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Samstag, 24. August 2019

Leifs, Jon - Erfiljod

Klänge aus dem Elbenwald


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der isländische Nationalkomponist Jon Leifs war, wenn überhaupt, bislang eher mit großformatigen Werken bekannt. Hier werden kammermusikalische Werke vorgestellt. Teilweise warten auch sie mit aparten Klangeffekten auf.

Vielleicht hat der eine oder andere noch die extrovertierten Schlachtgesänge der isländischen Fans bei der letztjährigen Fußball-Europameisterschaft in Erinnerung. Ähnlich archaisch und kraftvoll gibt sich im Bereich der Kunstmusik die Klangwelt des isländischen Nationalkomponisten Jon Leifs, der sich auf modale Wendungen und auf die raue dissonanzreiche Zweistimmigkeit seiner Heimat beruft, die man ‚tvisöngur‘ nennt. Bisher kennt man ihn vor allem als Komponisten großformatiger Chor- und Orchesterwerke, die neben altisländischen Sagen den isländischen Naturgewalten, Vulkan- und Geysirausbrüchen, Wasserfällen und Gletschern huldigen. Doch wie klingt das, was im weitgefächerten Orchesterklang oft eine tranceartige Wirkung beim Hörer hervorruft – parallele Quint- und Quartbewegungen, Klangspitzen der Holzbläser und tief dröhnende Kontrabässe, motorische Bewegungen –, wenn man es auf kammermusikalische Besetzungen überträgt?

Eine CD des schwedischen Labels BIS, auf der die Mezzosopranistin Thorunn Gudmundsdottir, Rut Ingolfsdottir (Violine), ein nicht näher bezeichneter Male-Voice-Choir und das Reykjavik Chamber Orchestra unter der Leitung von Bernhardur Wilkinson zu hören sind, zeigt uns dieses bisher fast gänzlich unbekannte Gesicht von Jon Leifs. Die fast einstündige Einspielung vereint vor allem kammermusikalische Werke aus Leifs‘ Spätphase nach seiner definitiven Rückkehr in die isländische Heimat, das 'Scherzo concreto' op. 58, das Quintett op. 50 und die 'Elegien' op. 35. Einzige Ausnahme davon sind die 'Variazioni pastorale' op. 8 über ein Thema von Ludwig van Beethoven für Streichquartett, die nach Leifs' Studium am Leipziger Konservatorium in Deutschland entstand. Dieses Jugendwerk spielt sicher im Werkkatalog von Jon Leifs eine untergeordnete Rolle – einen nachhaltigeren Eindruck hinterlässt hingegen das viertelstündige Quintett op. 50, das eine faszinierende Textur und schillernd helle Klangfarben bietet. Besonders die ersten beiden Sätze bieten einen meditativen Lyrismus, weit aufgespannte Klangflächen der Streicher, Flöte und Klarinette. Der dritte Satz kommt eher zerklüftet daher mit einer blockhaften aneinandergereihten und durch Pausen abgegrenzten musikalischen Struktur – so wie man es auch aus seinen Orchesterwerken kennt. Das Quintett stellt eine unbedingte Bereicherung für das Kammermusikrepertoire der klassischen Moderne dar, obwohl sich hier wie in den anderen Werken der Eindruck von Wärme und Intimität nicht wirklich einstellt. Vielmehr tritt uns hier ein eher spröder Kammermusikklang entgegen. Das lässt sich nicht immer einfach hören – aber die Klarheit und die Überzeugung Leifs‘, einen originären, unverfälschten nordischen Klang zu schaffen, ist gerade in den Interpretationen der isländischen Spitzenmusiker des Kammermusikorchesters aus Reykjavik immer präsent. Interpretatorische Tiefe spürt man auch bei der Sopranistin Thorunn Gudmundsdóttir, die sich nicht nur als Sängerin. sondern auch als Wissenschaftlerin (sie hat an der Indiana University promoviert) mit den Liedern von Jon Leifs auseinandergesetzt hat.

Höhepunkt der CD sind die Elegien op. 35, die im Schatten des tragischen Todes der Tochter des Komponisten entstanden sind. In dieser düsteren und bordunartig eingefärbten Schicksalsmusik vermeint man die Verzweiflung des Komponisten durchzuhören. Während in den ersten beiden Sätzen trotz eingestreuter düsterer und hohler paralleler Quarten und Quinten die mitteleuropäische Männergesangstradition etwa eines Hugo Wolf und die Welt der Liedertafeln noch durchscheinen, verdichtet sich das musikalische Geschehen in einem eindrucksvollen dritten Satz. Ein in tiefsten Lagen brütender Männerchor und darüber eine ätherische Sopranstimme hinterlassen einen ungewöhnlichen Effekt, der uns an die Musik aus dem Elbenwald im Soundtrack zu ‚Herr der Ringe‘ denken lässt.

Diese CD reiht sich nahtlos in die bisherige BIS-Reihe ein, die dem großen und hierzulande nahezu unbekannten Isländer gewidmet ist. Auch wenn sie mit unserem Bild von einem Meister des Monumentalen und Extravaganten bricht, so stellt sie doch eine wichtige Facette für die Werkkenntnis dieses so wandelbaren Komponisten dar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Leifs, Jon: Erfiljod

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
10.09.2014
Medium:
EAN:

CD
7318590020708


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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