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Mittwoch, 23. September 2020

Wagner, Richard - Tannhäuser

Wagner-Sternstunde


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Orfeo gelingt mit diesem 'Tannhäuser'-Mitschnitt ein weiterer Glücksgriff in die Bayreuther Archivkiste.

Was bleibt noch zu sagen, wenn man im Orchestergraben einen großartigen Wagnerdirigenten, als Wolfram einen der meistgeschätzten deutschen Liedersänger, als Liebesgöttin die erste dunkelhäutige Venus in Bayreuth und auch in der Titelpartie einen der größten Heldentenöre des 20. Jahrhunderts vorfindet? Wohl schlicht ein großes Dankeschön, dass sich Orfeo weiter darum bemüht, vergangene Wagner-Sternstunden wieder zugänglich zu machen. Unter dem Titel ‚Bayreuther Festspiele Live’ sind beim Label bereits einige Einspielungen mit potentiellem Referenzstatus erschienen, etwa der 'Lohengrin' unter Matačić von 1959, die 'Meistersinger' unter Böhm von 1968 oder auch der Krauss-'Ring' von 1953. Nun widmete man sich der 'Tannhäuser'-Produktion von 1961 unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch (Regie: Wieland Wagner), wobei der der Mitschnitt des dritten Abends (3. August) dieses Premierenjahres den Archiven entnommen wurde. Die vorliegende Aufnahme reiht sich nahtlos in den bisherigen Standard der Orfeo-Serie ein. Orchester und Sänger hinterlassen sogar einen weitaus gefestigteren Eindruck als am Premierenabend vom 23. Juli (schwer erhältlich bei Opera d’Oro). Zugleich wird mit diesem zeitgeschichtlichen Dokument einmal mehr der tragische Niveauverlust, der diesem früher so ruhmreichen Bayreuther Haus in den letzten Jahren widerfahren ist, offengelegt.

Straff, doch niemals eingeengt

Das fängt bei einem Dirigenten wie Wolfgang Sawallisch an. Ausgesprochen zügig schreitet er durch die Partitur, weiß allerdings zu jeder Zeit die Spannungsmomente mit höchster Intensität aufzubauen. Man höre nur die Ouvertüre: Bereits der Pilgerchoral ist von hoher Spannung durchdrungen, derweil der ganze Schwung, der während der Venusberg-Anklänge aufgenommen wird, den Zuhörer ebenso wenig zur Ruhe kommen lässt. Das, was die Streicher hier versprühen, was von den Bläser nie zu unbeherrscht geschmettert wird und was in der intelligenten Paukenphrasierung aufwühlt, ist kein Dauerpathos, keine Effekthascherei. Vielmehr wird bereits die Problematik des Tannhäusers – der Zwiespalt zwischen tugendhafter, reiner Liebe und der sinnlich triebhaften Wollust – hörbar gemacht. Szenen wie etwa der Einzug der Gäste im zweiten Akt kommt das flüssige Tempo ebenso zugute; das wirkt sich insbesondere für den Zuhörer positiv aus, der sich die Inszenierung nur aus den Beschreibungen im informativen Booklet-Text vors innere Auge führen kann. Die straffe Lesart von Sawallisch erweist sich als jederzeit flexibel in der Interaktion mit den Sängern – solch ein Wagnerdirigat ist heute kaum noch zu hören.

Vulkan statt Venusberg

In der Titelpartie ist mit Wolfgang Windgassen der Startenor von damals zu hören, welcher diese heikle Partie vielleicht nicht überragend (wer kann das in der Rolle des Tannhäusers schon von sich behaupten?), aber doch sehr gut meistert. Überzeugen kann er vor allem durch eine brillante Textauslegung. Wenn man sich nur die ‚Romerzählung’ anhört, bestürzen schauriger Sarkasmus, Spott und inbrünstige Bitterkeit. Nein, Windgassen singt hier nicht, er poltert und tobt wie ein Vulkan, der dann auch tatsächlich mit den Worten ‚da ekelte mich der holde Sang’ etwas zu übertrieben ausbricht.

Überragend aber sind die beiden weiblichen Hauptpartien mit Grace Bumbry und Victoria de los Angeles. Bumbry, die als erste dunkelhäutige Venus in Bayreuth bereits im Vorhinein der Aufführungen Diskussionsthema Nummer eins war, bietet stimmlich eine sehr persönliche Rollengestaltung. Der US-amerikanische Akzent ist keineswegs störend, sondern gibt dem Ganzen eine zusätzliche Exotik, derweil ihr schillerndes Vibrato und ihre leuchtende Strahlkraft in den Höhen verführerisch und zugleich dramatisch aufbrausend eingesetzt wird.

Victoria de los Angeles, eine der ganz wenigen aus Spanien, die es nach Bayreuth geschafft haben, bietet hierbei den perfekten Gegenpart zu Bumbry. Ihrer hell leuchtenden sowie natürlich zärtlichen Stimme, nimmt man sofort das tugendhafte oder auch naiv-arglos Schwärmerische in 'Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder' ab, während sie im klagevollen 'Allmächt’ge Jungfrau, hör mein Flehen! ' gleichzeitig eben soviel Schmerz und Tragik hineinlegen kann, ohne je das Gesamtkonzept ihrer Rollengestaltung in Widerspruch zu bringen.

Mit Dietrich Fischer-Dieskau ist das Ensemble zudem mit einem Wolfram beschenkt, der selten so passend besetzt wurde. Der renommierte Liedersänger kann in dieser Rolle seine Stärken voll und ganz ausleben, ohne sich zu verstellen: seinen Hang zum intellektuellen Belehren etwa im Sängerkrieg oder seine klangschön liedhafte Gestaltung von 'O du, mein holder Abendstern', wobei er speziell den Abendstern nach wie vor wie kein anderer zu interpretieren imstande ist und sich an diesem Abend nochmals selbst zu übertreffen wusste.

Die Nebenrollen sind mit Ausnahme von Gerhard Stolze, der mit dem Walther von der Vogelweide so wenig zu tun hat wie ein Klaus Florian Vogt mit einem Lauritz Melchior, ebenfalls hervorragend besetzt, wobei Josef Greindl als Landgraf mit gefährlichem Unterton und Franz Crass als ebenbürtiger Kämpfer im Sängerkrieg auftreten.

Spannend und nostalgisch

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass Orfeo erneut eine großartige Aufnahme auf den Markt gebracht hat, die auch in Sachen Klangqualität in Anbetracht der Zeit durchaus solide ausfällt sowie durch ein schön illustriertes Booklet sinnvoll ergänzt wurde. Die Motivation für die Veröffentlichungen solcher Aufnahmen, so heißt es dort im Einführungstext, ist weniger mit Nostalgie als vielmehr mit spannenden Wiederentdeckungen begründet. Und doch werden wohl nicht nur die Zuhörer, sondern auch die Verantwortlichen in Bayreuth selbst nostalgisch, bedenkt man, was in diesem Haus damals Jahr für Jahr musikalisch geboten wurde.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Tannhäuser

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
3
05.09.2014
Medium:
EAN:

CD
4011790888323


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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