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Sonntag, 21. Januar 2018

Haydn - Klavierkonzerte

Ein musikalischer Zeitsprung


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zunächst Verwirrung, dann Begeisterung. Jean-Efflam Bavouzet überrascht und überzeugt mit einer erfrischenden Einspielung der Klavierkonzerte Franz Joseph Haydns.

Vor nicht allzu langer Zeit, Im Frühjahr 2013, wurde eine Neuaufnahme von Haydns Klavierkonzerten Nr. 3, 4 und 11 mit den Solisten Marc-André Hamelin von einem Kollegen dieses Magazins bereits hoch gelobt (Link siehe unten). Dieses Mal gibt der französische Pianist Jean-Efflam Bavouzet mit der Manchester Camerata unter Gábor Takács-Nagy dieselben, vergleichsweise wenig verbreiteten Werke des bedeutenden Komponisten zum Besten. Das Ergebnis ist insgesamt überzeugend – auf den ersten Blick unspektakulär, doch einzelne Momente machen die Aufnahme zu einer Offenbarung, die auch Hamelin zu übertreffen weiß.

Zur Entstehung der vielfach übersehenen Werke

In Hinblick auf die Gattungen der Klaviermusik steht Haydn nach wie vor im Schatten seines ruhmreichen Zeitgenossen Wolfgang Amadeus Mozart. Besonders deutlich wird dies bei Betrachtung seiner (zu Unrecht, möchte man hinzufügen) eher selten gespielten Konzerte, die vor reizenden Melodien und interessanten motivischen Ideen nur so strotzen. Von den einzig bekannten Haydenschen ‚Klavierkonzerten’ (Hob. XVIII:1-11) wurden lediglich die Nr. 3, 4 sowie 11 nachweislich für Klavier bzw. Cembalo komponiert; bei den restlichen acht handelte es sich nämlich eigentlich um Orgelkonzerte. Während die Konzerte Nr. 3 F-Dur und Nr. 4 G-Dur aller Wahrscheinlichkeit nach kurz vor 1770 entstanden sind, wurde das Konzert Nr. 11 D-Dur möglicherweise bereits für Hammerklavier in den frühen 1780er Jahren komponiert. Bei letzterem handelt es sich vermutlich um das heutzutage populärste der drei Werke. Dafür sprechen auch die verhältnismäßig zahlreichen Einspielungen unter anderen durch Größen wie Michelangeli, Argerich oder Brendel.

Modernes Klangbild

Interessant erscheinen im Fall dieser Plattenbesprechung daher gerade die beiden weniger bekannten Konzerte, zumal Bavouzets Stärken in ihnen besonders hervortreten. Ihre frühere zeitliche Einordnung wird schon beim Hören deutlich. Im Vergleich zum Konzert in D-Dur, bei dem man sich beinahe unweigerlich an Mozart erinnert fühlt, wirken sie doch etwas einfacher bzw. ursprünglicher, stilistisch vergleichbar etwa mit Johann Christian Bach. Aber trotz aller Hervorhebung der historischen Wurzeln, die bei Bavouzet ebenfalls erkennbar wird, handelt es sich hierbei nicht um eine Einspielung, die auch nur annähernd mit der Bemühung um historische Aufführungspraxis zu tun hat. So sorgt bereits das Orchester für ein klanglich  sehr kräftiges Fundament. Mit präziser, beinahe zu perfekter Phrasierung erklingt dazu der mechanisch makellose Yamaha Konzertflügel. Dann gegen Ende des zweiten Satzes im F-Dur Konzert: die Kadenz: In der rechten Hand ein andauerndes Ostinato, unterlegt von wechselnden farbenreichen Akkorden, die den Hörer in eine völlig andere Welt versetzen. Das ist keine Wiener Klassik mehr, sondern reinster Jazz. Anstelle sonst üblicher, virtuoser Akkordbrechungen und der Verarbeitung vorgegebener Themen, steckt mitten im Haydn-Konzert eine kleine Improvisation à la Keith Jarrett. Die Idee ist mutig, aber sie zündet. Eine derartig fremde und doch gelungene Verschmelzung hätte ich nicht für möglich gehalten. Dass Bavouzet aber auch zur klassischen, spieltechnisch höchst anspruchsvollen Improvisation fähig ist, hat er bereits im Kopfsatz zuvor eindrucksvoll bewiesen. Wohlgemerkt: Anders als bei Hamelin stammen auf dieser Einspielung sämtliche Kadenzen vom Pianisten selbst.

Ein Vergleich mit Hamelin

Keine Frage, Bavouzet und die Manchester Camerata liefern ein hochwertiges Ergebnis, die Solokadenzen besitzen zudem großen Eigenwert. Hamelin bewegt sich interpretatorisch dennoch auf vergleichbar hohem Niveau. Beide Pianisten spielen die Kopfsätze mit ähnlicher Artikulation: leichtes Staccato, aber doch eher Portato. Dass Bavouzets Spiel manchmal noch ein Stück differenzierter als das des kanadischen Virtuosen erscheint, könnte mitunter auch dem Instrument (Yamaha gegenüber Steinway) geschuldet sein. Die Tempi wirken gerade bei Bavouzet jederzeit gut gewählt. Prinzipiell gibt es nichts zu bemängeln. Wer als Hörer viel Wert auf historisch orientierte Stilistik legt, könnte allenfalls eine gewisse Leichtigkeit vermissen. Den Anspruch klanglicher Geschichtstreue erhebt die Aufnahme aber ohnehin nicht. Hamelin wartet demgegenüber mit einem dünner besetzten und flotter auftretenden Orchester auf, welches er, den Aufführungskonventionen des 18. Jahrhunderts entsprechend, stellenweise auch generalbassartig auf dem Klavier begleitet.

Fazit

Die Haydn-Klavierkonzerte mit Bavouzet sind eine echte Bereicherung für den Plattenmarkt. Es handelt sich um eine runde und gelungene Interpretation von selten zu hörenden Werken, die mit großartigen, innovativen Kadenzen glänzt. Nur Puristen und Reaktionäre könnten sich mit ihr etwas schwer tun; für sie wäre Hamelin die bessere Alternative.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn: Klavierkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
05.09.2014
EAN:

095115180822


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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