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Samstag, 23. Oktober 2021

Sacred Love - Werke von Falik, Maskats & Sviridov

Vokale Anrufungen aus Lettland


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Den hohen Erwartungen, die mit Neuproduktionen des Lettischen Rundfunk-Chors einhergehen, wird diese Einspielung nicht gerecht. Die beiden Solisten lassen zu wünschen übrig, und auch in Bezug auf die Werkauswahl ist nicht alles geglückt.

Engelsgleiche Soprane, kraftvolle Bässe und Tenöre, die mit einer lupenreinen Intonation aufwarten – so kennt man den Lettischen Rundfunk Chor aus seinen Einspielungen. Ausgezogen, um die Grenzregionen der menschlichen Stimme in der Chorliteratur des 20. und 21. Jahrhunderts zu erkunden, sind Dirigent Sigvards Klava und seine Sänger zu einem Spitzenensemble der europäischen Chormusikszene gereift, das etwa mit dem Schwedischen Rundfunk Chor mühelos mithalten kann. Auch die neueste Einspielung beim finnischen Label Ondine, inzwischen die vierte mit diesem Ensemble, knüpft an diese Ambitionen an – allerdings nur im Werk des Letten Arturs Maskats (*1957).

Dessen inbrünstige Anrufungsmusik 'Let my prayer be granted' verbindet den Gestus orthodoxer Kirchenmusik mit Dissonanzen und postmodernen Klangeffekten. Die Soprane schweben hier ätherisch durch die Rigaer Johanniskirche, verdunkelte Männerchöre intonieren zu Trommelschlag und immer wieder hört man staunend auf Echoeffekte und vokale Farben in Extremregistern, die man einer menschlichen Stimme kaum zugetraut hätte. Teils entfesselt der lettische Chor einen gewaltigen, unwiderstehlichen Vokalklang, der sich Orchesterklängen verblüffend annähert.

Auch Maskats’ zweite umfängliche Komposition auf der CD, 'Spring', zeigt die großen Qualitäten des zweitbedeutendsten zeitgenössischen lettischen Komponisten nach Pēteris Vasks: effektvollen Umgang mit musikalischem Material, ein Faible für klangliche Extremwirkungen und den sparsamen Einsatz von Zusatzinstrumenten wie Trommel, Glocken oder Vibraphon, die den Chorklang mit zusätzlichen Klangfarben anreichern. Das Werk bietet allerdings auch ziemlich viel – vielleicht zuviel – Pathos. Das liegt vor allem an der Interpretation des forcierenden Tenor Aleksandrs Antonenko, der auch auf den übrigen Einsätzen auf dieser CD keine besonders gute Figur macht. Daneben erleichtern es aber filmmusikalische Assoziationen dem Hörer, sich in dieses Werk zu vertiefen. Mit Glocken, Vibraphon und einem mikromotivisch hin- und her schwebenden Klangteppich entführt einen Maskats unvermutet in den verzauberten Elben-Wald aus dem ‚Herrn der Ringe’.

Trotz dieser beiden interessanten Kompositionen geht letztlich das Gesamtkonzept der CD unter dem Titel ‚True Love’ nicht auf. Der intendierte große Bogen, den Chormusik, inspiriert von russischen Dichtern, spannen soll, kommt nicht zustande, da die Maskats flankierenden Werke einfach zu durchschnittlich sind. Bei den Werken aus der Feder der russischen Komponisten Georgi Sviridov und vor allem von Juri Falik ertappt man sich sogar bei dem Gedanken, ob es wirklich einen etablierten Radio-Chor braucht oder ob man deren Interpretation nicht auch einem besseren gemischten Jugendchor hätte anvertrauen können. Gerade die Werke des Rostropowitsch-Schülers Falik sind durchweg akademisch konventionell und die Interpretation des lettischen Spitzen-Ensembles ohne große Überzeugung, ja ohne Fleisch und Blut. Zudem werden die Solisten-Passagen vom Sopran Ieva Ezeriete und dem Tenor Aleksandrs Antonenko nur mittelmäßig ausgefüllt. Die Sopranistin findet im Ausschnitt aus dem ‚elegischen Konzert’ für Sopran und gemischten Chor nur einen Einstieg mit belegter Stimme und wartet dann oft mit einem etwas unangenehmen metallischen Timbre auf. Die Spitzentöne ihres Parts meistert sie mit hörbarer Anstrengung. Nur wenig besser präsentiert sich der Tenor. Sein vokaler Lyrismus krankt an einer verhauchten und körperlosen Höhe. Zudem schiebt und drückt er immer wieder in den melodischen Phrasen – dort wo er eigentlich über dem auskomponierten Klangteppich schweben sollte. Zu allem Überfluss gesellen sich zu diesen musikalischen Unzulänglichkeiten auch noch technische(?) Störgeräusche (bei Track 2 0:41 und bei Track 4 2:54), die die Vermutung zulassen, dass auch bei der Produktion nicht mit übermäßiger Sorgfalt vorgegangen wurde.

Letztlich bleibt diese CD für einen Chor mit so hochgesteckten Zielen weit hinter den Erwartungen zurück. Unter den vier bisher erschienenen Ondine-Produktionen mit dem Lettischen Rundfunk Chor ist diese sicher die schwächste.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sacred Love: Werke von Falik, Maskats & Sviridov

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
04.08.2014
Medium:
EAN:

CD
761195122624


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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