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Freitag, 6. Dezember 2019

Huber, Hans - Werke für Violoncello & Klavier

Generös


Label/Verlag: bmn
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Thomas Demenga und Jan Schultsz bieten eine klangtechnisch herausragende, aber interpretatorisch etwas zu emotionalem Überdruck neigende Deutung dreier Werke für Cello und Klavier aus der Feder des Schweizer Komponisten Hans Huber.

In doppelter Ausführung kommt die vorliegende Aufführung daher – als CD und als Blu-ray Disc, die eine weitaus höhere Auflösung ermöglicht (sowohl in der Klang- als auch der Bildqualität) als die herkömmliche CD (96.000 Hz, 24 Bit PCM Stereo vs. 44.100 Hz, 16 Bit PCM Stereo). Beide Produkte bieten das gleiche Programm, die erste und die vierte Cellosonate Hans Hubers (opp. 33 und 130) sowie die Suite d-Moll op. 89 und die beiden Romanzen op. 30.

Hans Huber (1852–1921) war einer der bedeutendsten Schweizer Komponisten seiner Zeit. Die legendäre Einspielung seiner Sinfonien bei Sterling hat längst seinen damaligen Ruf bestätigt, und auch ein paar CDs mit Kammermusik überzeugen von der Qualität seines zwar nicht avancierten, aber durchaus zeitgemäßen Stils. Die Suite d-Moll op. 89 (1886) verbindet auf das Glücklichste die Traditionen Schumanns, Brahms‘ und Griegs, mit herrlichen Kantilenen, großen Spannungsbögen, warmer Lebhaftigkeit und charmantem Humor. Hierbei ist es wichtig, die Musik nicht übertrieben stark mit Emotion zu überfrachten. Hier zeigt sich einmal mehr, wie schwer das scheinbar geradezu Leichte ist, wenn man es ernst nehmen muss, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen (siehe besonders das Ende der Suite). Die beiden Romanzen op. 30 (1877) sind im Grunde lyrische Stücke im Grieg‘schen Sinne, denen ein vergleichbarer ‚leichter’ Zugriff gut ansteht.

Ob in CD- oder Blu-ray-Format – die Aufnahmequalität der Produktion (in Zusammenarbeit mit Radio SRF 2 Kultur) ist exzeptionell, die Räumlichkeit der Einspielung für manches Wohnzimmer vielleicht zu präsent (ist der Nachhall der Aufnahme original oder hinzugemischt?). Auf die Intimität, die manch andere Kammermusikeinspielung auszeichnet, wird hier bewusst verzichtet. So erheben sich vor unserem äußeren und inneren Auge andererseits die beiden Musiker, beide zu den renommiertesten Kammermusikern der Schweiz gehörig, und bieten uns die vier Werke in Interpretationen dar, die wegen ihrer Klangakustik vielleicht nicht von allen als ideal angesehen werden mögen, die aber in ihrer rein künstlerischen Eigenart als mehr als beachtlich bezeichnet werden dürfen. Thomas Demenga ist zu Recht derzeit der bekannteste Cellist der Schweiz, Jan Schultsz hat sich gleichermaßen als Klavierpartner und Dirigent profiliert. Dennoch treffen beide Interpreten Hubers Tonfall nicht ganz exakt. Demenga, ein Meister der Virtuosität und der großen Emotion gleichermaßen, ist in Hubers ‚Musik des Understatement’ der Suite d-Moll denn doch nicht ganz zu Hause. Schultsz scheint sich in diesem Metier wohler zu fühlen, wenn ihm auch die unterschwellige Virtuosität, die das Werk erfordert, ein wenig abgeht – er spielt zwar alles, was im Notentext steht, doch eröffnet er im Ohr des Hörers keine zusätzliche Perspektive (was anderen Interpreten vielleicht gelungen wäre). Ähnliches ist über die beiden Romanzen zu sagen, deren Ton Demenga und Schultsz nicht treffen: Aus einem melancholisch verhangenen lyrischen Stück werden auch hier hochexpressive Piècen, die von dem Komponisten so nicht intendiert waren.

Die kraftvolle viersätzige Sonate D-Dur op. 33 (1878) steht Schumann und Brahms nicht fern, eröffnet gleichzeitig Ausblicke auf Reger. Auch hier müssen sich musikalisch und interpretatorisch die Intentionen überlagern – und Demenga und Schultsz verstehen Huber schlicht etwas anders als der Rezensent, als einen emotionalen Komponisten, dem man mit großer Geste und großer Emotion beikommen kann. Vielmehr scheint mir aber die Unterordnung des Interpreten unter die Musik zielführend zu sein. ‚Es steht alles da’, wie ein kluger Kopf einmal äußerte, ‚alles, was hinzugefügt wird, ist unnötig’. Nur ist es eben schwierig, gerade bei unbekanntem Repertoire, sich und das, was im Notentext niedergelegt ist, in Einklang zu bringen. Hier jedenfalls werden Hubers klare Linien gleich mehrfach durchbrochen, durch Rubati ebenso wie durch überspitztes Vibrato oder nicht ganz passende Portamenti.

Da scheint die 1909 entstandene Sonate B-Dur op. 130 den beiden Musikern besser zu liegen – insbesondere Demenga scheint sich hier um so vieles wohler zu fühlen als in den anderen Werken der CD, findet ganz den rechten Ton inniger Melancholie mit einem Hauch Verzweiflung. Umso überraschender ist es, dass hier das Klavier aufnahmetechnisch immer wieder etwas ‚zurückgefahren’ ist, gerade in einer Komposition, in der die beiden Instrumente sehr viel gleichberechtigter sind als in den früheren Werken. So gelingt auch hier leider nicht ganz die Referenzeinspielung des Werks, diesmal aber nicht aus interpretatorischen, sondern aufnahmetechnischen Gründen.

So ‚hochaufgelöst’ die Einspielungen geboten werden, so erbärmlich ist die Covergestaltung geraten. Noch nie habe ich ein unabsichtlich derart verpixeltes Coverfoto gesehen – ein indiskutabler Fauxpas gerade mit Blick auf den Anspruch der Blu-ray. Ansonsten ist das Booklet insgesamt zuverlässig. Nur die in Schwarzweiß abgebildete Büste des Komponisten aus dem Jahre 1922 kommt durch den Verzicht auf Farbe überhaupt nicht zur Geltung. Auch stimmt bedenklich, dass den Interpreten im Booklet mehr Platz eingeräumt wird als dem Komponisten und seinem Schaffen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Huber, Hans: Werke für Violoncello & Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
bmn
1
15.08.2014
Medium:
EAN:

CD
7629999022454


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Blu-rayTM Audio

Die Blu-ray Audio Disc ist technisch gesehen eine ganz normale Blu-ray Disc und lässt sich auf jedem Blu-ray-Player abspielen im Gegensatz zur SACD. Allerdings enthält sie keinen Videoinhalt. Die hohe Speicherkapazität wird für hoch auflösende Audiodaten (Stereo PCM 24 bit/96 kHz) genutzt. Bedient wird sie wie eine herkömmliche CD.

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Visualisierung von Klang – ein immer grösseres Thema zu Zeiten der medialen Sintflut. Allerdings: sucht man das Mass und versteht sich strikt zur Entfernung von Extremen, gibt zu denken, dass wir den Begriff der Synaesthesie schon lange kennen; denn um diesen geht es: um die Vermittlung der verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen und zwar zu je idealem Anteil – Hegel würde sagen: das „Umschlagen“ des einen ins andere. Von diesem Umschlag geht die praktische Überlegung der Visualisierung von Musik aus; und die richtet sich konsequent gegen die von den Medien heute normierte Art der visuellen Umsetzung von Musik, sprich: klassischer Musik. Denn sie ist empfindlich, zieht sich zurück, wenn man ihr und ihrer Botschaft optisch wehtut. Der Musik-Zuschauer wird von der Musik interpretenzentrisch durch die Art der Visualisierung getrennt und weiss kaum mehr, worum sich die bildlich vorgeführten Akteure bemüht hatten. In sanfteren Fällen wird die Musik bestenfalls zerstreut.

Musik, solche mit Botschaft, braucht Sammlung. Sie teilt sich, zumal die herausfordernde Klassik aus dem Geiste eines Beethoven und seiner Folgen, ohne Sammlung sich nicht mehr mitteilt, vielmehr zerstreut geradezu als Fälschung beim Zuschauer ankommt, dem das reine Hören gleichsam visuell verboten wird. Dem entgegenzuwirken, gab es zu wenige probate Ansätze. Einer ist derjenige, den der Regisseur Jan Schmidt-Garre experimentell mit Beethovens späten Quartetten entwickelt hat: die reale Konzertsituation wird radikal als Ausgangspunkt für eine einzige, konsequente Einstellung genommen, die bildlich - auch durch konzentrierte Ausleuchtung - dergestalt focussiert, dass ein Hör-Bild entsteht, das nur eben das sehen lässt, was man im Konzert wirklich "sieht" oder sehen kann, sozusagen ein ideales Sehen im Hörvorgang zeigt, ideal im Sinne des musikalischen Anspruchs. Hier ist dem Rezipienten zumindest die Möglichkeit gegeben, die Musik im Prozess ihres Gemachtwerdens mit Ohr und Auge in hoher Konzentration wahrzunehmen, ohne die Augen schliessen zu müssen...

Daraus entsteht so etwas wie eine optische "Ästhetik" der Musik im Moment des Vollzugs, im sogenannten Hier und Jetzt. Das Wesen der Musik, ihr Ereignis im "idealen Jetzt", wird dabei zum Mass der Dinge.


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