> > > The Arrival Of Night: Werke von Hartke, Piazzolla & Brahms
Freitag, 23. August 2019

The Arrival Of Night - Werke von Hartke, Piazzolla & Brahms

Was hört das Flex Ensemble in der Nacht?


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auf seiner Debüt-CD bei GENUIN stellt das Flex Ensemble Werke von Stephen Hartke, Astor Piazzolla und Johannes Brahms, also aus einer 100 Jahre umspannenden Entstehungszeit zusammen. Das Überthema ist die Nacht. Doch wie klingt die Nacht?

Die Sonne geht unter, es wird dunkel. Doch was bedeutet das? In der Dunkelheit sieht man schlechter, und wir sind gezwungen, uns auf andere Sinne zu konzentrieren. Dunkelheit ist aufregend und unheimlich zugleich. Der Reiz des Geheimnisvollen, des Stillen gibt der Nacht einen weltenthobenen unwirklichen Charakter, konnotiert sie mit sogenannten dunklen Mächten wie auch mit höheren Sphären. Mit diesen Attributen und Assoziationen spielt das Flex Ensemble, 2012 aus Studierenden der Hochschule Hannover gegründet, auf dieser Aufnahme.

Die Satzbezeichnungen von Stephen Hartkes 'The King of the Sun' (1988) entsprechen Gemäldetiteln von Joan Miró. Dem Komponisten zufolge ist seine Musik wie auch die Bilder skurril und ernst. Anleihen aus dem Jazz bis zur Verarbeitung von Gregorianik ergeben eine surrealistische Aura. Zunächst grummelt das Klavier mehr perkussiv im Hintergrund und hohe Streichermelodien durchschneiden die abgedunkelte Atmosphäre. Kana Sugimura (Violine) betont mit beißend grellem Ton nächtliche Mysterien, während der Rest des Ensembles eine sich stetig verändernde Umgebung zeichnet. Im dritten Satz hämmert das Klavier in Höhen und Tiefen Cluster in die Tasten, plötzlich von dämmernden Streichern unterbrochen. Ruhig und zart erschaffen diese eine beruhigende Stimmung, bis wiederum das Klavier einschlägt. Besonders bei Hartkes Klavierquartett gelingt dem Ensemble eine einfühlsame Einheit der Gegensätze. Heftigkeit und Entspannung stehen sich nicht gegenüber, sondern ergänzen sich in der Dunkelheit des Tonsatzes. Dies ist ebenso der Tontechnik zuzuschreiben, die diese Klangerfahrung erst ermöglicht. Der letzte Satz 'Menschen und Vögel, jubelnd beim Anbruch der Nacht', Titelgeber der Produktion, lässt sich etwa als die Unfassbarkeit der Nacht verstehen. Sanft und doch erschreckend entwerfen die Musiker ein vielschichtiges Gewebe und spielen ihren Facettenreichtum aus.

Piazzollas ‚Teufelsstücke‘, Ende der 1950er geschrieben, bergen eine ganz andere Art der Widersprüchlichkeit. Innerhalb weniger Takte springen die Musiker durch Jazz, Tango, Elemente der moderner Kunstmusik, von Melancholie zu Schockmomenten und verfallen in rasante Läufe. Was für eine Nacht! Mit Elsbeth Moser als erfahrene Akkordeonistin betont das Ensemble den hinterhältigen Witz und die Gefahr, mit dem ‚Diablo‘ zu tanzen. Mit 28 Jahren gab Piazzolla das Bandoneon und den Tango auf und widmete sich nur noch klassischer Musik und dem Jazz. Erst einige Zeit später kombinierte er die Stile, wie es auch in diesen Stücken zu hören ist. Den zahlreichen groovigen Elementen aus Jazz und Tango fehlt es aber an Lebendigkeit. Die rhythmischen Überlagerungen und das Tango-Flair wirken etwas zu bemüht und zu wenig impulsiv.

Zur Entstehung des dritten Brahms-Klavierquartetts gibt es viele Geschichten. Etwa zwei Jahrzehnte schrieb der Komponist an diesem Stück, transponierte es, fügte einen Satz hinzu, überarbeitete andere. Er selbst äußerte sich zu der schwierigen Zeit, in der er das Stück niederzuschreiben begann. Die hoffnungslose Liebe zu Clara Schumann und die Probleme im Umgang mit seinem Freund Robert Schumann ließen schreckliche Gedanken in ihm aufkommen. Brahms schrieb an seinen Verleger, er solle auf dem Titelblatt einen Jungen mit Pistole am Kopf abdrucken, das würde die Musik widerspiegeln. Eine dunkle Zeit des Komponisten, so das Flex Ensemble. Die Musiker spielen mit den existentiellen Ängsten, die sich mit der Nacht verbinden. Wiederum erscheint die Dramatik der ersten beiden Sätze, in der kurze erhellende Momente die kaum Ruhe gewährende Unstetigkeit der Musik unterbrechen, blass und vereinheitlicht. Anstatt ihre Kontraste voll auszukosten, überschattet ein nebulöser Gleichklang die Aus- und Einbrüche. Durchweg gelingt dem Ensemble ein belebendes Zusammenspiel, das in Tempo und Klangfülle gut aufeinander abgestimmt ist. Ein wirklicher Schrei oder expressiver Ausbruch aus der selbstgewählten Reserviertheit hätte dem Gesamteindruck der Werkdeutung jedoch gut getan.

Das Programm auf das Thema Nacht zu beziehen, ist sicher interessant und richtet das Ohr auf ganz neue Aspekte in den Stücken, wirkt jedoch recht konstruiert. Hartkes Stück trägt den Titel 'King of the Sun', Piazzolla tritt musikalisch dem Teufel gegenüber und Brahms mag eine persönliche schwere Zeit gehabt haben – bei einer Entstehungszeit um die 20 Jahre ist es unabdingbar, einige Krisen durchzustehen –, doch ist die Verbindung zum Thema Nacht eben etwas weit hergeholt. Der vom Ensemble selbst verfasste Text (Deutsch und Englisch) gibt ein paar persönliche Einblicke zu den Stücken, die eher die Entfernung des Überthemas zur Musik bestätigen. Das ändert natürlich nichts daran, dass hier spannende Werke in einer guten Einspielung vorliegen. Und manchmal sind abwegige Programme ja auch ganz erhellend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




David Buschmann Kritik von David Buschmann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The Arrival Of Night: Werke von Hartke, Piazzolla & Brahms

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
07.11.2014
Medium:
EAN:

CD
4260036253252


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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