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Donnerstag, 28. Oktober 2021

Wagner, Richard - Lohengrin

Starke Frauen


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser Frankfurter 'Lohengrin'-Mitschnitt ist in die unübersichtliche Menge an Aufnahmen dieses Werks einzureihen.

Diese Livemontage des Frankfurter 'Lohengrins' von März und April 2013 ist mit Sicherheit keine Offenbarung, aber es gibt etliche Veröffentlichungen, die weitaus weniger überzeugen. Was dem Hörer hier auf drei CDs als Dokumentation einer in sich stimmigen Aufführungsserie geboten wird, ist gerade hinsichtlich der Orchester- und Chorleistung von erstklassiger Qualität. Auf der Solistenseite bleiben leider Wünsche offen.

Betrachtet man die Aufführungsfotos, die das informative und ansprechend gestaltete Beiheft aufwerten, hätte man nicht übel Lust, diese Aufführung auf DVD verfolgen zu können – vorausgesetzt man erwartet keinen silbernen Schwanenritter und mittelalterliche Ausstattungs-Romantik. Das Label Oehms Classics hat sich aber entschieden, die Frankfurter Produktion als akustisches Erlebnis zugänglich zu machen. Auf szenische Präsenz und darstellerische Qualitäten muss man daher verzichten. Ein paar wenige Bühnengeräusche erhalten aber die knisternde Liveatmosphäre, der Applaus am Ende jeden Aktes entschädigt für die fehlende Optik. Zudem ist dieser 'Lohengrin' klangtechnisch ein purer Genuss. Den Tontechnikern ist das Kunststück gelungen, trotz deutlich spürbarer Livesituation, einen transparenten und wunderbar ausbalancierten Raumklang zu erreichen, der den Hörer sich unmittelbar im Opernhaus wähnen lässt.

Hohe Textverständlichkeit

Ein weiterer Pluspunkt dieses 'Lohengrins' ist die enorme Textverständlichkeit aller Solisten – mit Ausnahme des Telramunds von Robert Hayward. Auch er ist stets bemüht um seine Artikulation, und dennoch fällt er seines englischen Akzents wegen aus dem Rahmen, auch weil ihm Wortendungen entgleiten oder gar Vokale verwechselt werden. Zudem scheint es, als kämpfe Robert Hayward mit der Tessitura seiner Partie. Die Tonproduktion ist unstet, die Höhe mit enormer Kraftanstrengung erkämpft. Auf der anderen Seite kommt sein vokaler Grenzgang auch dem getriebenen Charakter Telramunds zugute. Bei Hayward klingt er immer wieder wie am Rande des Wahnsinns, von Beginn an wissend zum Tode verurteilt.

Michael König ist in der Titelpartie nicht gerade typisch besetzt. Sein lyrisch fundierter Tenor stößt zum Beispiel am Ende des zweiten Aktes deutlich an seine Grenzen und auch im letzten Bild des dritten Aktes drückt man ihm noch vor dem CD-Player die Daumen, er möge diese Tour de Force unbeschadet überleben. Er überlebt, mehr noch: Er beeindruckt in vielen Passagen mit seiner Legatokultur, den zarten Farben und der natürlichen Textbehandlung. Michael Königs Lohengrin ist zerbrechlicher und zugleich menschlicher als das bei anderen Rollenvertretern der Fall ist. Wo andere mit Strahlkraft, purer Tonschönheit oder vokaler Unerschütterlichkeit den Hörer in die Knie zwingen, muss dieser Frankfurter Lohengrin alle Register ziehen, um mit Sanftheit und Verletzlichkeit zu überzeugen.

Elsa und Ortrud machen das Rennen

Der Elsa von Camilla Nylund sind solche Grenzsituationen fremd. Ihr Rollenporträt ist unzählige Male international getestet und auch auf Tonträger schlicht entwaffnend. Mit üppiger Farbgebung, herrlichen Piani und endlosem Atem ist sie der unumstrittene Star dieses Mitschnitts. Nylund muss keine technischen Schwierigkeiten bewältigen. Sie steht über den Dingen, kann hemmungslos gestalten und sowohl Wagners Musik als auch ihre sehr persönliche Elsa zum Leben erwecken. Da fehlt dem Hörer keine Bebilderung – sie entsteht vielmehr unmittelbar vor dem inneren Auge. Eine kongeniale Partnerin ist ihr in dieser Aufführungsserie die feurige Ortrud von Michaela Schuster, die mit dieser Partie ebenfalls international gefeiert wird. Die Mezzosopranistin besticht aber weniger durch fesselnden Schönklang, sie lebt vielmehr Ortruds Zerrissenheit, ihren Hass, ihre Überzeugungen und versteht es unnachahmlich, diese Inhalte klanglich umzusetzen. Das gerät an wenigen Stellen etwas plakativ, wie in der großen Szene mit Telramund zu Beginn des zweiten Aktes, aber Michaela Schuster gestaltet jede Phrase mit ungemeiner Überzeugungskraft. Schonungslos wirft sie sich in ein Rollenporträt, das dem Hörer das Blut in den Adern gefrieren lässt – und das nicht nur bei den berüchtigten 'Entweihten Göttern! '.

Falk Struckmann hat nach Jahren als Telramund nun zur hohen Basspartie des König Heinrich gewechselt. Er entledigt sich dieser Aufgabe mit kraftvollem Einsatz und Eloquenz. Seine Stimme klingt wesentlich frischer als die seines Fachkollegen Hayward, wenngleich ihm nicht sonderlich viele Farben zur Verfügung stehen. Sein Rollenprofil bleibt aber bis zum letzten Auftritt spannend, weil eben kein balsamisch orgelnder, väterlich weiser Bassist den großstimmigen König gibt, sondern ein wirklicher Krieger dem Gericht vorsteht, der zufällig eine Krone trägt. Als Heerrufer macht Daniel Schmutzhard mit markantem Bariton und vorbildlicher Diktion auf sich aufmerksam.

Am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters entpuppt sich Bertrand de Billy zwar nicht als überraschender Klangzauberer, aber erstklassiger Dirigent und Wagner-Kenner mit Charisma. Seine Tempi fügen sich organisch in den Sprachfluss von Wagners Dichtung, er gibt den Sängern Möglichkeit zur stimmlichen Entfaltung, zieht aber im rechten Moment die Zügel wieder straff. Soweit das in einem tontechnisch aufpolierten Mitschnitt einschätzbar ist, deckt er auch die Solisten niemals zu, findet die optimale Balance zwischen Bühne und Graben. Am Vorspiel zum ersten Akt könnte man sich ohne Frage berauschen und auch der fabelhafte Chor und Extrachor der Oper Frankfurt legen die Messlatte dieses Mitschnitts hoch.

Dass dieses Niveau nicht alle Mitwirkenden halten können, entwertet diesen 'Lohengrin' nicht im Geringsten, es reiht ihn aber in die mittlerweile etwas unübersichtliche Masse an Aufnahmen und Mitschnitten von Wagners 'Lohengrin' ein. Es ist eben ein Livemitschnitt unter vielen, der in einigen Punkten als äußerst gelungen gelten darf, in anderen Punkten deutliche Schwächen aufweist. Vier sichere Pro-Argumente hat er aber: de Billy, Nylund, Schuster und hohe Verständlichkeit. Das ist beileibe kein schlechter Schnitt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Lohengrin

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
3
25.08.2014
Medium:
EAN:

CD
4260034869462


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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