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Freitag, 7. Oktober 2022

Braunfels, Walter - Verkündigung

Glaubensmusik ohne Fehl und Tadel


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme der 'Verkündigung' von Walter Braunfels ist schlichtweg meisterlich - in allen Belangen.

Falls man schon etwas vom Komponisten Walter Braunfels gehört hat, dann bringt man ihn noch am ehesten als Autor mit der 1920 uraufgeführten Oper 'Die Vögel' in Verbindung, die in der Decca-Edition ‚Entartete Musik‘ mit dem Deutschen Sinfonieorchester 1994 die triumphale Wiederentdeckung dieses von den Nazis verfemten Komponisten einläutete. Neben Lothar Zagrosek setzen sich inzwischen auch zahlreiche andere namhafte Dirigenten wie Manfred Honeck oder Dennis Russell Davis für das Werk von Walter Braunfels ein. Nun reiht sich Ulf Schirmer mit dem Münchner Rundfunkorchester in diese illustre Reihe ein und zeigt, dass auch ihm Braunfels eine Herzensangelegenheit ist. Die von ihm geleitete phantastische Referenzaufnahme von Braunfels‘ 'Verkündigung' op. 50 in einer BR-Liveaufnahme aus dem Münchener Prinzregententheater vom Dezember 2011 verleiht dem Braunfels-Revival neue Flügel und zeigt auf eindrucksvolle Art und Weise, welche Früchte eine langjährige Zusammenarbeit zwischen Dirigent und Orchester über nun fast eine Dekade tragen kann.

Braunfels‘ Opus entstand in düsterster Zeit in den Jahren ab 1933. Dabei ist das als ‚weihnachtliches Mysterienspiel‘ deklarierte Werk alles andere als ein trockenes geistliches Oratorium. Der zum Katholizismus konvertierte Braunfels suchte Zuflucht im Glauben und in der Musik, und das hört man dieser glühenden spätromantischen Partitur auch an. Es ist eine Art Bekenntnismusik, wie es die eines Anton Bruckner ist oder, um in der Zeit zu bleiben, wie die eines Heinrich Kaminski. Es ist ein Werk, in dessen musikalischem Subtext menschliche Obsessionen und Leidenschaften ebenso ihren Platz haben wie ein starker mystischer Einschlag. Diese psychologisierende Note, die quasi jede Seelenregung der Protagonisten wie ein Seismograph in der Stimmführung und im Timbre des Orchesters abzubilden sucht, spüren die Münchener Musiker mit Akribie und straffen Spannungsbögen auf und machen so diese CD zu einer faszinierenden Seelenreise.

Daran hat die erstklassig besetzte Sängerriege einen nicht unwesentlichen Anteil – allen voran die Sopranistin Juliane Banse als vom Gottglauben durchdrungene Aussätzige und der Tenor Matthias Klink als Baumeister, der seine Rolle in artikulatorischer und dynamischer Hinsicht packend-expressiv ausgestaltet. Wie sich diese beiden Traumrollen bereits im Vorspiel in Erinnerung an gemeinsame Stunden gegenseitig umgarnen, belauern und anziehen, ist von einer fast prickelnden Erotik. Überhaupt geht es in diesem Werk oft recht weltlich zu. Zu Beginn des dritten Aufzugs etwa, einer Art Arbeiterszene, wird man durch einen deftigen mundartlichen Einschlag überrascht. Auch das Groteske hat bei Braunfels seinen Platz – und es wird von Schirmer und seinen Mitstreitern behutsam ans Licht geholt. Etwa wenn das Orchester spöttisch ein verstimmtes Portativ imitiert, eine Art skurriler Totentanz für die Aussätzigen. Hier findet man sich unversehens jenseits des hochchromatischen, spätromantischen Orchestersatzes wieder, irgendwo im Niemandsland zwischen Zemlinsky und der trockenen Bissigkeit eines Kurt Weill.

Das Bild der Aussätzigen ist eines der Leitmotive von Libretto und Partitur und wird zu einem Sinnbild für die innere Emigration und die Zerrissenheit des Komponisten. Angesichts dieser menschlichen Tragödie verhallt selbst der Jubel der Weihnachtsengel fast apokalyptisch – Tod als Erlösung ist die Endkonsequenz, die dieses Werk letztlich umreißt. Der Orchesterklang zerfasert hier in einzelne trockene Kommentare aus den Instrumentengruppen, durchbrochen von Pausen, und einem bewegenden musikalischen Innehalten. Auffällig ist auch der sehr zurückgenommene Einsatz des Chores; man möchte fast meinen, um dem in den 1930er Jahren allgegenwärtigen Massenspektakel, dem Plakativen, und dem Kommentierenden eine verinnerlichte, unaufdringliche Tonsprache entgegenzusetzen. Es dauert schließlich über eine halbe Stunde, bis man erste Chorpassagen zu hören bekommt – fast ein bedauernswerter Umstand angesichts der brillanten Homogenität des Chors des Bayrischen Rundfunks.

Es ist schwierig, nahezu unmöglich, an dieser Produktion einen und wenn auch noch so kleinen Haken zu finden. Im Sinne einer hörerfreundlichen Dosierung wäre vielleicht eine noch stärkere Unterteilung des weit über zweistündigen Werks in Track-Nummern wünschenswert gewesen. Einige Szenen wie die fast halbstündige zweite Szene des dritten Aufzugs sind doch recht lang, so dass man das Mysterienspiel nur in größeren Hörblöcken bewältigen kann. Doch vielleicht ist dieser Wunsch nur unserer kurzlebigen Zeit geschuldet und man sollte sich für diese Aufnahme einfach nur die nötige Zeit nehmen, um ein rundum gelungenes Gesamtkunstwerk genießen.

Gegen die ältere, etwas hallige Konkurrenzaufnahme mit dem Kölner Sinfonieorchester und Dennis Russell Davies kann sich die BR-Produktion mit ihren gestrafften Tempi und dem weniger opernhaften Gestus allemal mühelos durchsetzen. Auch das sorgfältig gestaltete Booklet kann man nur als exemplarisch in Konzeption, Ästhetik und Inhalt bezeichnen. Die feinjustierte Abstimmung zwischen fundierten Texten und sorgfältig ausgewählten Illustrationen sollten anderen CD-Produktionen als ein Vorbild dienen. Die Gesamtqualität dieser Produktion sollte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk anspornen, durch Qualitätsproduktionen das eigene Profil zu schärfen und sich so von den Low-budget-Produktionen der kommerziell fixierten Konkurrenz positiv abzuheben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Braunfels, Walter: Verkündigung

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BR-Klassik
2
06.10.2014
Medium:
EAN:

CD
4035719003116


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BR-Klassik

BR-KLASSIK, das Label des Bayerischen Rundfunks (BR), veröffentlicht herausragende Live-Konzerte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO), des Chors des Bayerischen Rundfunks, des Münchner Rundfunkorchesters sowie der Konzertreihe musica viva. Dabei ist es ein wesentliches Ziel des Senders, über seine Radio- und TV-Programme hinaus auch digital sowie via CD und DVD allen Musikfreunden weltweit Zugang zu besonderen Aufnahmen zu bieten und auf diese Weise auch jenes Publikum zu erreichen, welches keine Möglichkeit hat, die Konzerte der internationalen Tourneen selbst vor Ort live zu erleben.

Neben den jeweiligen Chefdirigenten wie beispielsweise Mariss Jansons oder Sir Simon Rattle finden sich großartige Künstlerpersönlichkeiten wie Daniel Barenboim, Herbert Blomstedt, Bernard Haitink und viele andere mehr.

Die Reihe BR-KLASSIK WISSEN liefert unterhaltsame und kurzweilige Hörbiografien von Jörg Handstein mit vielen Hintergrundinformationen und Musikbeispielen auf jeweils 4 CDs, erzählt von Udo Wachtveitl sowie spannende Werkeinführungen in bedeutende Kompositionen der Musikgeschichte.

Durch die Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE werden historische Aufnahmen des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks wieder verfügbar. Beispielsweise die legendäre Aufführung des Verdi-Requiems unter der Leitung Ricardo Mutis mit Jessye Norman, Agnes Baltsa, José Carreras und Jewgenij Nesterenko und dem Chor des BR im Jahr 1981 oder etwa denkwürdige Konzertabende mit der Pianistin Martha Argerich: 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr.1 unter Seiji Ozawa.

Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 200 Aufnahmen und hat bereits mehr als 50 renommierte und internationale Auszeichnungen erhalten, darunter den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, den Diapason d’or, den BBC Music Magazine Award und den ICMA.

BR-KLASSIK wird weltweit durch NAXOS vertrieben. Selbstverständlich gehören hierzu auch digitale Portale wie Spotify, Apple, amazon u.v.a.. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK. 


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