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Freitag, 23. August 2019

Arditti-Quartet spielt - Werke von Webern, Berg & Schönberg

Konstruktion und Klangsinnlichkeit


Label/Verlag: bmn
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer Auswahl repräsentativer Kammermusikwerke der Zweiten Wiener Schule überzeugt das Arditti-Streichquartett in Kooperation mit der Sopranistin Franziska Hirzel durch die couragierte Darstellung von Disparatem.

Rund 100 Jahre nach ihrer Entstehung bilden die Werke der Zweiten Wiener Schule im Musikbetrieb noch immer ein Randphänomen. Den Charakter des grundlegend Neuen und Befremdenden, der der Musik Schönbergs, Bergs und Weberns zu Beginn des vorigen Jahrhunderts anhaftete, haben die Kompositionen bis heute nicht eingebüßt. Der Vorwurf der Intellektualität, des Primats der Konstruktion gegenüber der klingenden Oberfläche hat sich im Lauf der Zeit kaum relativiert, und der Interpret, der Kompositionen jener atonalen Wiener Phase in sein Programm integrieren will, muss sich vorher überlegen, wie viel er seinem Publikum abseits von Themenkonzerten ‚zumuten‘ kann.

Das Arditti-Streichquartett, das auf eine nunmehr 170 CDs umfassende Diskografie zurückblicken kann, ist in der Musik des 20. Jahrhunderts nicht nur zuhause, sondern bildet darüber hinaus für die Szene der zeitgenössischen Tonkunst einen nicht wegzudenkenden Angelpunkt. Etliche Werke der Gegenwart wurden von dem Ensemble nicht nur uraufgeführt, sondern ihm eigens gewidmet. Das Repertoire für Streichquartett, das die Komponisten der Zweiten Wiener Schule hervorbrachten, ist vom Arditti-Quartett sämtlich auf CD eingespielt worden. Die Beschäftigung mit der vom üblichen Konzertsaalrepertoire seltsam isolierten Musik stellt also kein einmaliges Wagnis, sondern das tägliche Brot des Quartetts dar.

Das breite Erfahrungsspektrum, über das die Mitglieder des Ensembles im Bereich der Musik des 20. Jahrhunderts verfügen, schlägt sich in der vorliegenden Live-Aufnahme aus dem Jahr 2014 (erschienen beim Label bmn) unmittelbar nieder. Irvine Arditti (Violine), Ashot Sarkissjan (Violine), Ralf Ehlers (Viola) und Lucas Fels (Violoncello), deren Runde in Schönbergs Streichquartett noch ergänzt wird durch die Sopranistin Franziska Hirzel, musizieren nicht nur durchweg auf höchstem (Reflexions-)Niveau, sondern beweisen außerdem ein tiefes Verständnis für die spezifischen Ausdrucksqualitäten der ausgewählten Werke. Diese Wechselwirkung von einerseits souveränem Umgang mit der vielschichtigen Struktur der Kompositionen und andererseits der Fähigkeit zum nahezu distanzlosen Sich-Versenken in die Klangsinnlichkeit der Musik macht wesentlich Reiz und Spannung der Aufnahme aus. In der Tat hat das Ensemble mit Schönbergs Zweitem Streichquartett op. 10, Bergs 'Lyrischer Suite' und Weberns 'Fünf Sätzen für Streichquartett' op. 5 eine Auswahl von Kompositionen zusammengestellt, in denen das Moment des Expressiven auf die Spitze getrieben wird. Präsentiert wird das Programm nicht nur auf CD, sondern steht dem Hörer zusätzlich als Audio Blu-Ray in optimierter Klangqualität zur Verfügung.

Der Einstieg ins Schönberg-Quartett op. 10 gleicht in der Interpretation des Ensembles weniger einem forschen Luftholen denn einem sanften Hineingleiten in den zarten Fluss des ersten Satzes. Die lyrische Grundgestalt, die nicht nur den Kopfsatz, sondern das ganze Werk entscheidend prägt, wird von den Musikern sofort in sanft drängende Bewegung gesetzt, als habe die Musik schon lange vor dem eigentlich Notierten zu klingen begonnen. Die vier Streicher scheuen sich nicht, die expressiven Momente des Stücks klanglich auszukosten, und als Widerpart zum ungehemmt üppig-sanglichen Ton tritt das heftig Zupackende, ja Geräuschhafte umso deutlicher hervor. Die gerade bei äußerst komplexer Musik so unentbehrliche Eigenschaft, den Satz plastisch darzustellen, die inneren Strukturen ins Klingende zu übersetzen, eignet dem Arditti-Quartett bei aller Hingabe an die Expressivität des Werks in hohem Maße: Für den Hörer bleibt das Geschehen stets nachvollziehbar, die einzelnen Schichten sind klar voneinander abgesetzt.

Im dritten und vierten Satz des Quartetts durchbricht Schönberg die Gattungskonventionen, indem er dem Streicherapparat eine Sopranistin zur Seite stellt. Die Aufgabe, den von extremen Registerwechseln und undankbaren Intervallkonstellationen beherrschten Gesangspart zu bezwingen, übernimmt Franziska Hirzel, die durchweg durch schlichte, aber dennoch ausdrucksstarke Gestaltung beeindruckt und die sängerische Problematiken mit Leichtigkeit zu meistern scheint. Entscheidend aber ist das Zusammenwirken des Ensembles als Ganzes: Den fünf Musikern gelingt das Kunststück, die beiden Klangkörper Stimme und Streicherapparat nicht als getrennte Elemente, sondern als kammermusikalische Einheit zu behandeln. So erhebt sich Hirzels Sopran bei der beginnenden Phrase der Georgeschen ‚Litanei‘ (‚Tief ist die Trauer, die mich umdüstert …‘) gerade nicht über das übrige Geschehen, sondern fügt sich in den Quartettklang fast unhörbar ein; nicht als Widerpart zum scheinbar in sich vollständigen Streicherklang, sondern tatsächlich als fünftes Instrument tritt sie in Erscheinung. An der polyphonen Struktur des Werkes partizipiert sie mal als begleitende, mal als hervortretende Stimme. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Hirzel naturgemäß als einzige mit Text hantiert: Auch die Rolle des Textes nämlich ist keineswegs (nur) die einer klaren Wortaussage, sondern die Gedichte übernehmen durch ihre spezifischen Vokalfolgen bei Schönberg konkrete klangliche Funktionen. Diese Konstellationen gilt es zu durchschauen, und an der Art und Weise, wie in der Interpretation des Arditti-Quartetts ein fremder Klangkörper in die Musik integriert wird, lässt sich das hohe Reflexionsniveau des musikalischen Vortrags allemal stichhaltig festmachen.

Die Erfahrung des Arditti-Quartetts im Bereich der Zweiten Wiener Schule schlägt sich gleichermaßen in Bergs 'Lyrischer Suite' nieder. Neben der Fähigkeit zu rhythmischer Prägnanz, artikulatorischer Genauigkeit und einer Festigkeit des Zeitmaßes, die unerlässlich ist, wenn der Hörer im eng verwobenen Satz das Geschehen noch nachvollziehen soll, beweist das Ensemble viel Verständnis für die Charakteristik des Bergschen Komponierens. Was man an Berg für typisch erklärt – die Wechselwirkung zwischen expliziten, ausformulierten Gestalten und gänzlich unthematischen Passagen –, nutzt das Arditti-Quartett als bestimmendes Prinzip für das ganze Werk: Gestalthaftes trifft auf Gestaltloses in einer Art, die vom Hörer wirklich wahrgenommen werden kann. Die Extreme stehen einander gegenüber, wechseln sich ab oder durchwirken sich; besonders deutlich wird dies, wenn einer der Musiker plötzlich ein Motiv in den Vordergrund rückt, das, wie man erst dann bemerkt, schon seit einiger Zeit vorhanden war, ohne aber thematische Funktion zu besitzen.

Gedrängter und flüchtiger als die ausgedehnte Berg-Suite präsentieren sich die Webern-Sätze op. 5. Mehr noch als bei Schönberg und Berg fällt hier das Gegenüber von lyrisch-expressiv Ausgespieltem und Geräuschhaftem auf; beispielhaft gelingt es dem Ensemble, den ‚schönen‘ musikalischen Ton aus dem Geräusch erst entstehen zu lassen, den Fokus also gezielt auf diesen Gegensatz zu richten.

Die Einspielung des Arditti-Quartetts mag nachdrücklich allen ans Herz gelegt werden, die nach einer beispielhaften Aufnahme dreier repräsentativer Kammermusikwerke der Zweiten Wiener Schule suchen. Was die Zusammenstellung der Stücke nicht zuletzt akzentuiert, sind gewiss die Unterschiede zwischen den drei Komponisten, die bei aller konzeptionellen Gemeinsamkeit doch sämtlich ihren eigenen Weg verfolgten. Das Arditti-Quartett – das wird beim Hören deutlich – widmet sich der facettenreichen Musik mit echter Hingabe, sodass letztlich Neigung und überlegener Kenntnisstand eine glückliche Synthese bilden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Arditti-Quartet spielt: Werke von Webern, Berg & Schönberg

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
bmn
1
15.08.2014
Medium:
EAN:

CD
7629999022447


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Visualisierung von Klang – ein immer grösseres Thema zu Zeiten der medialen Sintflut. Allerdings: sucht man das Mass und versteht sich strikt zur Entfernung von Extremen, gibt zu denken, dass wir den Begriff der Synaesthesie schon lange kennen; denn um diesen geht es: um die Vermittlung der verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen und zwar zu je idealem Anteil – Hegel würde sagen: das „Umschlagen“ des einen ins andere. Von diesem Umschlag geht die praktische Überlegung der Visualisierung von Musik aus; und die richtet sich konsequent gegen die von den Medien heute normierte Art der visuellen Umsetzung von Musik, sprich: klassischer Musik. Denn sie ist empfindlich, zieht sich zurück, wenn man ihr und ihrer Botschaft optisch wehtut. Der Musik-Zuschauer wird von der Musik interpretenzentrisch durch die Art der Visualisierung getrennt und weiss kaum mehr, worum sich die bildlich vorgeführten Akteure bemüht hatten. In sanfteren Fällen wird die Musik bestenfalls zerstreut.

Musik, solche mit Botschaft, braucht Sammlung. Sie teilt sich, zumal die herausfordernde Klassik aus dem Geiste eines Beethoven und seiner Folgen, ohne Sammlung sich nicht mehr mitteilt, vielmehr zerstreut geradezu als Fälschung beim Zuschauer ankommt, dem das reine Hören gleichsam visuell verboten wird. Dem entgegenzuwirken, gab es zu wenige probate Ansätze. Einer ist derjenige, den der Regisseur Jan Schmidt-Garre experimentell mit Beethovens späten Quartetten entwickelt hat: die reale Konzertsituation wird radikal als Ausgangspunkt für eine einzige, konsequente Einstellung genommen, die bildlich - auch durch konzentrierte Ausleuchtung - dergestalt focussiert, dass ein Hör-Bild entsteht, das nur eben das sehen lässt, was man im Konzert wirklich "sieht" oder sehen kann, sozusagen ein ideales Sehen im Hörvorgang zeigt, ideal im Sinne des musikalischen Anspruchs. Hier ist dem Rezipienten zumindest die Möglichkeit gegeben, die Musik im Prozess ihres Gemachtwerdens mit Ohr und Auge in hoher Konzentration wahrzunehmen, ohne die Augen schliessen zu müssen...

Daraus entsteht so etwas wie eine optische "Ästhetik" der Musik im Moment des Vollzugs, im sogenannten Hier und Jetzt. Das Wesen der Musik, ihr Ereignis im "idealen Jetzt", wird dabei zum Mass der Dinge.


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