> > > Vaughan Williams, Ralph: On Wenlock Edge - Five Mystical Songs
Samstag, 10. Dezember 2022

Vaughan Williams, Ralph - On Wenlock Edge - Five Mystical Songs

On Wenlock Edge


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Man kann die Verdienste Ralph Vaughan Williams´ um die Neuschaffung einer Identität der englischen Musik nicht genug würdigen. Nach Purcells Tod hatte England keinen Komponisten hervorgebracht, dessen Musik sich hätte messen lassen können mit den Kompositionen, die auf dem Kontinent – insbesondere in Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich – entstanden. Händel und Haydn wurden in England gefeiert. Im 19. Jahrhundert herrschte in London zwar ein reger Musikbetrieb, der aber meist darin bestand, ausländische Musik und ausländische Künstler zu importieren. George Bernard Shaw schrieb 1890 einen Artikel, der bereits im Titel gleichsam Forderung und Anspruch ausdrückte: ‚We mus have an English Wagner’. Er sah diesen in dem Komponisten Edward Elgar. Elgars Musik fand auch – wenn erst spät – bei Kritikern und Öffentlichkeit große Beachtung. Hier betrat ein englischer Musiker die Szene, der – obschon mit den deutschen spätromantischen Einflüssen nicht wirklich brechend – dem Musikleben seines Vaterlandes eine neue Identität zu verleihen und Versäumtes nachzuholen versprach. Versäumtes nachzuholen genügte jedoch einer jüngeren Komponistengeneration nicht mehr. Die jungen Musiker verlangten, dass die englische Musik eine eigene Sprache, ein eigenes musikalisches Idiom entwickelt bzw. zu einer musikalischen Identität gelangt, die ihre Wurzeln in den Traditionen des eigenen Landes, des eigenen Volks hat.

Und so machten sich junge Musiker wie Gustav Holst und sein Studienkollege und Freund Ralph Vaughan Williams auf, das nationale Liedgut zu sammeln und es dem Ungarn Bartok gleichzutun. Vaughan Williams sammelte zwischen 1903 und 1913 über 800 Volkslieder und Varianten. Die Beschäftigung mit dem Volkslied, aber auch mit der Musik des Elisabethanischen Zeitalters, wirkte sich auf den Stil des Komponisten aus: fast alles, was er komponierte, ist modal, teils pentatonisch, zwei Merkmale, die auch das englische Volkslied in sich vereint, und die Melodiebildung seiner Themen ist in den einfachen Grundmustern des englischen Volkslieds vorgeformt.

Wie sehr das Durchdringen des volksliedhaft Idiomatischen Vaughan Williams´ Musik beeinflusste, wird in der vorliegenden Aufnahme deutlich. Die bereits 1996 bei ‚Collins Classics’ schon einmal veröffentlichte Einspielung bietet einen auch in chronologischer Hinsicht repräsentativen Querschnitt des Liedschaffens des Komponisten aus der Zeit des Studiums in den 1890er Jahren bis in die letzten Lebensjahre der späten 1950er. Gerade in Vaughan Williams´ Liedschaffen ist die bewusste Abkehr von der an Brahms gemahnenden Tradition deutlicher denn je zu spüren. ‚On Wenlock Edge’, aus dem Jahr 1909, kann gar als Wendepunkt und Meilenstein in der englischen Musikgeschichte gewertet werden, tritt hier doch das idiomatisch ‚Englische’ in den Vordergrund, das in seiner ‚Englishness’ nur noch von der wenig später entstandenen streicherinstrumentalen ‚Fantasia on a theme by Thomas Tallis’ überboten wurde. Vaughan Williams, der noch kurz zuvor einziger Schüler Maurice Ravels in Paris war, lässt überdies auch impressionistische Töne in die volksliedhafte Mundart einfließen.

Die Prominenz dieser Einspielung ist Ehrfurcht einflössend: mit dem Tenor Anthony Rolfe Johnson und dem Bariton Simon Keenlyside treten zwei der versiertesten Interpreten englischer Musik an. Die Zusammenarbeit mit dem Pianisten Graham Johnson, der sich ebenfalls die Ehre gibt, ist auf zahlreichen Aufnahmen dokumentiert. Dramatische Textausdeutung und das sichere Gespür für dynamische Abstufungen ist bei den beiden opernerfahrenen Sängern garantiert, ebenso die Stimmsicherheit und die Tongebung in den hohen Lagen. Die zahlreichen lyrischen Momente in den Liedern von Vaughan Williams wissen die Sänger durch zarte Stimmfärbung zu unterstützen. Graham Johnson begleitet in angenehmer und steter Unaufdringlichkeit. Können zeichnet sich hier nicht dadurch aus, dass sich jemand wichtig macht, sondern dass die Kunst in den Dienst der Sache gestellt wird.

Viele der Lieder entstammen ganzen Zyklen und es ist das Manko dieser Einzel-CD, dass sich nicht mehr Raum bot, einige dieser Zyklen komplett aufzunehmen. Das Duke Quartet ergänzt die Kammermusikbesetzung von ‚On Wenlock Edge’ mit der dramatischen Ausdeutung ihrer Parts, die bereits als Vorboten der folgenden symphonischen Werke gelten können. Die oftmals kontemplativen Momente der Musik von Ralph Vaughan Williams müssen absolut stimmig interpretiert werden. Dies ist hier rundherum gelungen.
Einzig die ‚Five Mystical Songs’ trüben den überzeugenden Gesamteindruck der Einspielung, hier sind sie in der Fassung für Bariton und Klavier eingespielt. Die Schuld ist nicht Simon Keenlyside oder Graham Johnson zu geben. Wer die Fassung für Bariton, Chor und Orchester kennt, weiß sie gegenüber der recht ‚trockenen’, nüchternen und abgespeckten Solofassung zu schätzen.

Nicht nur für den Anfänger in Sachen Vaughan Williams ist diese Veröffentlichung ein herzliches Willkommen zu wünschen, auch dem Kenner bietet die Auswahl der Lieder noch einige erfreuliche Überraschungen.
Das Verhältnis zwischen den vokalen und instrumentalen Anteilen ist ausgewogen, das Klangbild präsent und bestens ausgesteuert.
Ausgezeichnet ist wieder einmal der Bokklet-Text von Keith Anderson. Die Kunst, das lange Leben des Komponisten auf so kleinem Raum so kompakt und doch so detailfroh zusammenzufassen, ist bewundernswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vaughan Williams, Ralph: On Wenlock Edge - Five Mystical Songs

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Naxos
1
13.01.2003
76:55
1996
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0747313211425
8.557114

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Vaughan Williams, Ralph


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Interpret(en):Johnson, Anthony Rolfe (Tenor)
Keenlyside, Simon (Baritone)
Johnson, Graham (Piano)
Duke Quartett,


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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