verschiedenen textlichen Auslegungsmöglichkeiten machen sie für ein breites Publikum aller Altersklassen interessant. Sopranistin Diana Damrau interpretiert die Kinderlieder, trotz sprachlicher Hürden, überzeugend und verleiht den individuellen Melodien mit ihrer weichen Stimme einen glaubwürdigen Charakter, nicht zuletzt durch die Tatsache, dass das vokale Vibrato sehr sparsam und klug verwendet wird, um den Kinderliedcharakter zu wahren. Hervorzuheben ist auch die perfekt abgestimmte Balance zwischen Kinderchor, Orchester und der Sängerin, welche es mit ihrer zarten und zugleich fokussierten Stimme schafft, über die Klangmasse aus Chor und pathetischer Orchesterbegleitung vokale Bögen zu spannen.

Das beigelegte Booklet enthält alle notwendigen Informationen zu den beteiligten Künstlern, zum Entstehungskontext sowie die Übersetzungen der Liedtexte in Japanisch, Französisch und Englisch und damit ebenfalls durchaus gelungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Nicole Overmann Kritik von Nicole Overmann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Shoka: Japanische Kinderlieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Analekta
1
06.10.2014
Medium:
EAN:

CD
774204913021


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Analekta

ANALEKTA is a Greek word which can be translated as "a collection of the finest works". Since the inception of the company in 1988, founder and President Mario Labbé and his team of dedicated people have worked diligently to represent its corporate name.
ANALEKTA has become the largest independent classical record company in Canada. Being the recipient of many distinguished prizes, notably for the quality of its recordings and the rigorous musicianship of its artists, ANALEKTA has earned a reputation of excellence on the international music scene. The company is now considered a benchmark within the Canadian music industry and a true gem of Canadian culture.
The Quebec recording company specializing in classical music, ANALEKTA was founded with the goal of becoming one of Canada's leading record labels. The driving force behind the label has always been its musicians, exceptional artists who would become ANALEKTA's guarantee of excellence. Over the years, the label has therefore developed an association with the country's finest musicians and musical organizations. ANALEKTA's recordings equal fine interpretations, originality and excellence.
Each year, ANALEKTA releases no less than 30 classical recordings featuring the greatest Canadian musicians. Over the years, ANALEKTA has produced over 350 titles with more than 200 artists. The level of excellence of its artists, combined with the determination of its management and its entire team have created an enviable reputation and a first-rate image for the company, both at home and abroad.
Though its focus remains classical music, ANALEKTA continues to seek new talent and promote Canadian musicians. Embracing a new array of genres to widen its musical horizons, ANALEKTA's catalogue now includes World Music, jazz and movie soundtracks, making music accessible to music aficionados with eclectic taste.
ANALEKTA's 'selection of the finest works' featuring the finest Canadian musicians continues to flourish. More than ever, ANALEKTA's name is synonymous with excellence.


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