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Sonntag, 20. Oktober 2019

Brahms, Johannes - Sonaten für Cello und Klavier

Primat des Wohlklangs


Label/Verlag: Gramola
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In den Cellosonaten von Brahms und Grieg stellen Ádám Jávorkai und Clara Biermasz herausragende instrumentale Qualitäten unter Beweis, lassen es aber an kammermusikalischer Plastizität fehlen.

Mit ihrer beim Label Gramola erschienenen Einspielung der Sonaten für Cello und Klavier von Johannes Brahms (Nr. 1 in e-Moll) und Edvard Grieg präsentieren der Cellist Ádám Jávorkai und die Pianistin Clara Biermasz sich als hervorragende Instrumentalisten, die jeder spieltechnischen Anforderung gewachsen sind. Die zahlreichen Wettbewerbserfolge und Auszeichnungen, die die Lebensläufe der beiden jungen Künstler schmücken, erscheinen dementsprechend allemal gerechtfertigt. Auch wäre zu erwähnen, dass mindestens Jávorkai bereits auf eine beeindruckende Diskografie zurückblicken kann und es sich bei der Aufnahme mit Biermasz keineswegs um eine Debüt-Platte handelt.

Umso mehr zu bedauern ist vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass die Interpretation beider Sonaten an einem entscheidenden klanglichen Missverhältnis krankt: Durch die völlige Zurücknahme des Klaviers, die wohl ebenso aus ausführungs- wie aus aufnahmetechnischen Maßnahmen resultiert, lässt sich der Part der Pianistin auch dort nur als begleitend wahrnehmen, wo er es gerade nicht ist, während das Cello unabhängig von satztechnischen Hierarchien das Geschehen fast ausschließlich dominiert. Gemessen an dem an sich beträchtlichen Niveau, auf dem die Künstler sich bewegen, mutet dieses Ungleichgewicht verwunderlich an. Beide Werke, insbesondere aber die diskursiv durchgestaltete Brahms-Sonate, leben von ihrer kammermusikalischen Konzeption; wo diese aber durch unangemessenes Solist-Begleiter-Verhältnis kategorisch eingeebnet wird, da wird ihre Konzeption letztlich unterlaufen. Als dem musikalischen Satz immanentes Prinzip kann das Versäumnis klanglicher Ausgewogenheit auf Dauer durch die großartigen Momente, die die Einspielung durchaus in sich birgt, nicht kompensiert werden.

Jenseits aller kritischen Betrachtung präsentiert sich der Beginn des Kopfsatzes von Brahms‘ e-Moll-Sonate op. 38 als besonderer Hörgenuss, wenn Jávorkai das lyrische Hauptthema in jenen vollen, runden und satten Celloklang einbettet, der sein Spiel durchweg prägt. Aber auch ein so ausnehmend schöner Ton wie der Jávorkais muss sich im musikalischen Geschehen an die Gegebenheiten des Satzes anpassen können, und wenn der Cellist beim thematischen Einsatz der Klavierstimme genauso weiterspielt, als gestalte er noch immer die Hauptstimme, wird für den Hörer das strukturelle Verständnis der Musik unnötig erschwert. Clara Biermasz beeindruckt von Anfang an mit weicher, kontrollierter, aber auch zu Schärfe und Prägnanz fähiger Tongebung und wohltuend sparsamer, exakter Pedalisierung, was ihre permanente Zurückgenommenheit umso beklagenswerter erscheinen lässt. Insbesondere den bei Brahms so gewichtigen Klavierbass wünscht man sich satter und tragender; die Fortepassagen des gewiss insgesamt sehr introvertierten Kopfsatzes geraten ein wenig blass. Im Mittelsatz, dem 'Quasi-Menuetto', zeigen Biermasz und Jávorkai feines Gespür für den klassizistischen Charakter, die Leichtigkeit und Noblesse des Stücks, lassen es aber auch hier an deutlicher Darstellung hierarchischer Verhältnisse fehlen. Ausgewogener wirkt die finale Fuge, in der beide Interpreten souverän ihre spieltechnische Überlegenheit unter Beweis stellen. In der Tat müsste man den Künstlern, betrachtete man ihre Stimmen isoliert voneinander, nahezu das Attribut der Perfektion zusprechen, so wohlplatziert, sauber und klar präsentiert sich jeder Ton. Das Bemühen um Phrasengestaltung, um dynamische Entwicklungen und um exaktes Zusammenspiel ist hör- und spürbar. Trotzdem passiert aufs Ganze gesehen einfach zu wenig; es scheint, als verböte das Streben nach Wohlklang den Interpreten die Freude am Risiko, an einer Rauheit des Zugriffs, die vielleicht auch stören kann, statt nur zu gefallen.

Obgleich sich in Griegs a-Moll-Sonate op. 36 die Zurückgenommenheit des Klaviers fortsetzt, erscheint das Versäumnis, das Verhältnis von Haupt- und Nebenstimmen adäquat zur Darstellung zu bringen, hier weniger eklatant als in Brahms‘ dicht gearbeitetem Satzgefüge. Der Wunsch nach mehr Aktion, nach mehr ‚Ereignissen‘, die aufhorchen lassen, statt sich der Hörererwartung anzupassen, bleibt jedoch auch in Griegs Komposition weitgehend unerfüllt. Der exzessiven Steigerung zu Beginn des ersten Satzes mangelt es an Kühnheit und brodelnder nordischer Düsternis; hier bedingt wohl auch die Tempowahl den etwas statischen Charakter, den die Musik gewinnt. Es existiert grundsätzlich ein Unterschied zwischen einer Festigkeit des Tempos, die sentimentalen Entgleisungen vorbeugt, und einer Festigkeit, die das Geschehen zum Erliegen bringt; und in der Anfangssteigerung des Grieg-Kopfsatzes geben Jávorkai und Biermasz dem akuten Vorwärtsdrang der Musik zu wenig nach. Einem Stück, das nicht kleinteilig-verschachtelt, sondern eher mit breitem Pinsel gezeichnet wurde, tut diese Tendenz zum Ausbremsen nicht gut.

Im zweiten Satz, dessen nach und nach leidenschaftlicher bewegtes Wogen von beiden Künstlern im Grunde sehr schön ausgesungen wird, vergibt Biermasz die Chance, das Anfangssolo zur Darbietung ihres eigentlich weichen Tons zu nutzen, indem sie die Harmonien kaum ins Verhältnis setzt und zu viele Einzelimpulse gibt, obwohl sie sonst durch überlegte Phrasengestaltung auffällt. Die Interpreten schaffen dabei auch ein Missverhältnis zwischen der neutralen Themenwiedergabe der Pianistin und Jávorkais satter Klangbehandlung in der Reaktion auf die Klavier-Phrase: Die Instrumente erwecken so den Eindruck zweier isolierter Klangkörper, die miteinander in keiner Beziehung stehen. Das Finale schließlich macht wieder wett, was die beiden im Kopfsatz an Tempogefühl einbüßten: Der Satz wird äußerst rasch genommen. Hier gelingt Biermasz und Jávorkai in der Tat eine exzellente Verwirklichung der tänzerischen Leichtigkeit dieser volkstümlich eingefärbten Musik, die es nicht an fesselnder Gestaltungskraft fehlen lässt.

Letztlich stellt sich die Frage nach der Intention einer Einspielung, die zwei häufig (ein-)gespielte traditionelle Werke wie Brahms‘ e-Moll-Sonate und Griegs a-Moll-Sonate in den Fokus nimmt. Wer sich hier nicht innovativ zeigt, muss in Kauf nehmen, dass die Aufnahme sich einreiht in einen Plattenkanon, innerhalb dessen sie weder stört noch zum ästhetischen Maßstab wird. Als vorzügliche Interpreten mit immensen instrumentalen Fertigkeiten, mit Wettbewerbserfolgen und der damit verknüpften Reputation stehen Jávorkai und Biermasz alle Türen für eine aufsehenerregende, spannungsvolle Einspielung offen. Was an der vorliegenden negativ auffällt, sind mangelnde Durchsichtigkeit der hierarchischen Strukturen im kammermusikalischen Satz und fehlender Mut für die Kreation einer Interpretation, die auch für Reibung statt nur für Hinnahme des zu Erwartenden sorgt. Nichtsdestoweniger geben Jávorkais wirklich ausnehmend warmer und schöner Celloton in Verbindung mit Biermasz‘ stets rundem, klar durchartikuliertem Klavierklang einigen Anlass zu Freude und Genuss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sonaten für Cello und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Gramola
1
07.04.2014
Medium:
EAN:

CD
9003643990340


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Gramola

Gramola wurde im Jahr 1924 als Detailgeschäft und Vertrieb der beiden englischen Plattenlabels „Gramola“ und „His Master’s Voice“ gegründet. Durch den damaligen Vertrieb dieser Labels ist eines der ganz wenigen, weltweit noch existierenden Originalbilder des legendären, der Stimme seines Herrn lauschenden Hundes „Nipper“ noch heute im Geschäft zu besichtigen. Das Unternehmen ist heute das älteste Tonträgergeschäft Österreichs und arbeitet inzwischen als Familienbetrieb in der fünften Generation. In internationalen Rankings um das beste Klassikfachgeschäft der Welt nahm Gramola mehrmals Spitzenränge ein. Das denkmalgeschützte Geschäftslokal in Wien am Graben wurde nach einem Jugendstilentwurf von Dagobert Peche in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaut.

Vor etwa 10 Jahren wurde bei Gramola die Produktion von Klassik-CDs wieder aufgenommen und konnte seither durch seine international vielfach ausgezeichneten Produktionen den allerhöchsten Qualitätsstandard österreichischer Musikschaffender nachdrücklich unter Beweis stellen. Gramola-CDs sind inzwischen in allen klassikinteressierten Ländern zwischen Tokyo und New York zu haben. Ergänzt wird das Gramola-Angebot durch ein Webshop, das rund um den Kalender bereitsteht, Kundenwünsche auch außerhalb regulärer Ladenöffnungszeiten zu erfüllen.


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