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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Schütz, Heinrich - Weihnachtshistorie

Meisterwerk


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die wunderschöne Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz als zehnte Folge der Gesamteinspielung der Werke des großen Barockkomponisten durch Hans-Christoph Rademann und seine versierten Mitstreiter.

In der zehnten Folge der bislang so bemerkenswerten Gesamteinspielung der Werke Heinrich Schütz‘ widmet sich Hans-Christoph Rademann gemeinsam mit seinem Dresdner Kammerchor einem in die Zeit des Kirchenjahres passenden Werk – der wunderbaren Weihnachtshistorie, einer Frucht der reifen Jahre des Komponisten: Welch ungebrochene künstlerische Potenz des fast Achtzigjährigen zeigt sich da, immer wieder aufs Neue frappierend. Doch nicht einfach Souveränität und vitales Musikantentum nehmen für das Werk ein – es erweist sich als nochmalige Weiterentwicklung des Schützschen Komponierens. Nach der Opulenz der Psalmen Davids, nach der konzentrierten Geste der Kleinen Geistlichen Konzerte, nach der satztechnischen Konsequenz der Geistlichen Chormusik offenbart sich Schütz nun im Alter mit leichter, beseelter, von allem Überflüssigen befreiten Stimme: Ein Meister im Vollbesitz seiner Kräfte und im ästhetischen Wollen noch immer nach vorn gewandt.

Vorangestellt sind der Weihnachtshistorie im Programm theologisch verwandte Sätze wie 'Hodie Christus natus est' SWV 456 oder 'O bone Jesu, fili Mariae' SWV 471. Bestimmende Größe dieses Teils ist das einleitende Uppsala-Magnificat SWV 468 in seiner komplexen Pracht, die, wie für Schütz typisch, mit feinem Klangsinn und konstruktiver Ambition versöhnt ist. Generell kann wie stets gelten: Was bei Schütz weniger im Fokus der Rezeption steht, ist deshalb keineswegs weniger qualitätvoll gearbeitet. Es lohnt in Schütz‘ Werk nicht, nach Qualität, Reifegrad oder anlassbezogener Wertigkeit unterscheiden zu wollen. Das führte zu nichts: Mit den Italienischen Madrigalen, der ersten Veröffentlichung in Schütz‘ großem Oeuvre, stand – verschiedene Stadien und Prägungen eingeschlossen – eine eminente kompositorische Größe in der Musikgeschichte, die ihren Rang dann immer wieder neu unterstrich.

Immer weiter wachsende Expertise

Im Zentrum des Programms und der hörenden Aufmerksamkeit steht natürlich die Weihnachtshistorie, und da der Evangelist: Mit dieser zentralen Partie steht und fällt das Gelingen, das ist nicht nur in Bachs Passionen so. Hier singt sie Georg Poplutz ganz exzellent, das kann man vorweg zusammenfassen. Er ist im besten Sinn ein beteiligter Erzähler, der seinen Part mit absolut natürlicher Geste gestaltet. Poplutz hat schon oft gezeigt, dass er mittlerweile ein Meister darin ist, auf jenem schmalen Grat von natürlicher, sprachgezeugter Ästhetik und kunstfertiger Gesanglichkeit zu balancieren, den Schütz seinen Vokalisten zuweist. Zumal in der Evangelistenpartie versöhnt der Komponist Sprache und Musik ideal. Und Poplutz bewegt sich bei Schütz – so jedenfalls auch der aktuelle Eindruck – in einem ganz natürlich anmutenden Umfeld, ist dort ästhetisch zuhause. Er vermeidet alle artifizielle Überinterpretation, was sein zutreffendes Rollenverständnis noch einmal unterstreicht.

Die Sopranistin Gerlinde Sämann gibt in einigen der Intermedien einen enorm lebendigen, hellen, fast gleißenden Engel, alles andere als matt oder entrückt, mit stupender Technik. Auch andere Konstellationen sind stimmig und niveauvoll besetzt, wenngleich nicht ganz so exzeptionell, etwa die Hirten auf dem Felde oder die Weisen aus dem Morgenlande. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten wirken etwas leichtgewichtig, müssen zudem einem hier etwas raschen Tempo in ihrer Wirkung Tribut zollen. Felix Schwandtke als Herodes nimmt mit schöner Stimme und feiner Eleganz für sich ein, entfaltet aber etwas zu wenig Gravität und verschlagene Boshaftigkeit.

Die Instrumentalisten bewegen sich auf hohem Niveau, zeigen sich klangvoll, frisch in der Expressivität und angemessen eloquent. Sämtliche solistischen Beiträge gelingen unbedingt idiomatisch. Der Dresdner Kammerchor ist auf dieser Platte nicht der Hauptakteur, ergänzt das vokalsolistische Potenzial wie stets zuverlässig und schlüssig zu einer klar bemessenen, in den mehrchörigen Werken überzeugend mit den solistischen Beiträgen kontrastierenden Fülle und ist ein mehr als nobler Klangverstärker.

Hans-Christoph Rademann leitet die Akteure in überwiegend frischen Tempi an. Das Klangbild wirkt klar und geordnet, mit schöner Präsenz aller Anteile, nobilitiert von einer feinen Räumlichkeit. Mit dem stimmungsvollen und kenntnisreichen Text von Oliver Geisler fühlt man sich wie stets in dieser Reihe sehr gut versorgt.

Das Ensemble hat sich mit seiner ganz von der Sprache herkommenden, vollkommen natürlichen musikalischen Artikulation eine unbestreitbare Expertise erarbeitet. Und so ist eine sehr schöne Weihnachtshistorie zu hören, ein Schlüsselwerk des Schützschen Schaffens. Die immer weiter reifende Expertise der Solisten und Ensembles wird bei diesem sehr verdienstvollen Rademann-Projekt auch hier hörbar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Schütz, Heinrich: Weihnachtshistorie

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carus
1
03.10.2014
Medium:
EAN:

CD
4009350832572


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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