> > > Kallstenius, Edvin: Sinfonie Nr. 1
Sonntag, 1. Oktober 2023

Kallstenius, Edvin - Sinfonie Nr. 1

Von Chemnitz in die Welt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Und wieder erstaunt cpo mit einer hörenswerten Ausgrabung: Orchestermusik des schwedischen Komponisten Edvin Kallstenius, die bei Frank Beermann in guten Händen ist.

Schon seit diversen Jahren strahlen die Leistungen des Dirigenten Frank Beermann weit über Chemnitz hinaus mittlerweile bis nach ganz Europa; diesen Erfolg verdankt er zum Teil sicher auch seinem starken Entdeckergeist, mit dem er das Chemnitzer Theater zu einem Mekka für Opernliebhaber macht. Wer als Meyerbeer-Dirigent selbst in Frankreich reüssiert, hat es geschafft. Ebenso erfreulich ist die vorliegende ‚schwedische’ CD. Edvin Kallstenius (1881–1967) studierte erst Naturkunde an der Universität Lund, ehe er 1904-7 am Leipziger Konservatorium bei Stephan Krehl studierte. Er war Musikkritiker und von 1928 bis 1946 Musikarchivar des Schwedischen Rundfunks. Daneben war er Mitglied des Vorstandes des schwedischen Komponistenverbandes von 1933 bis 1961 und der Urheberrechtsgesellschaft von 1932 bis 1957. Doch wäre es mehr als verkehrt, würde man Kallstenius als Musikbürokraten verstehen. Er schrieb fünf Sinfonien, vier Sinfoniettas, Konzerte für Cello und Klavier, acht Streichquartette und eine große Menge weiterer Kompositionen, darunter auch eine beachtliche Menge an Hörspielmusik.

Schon in seiner dreisätzigen Ersten Sinfonie Es-Dur op. 16 (1926, rev. 1941) profiliert sich Kallstenius ganz als Mensch seiner Zeit. Polytonalität, freie Tonalität, stark erweiterte Tonalität – all dies fließt in seine Klangsprache hinein, eine intensive, starke Klangsprache, die mit erklärt, woher Allan Petterson kam. Gleichzeitig gibt es auch gewisse Anverwandlungen etwa an Sibelius. Die Zeitgenossen vermochten diesen progressiv nicht ohne weiteres gutzuheißen (anderes hätte auch bedeutet, sich selbst zum alten Eisen zählen zu müssen). Einem kraftvollen Kopfsatz folgt ein aus mehr Fragen als Antworten aufwerfender, mit 'Intermezzo' überschriebener langsamer Satz, der gerade durch seine polytonalen Aspekte und die außerordentliche Textur besondere Attraktivität besitzt. Einen Hauch schwächer mag insgesamt das Finale sein, doch haben wir insgesamt eine durchaus zeitgemäße, auf seine eigene Arte sogar nachgerade ‚moderne’ Komposition. Diese Komposition wird durch das Helsingborgs Symfoniorkester (dem ältesten Sinfonieorchester Schwedens) mit großer Präzision, doch ohne das letzte Quäntchen ‚Hyperaktivität’ dargeboten, die die Musik verträgt, sogar eigentlich braucht. Wenige Dirigenten trauen sich, hier die Orchesterleistung bis zum obersten Regler aufzudrehen, Tempi und Kontraste zuzuspitzen, so dass es zu einer Aufführung von größtmöglicher Intensität und Dichte kommt. So ist zu spüren, dass die Musik noch mehr Potenzial in sich birgt als hier erkundet wurde.

Die zweite Sinfonietta G-Dur op. 34 (1945-6), ebenfalls in drei Sätzen, ist im Vergleich zur Sinfonie weitaus weniger expressiv, im Grunde fast serenadenhaft im Charakter, was der Interpretation, die die Klangtexturen in der gebotenen Tiefe erkundet, gleichzeitig der Musik die duftige Leichtigkeit lässt, derer sie bedarf. Dennoch gleitet die Musik nie ins Belanglose ab, sondern vermittelt durchgehend tiefe Ernsthaftigkeit, ohne humorlos zu sein (im Gegenteil sprüht insbesondere das Finale vor – wenn auch etwas herbem – Witz). Kallstenius‘ Klangtexturen werden vom schwedischen Orchester unter Beermann in allem Reichtum ausgebreitet – auch hier gelegentlich zu Lasten eines besonders vorantreibenden Impulses, doch insgesamt mit großer Wärme und Charme. Gleiches gilt für die 'Musica Sinfonica' op. 42 (1953, rev. bis 1959). Das eröffnende 'Allegro marcato e con brio' könnte gut noch ein paar noch schärfere Kanten vertragen. Auch hier beeindruckt die Dichte der musikalischen Komposition, nichts klingt beliebig oder überflüssig. Franz Schmidt und Max Reger scheinen beim Mittelsatz der Komposition Pate gestanden zu haben, einem Satz, der nach schweifenden Modulationen als zentrales Element trauermarschartige Züge aufweist, ehe das Werk in einem stark kanonisch geprägten Satz seinen Abschluss findet. Feine Klangfarbenabstimmungen sind hier von großer Bedeutung – und offenkundig auch Beermanns Stärke, während abermals der gesamte Puls des Satzes ein wenig zu kontrolliert, zu wenig überbordend gerät. Sehr ordentliche Aufnahmetechnik und ein Booklet, das keinerlei Wünsche offen lässt, runden den insgesamt sehr positiven Eindruck ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kallstenius, Edvin: Sinfonie Nr. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
12.09.2014
Medium:
EAN:

CD
761203736126


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Kallstenius, Edvin
 - Symphony No. 1 op. 16 in E flat major - I. Allegro ordinario
 - Symphony No. 1 op. 16 in E flat major - II. Intermezzo malinconico
 - Symphony No. 1 op. 16 in E flat major - III. Finale: Allegro con spirito
 - Sinfonietta No. 2 op. 34 in G major - I. Pezzo capitale. Allegro moderato e lirico
 - Sinfonietta No. 2 op. 34 in G major - II. Espressivo
 - Sinfonietta No. 2 op. 34 in G major - III. Finale gagliardo
 - Musica Sinfonica op. 42 - I. Allegro marcato e con brio
 - Musica Sinfonica op. 42 - II. Adagio poco religioso
 - Musica Sinfonica op. 42 - III. Allegro ordinario, ma brioso


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Dirigent(en):Beermann, Frank
Orchester/Ensemble:Helsingborg Symphony Orchestra


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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