> > > Wagner, Richard: Die Meistersinger von Nürnberg
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wagner, Richard - Die Meistersinger von Nürnberg

Phantastik und Gewalt


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Stimmig inszeniert, aber musikalisch nicht in allen Belangen überzeugend: 'Die Meistersinger von Nürnberg' bei den Salzburger Festspielen.

Anlässlich des 200. Geburtstags von Richard Wagner nahmen die Salzburger Festspiele ausnahmsweise ein Werk des Jubilars in ihren Sommerspielplan 2013 auf: Man entschied sich für 'Die Meistersinger von Nürnberg'. Die Oper selbst und ihre Rezeptionsgeschichte sind ideologisch kontaminiert; dem geht Regisseur Stefan Herheim geschickt aus dem Weg. Die Handlung verlegt er in die Zeit der Romantik und des Biedermeier (Kostüme: Gesine Völlm). Hans Sachs wird hier zum Schöpfer des Geschehens, er scheint es zu träumen. Er komponiert das Vorspiel zum ersten Aufzug, während es erklingt; baut mit Spielklötzen die Stadt Nürnberg auf; zieht den Vorhang zu, auf dem sein Schreibtisch zu sehen ist, der immer größer und schließlich zur Katharinenkirche wird. Michael Volle ist das Kraftzentrum der Inszenierung: Er gibt den Schuster kernig, stimmlich markant, wenn auch zunehmend angestrengt in der Höhe; das ‚Wahnlied’ gerät abgründig.

Die verblüffenden, exzellent umgesetzten szenischen Effekte und das detailreiche Bühnenbild (Heike Scheele) machen die Figuren zu Zwergen. Da begegnen übergroße Exemplare von ‚Des Knaben Wunderhorn’ und ‚Grimms Märchen’, und am Ende des zweiten Aufzugs paradieren Märchenfiguren über die Bühne, bevor es bei der ‚Prügelfuge’ zum Tumult kommt. Überhaupt wendet die Inszenierung Gewalt und Chaos als Kehrseiten von Ordnung und Bürgertum ins Spielerische, ins Märchen und in den Slapstick. Die Gewalt, gleichsam mit Schnörkeln versehen, bleibt gleichwohl präsent. Geprügelt wird auch hier. Walther Stolzing hat seinen Degen schnell zur Hand, Pogner haut seiner Tochter zum Paukenschlag auf die Schulter.

Die Personenführung überzeugt ebenso wie die Lichtgestaltung (Olaf Freese) und die Videoregie. Das Konzept der Inszenierung geht über weite Strecken auf. Ein Panoptikum wird vorgeführt, das mit seinem Amalgam aus Phantastik und Gewalt als spezifisch oder klischeehaft ‚deutsch’ erscheinen mag. Es gibt viele schöne Einfälle in Herheims 'Meistersingern': Zum Beispiel das Duell zwischen Beckmesser und Stolzing, wenn der eine Kreidestriche auf einem Buchrücken markiert, während der andere mit Degenstichen die Luft durchlöchert.

Leider lahmt das Finale, die Regie scheint den Faden zu verlieren. Nach dem Aufmarsch der Meistersinger auf der Festwiese setzt Sachs, allein im Lichtkegel, sich ein Diadem auf, das zuvor auf der Büste Wagners (als Teil eines Triumvirats mit Goethe und Beethoven) platziert war. Daran geht er zugrunde, er wacht auf. Beckmesser hatte an der Feier nicht teilgenommen, triumphiert jetzt aber als deutscher Michel und Karikatur von Sachs und behält so gleichsam das letzte Wort.

Wagners bleierner Komik, bei der die Scherze auf fremde Kosten gehen, begegnet die Regie mit Pfiff. Das Ensemble legt Spielfreude an den Tag. Roberto Saccà gibt den Stolzing mit ungestümer Kraft. Dabei schießt er gelegentlich über das Ziel hinaus, dann tönt sein Gesang zu laut und zu hart. Markus Werba zeichnet den Beckmesser als einen, den Ingrimm und Eitelkeit antreiben und der dennoch fast sympathisch wirkt; gegen Ende der Oper verliert sein runder Bass an Deutlichkeit. Georg Zeppenfeld als Veit Pogner besticht mit weicher Phrasierung und noblem Zug. Tobias Kehrer lässt den kurzen Moment des Nachtwächters leuchten. Anna Gabler gibt eine verletzliche Eva; ihr Gesang ist solide, manchmal übertourig. Die von Ernst Raffelsberger einstudierten Chöre kommen kompakt und frisch daher.

Die Orchesterleistung ist recht unausgeglichen. Die Wiener Philharmoniker unter Daniele Gatti musizieren einerseits mit viel Schwung und Kraft, präsentieren den altfränkischen Kontrapunkt geschmeidig und können donnern. Mysteriös klingt die Abendstimmung am Beginn des zweiten Aufzugs (toll die Hörner); beim Vorspiel zum dritten ist das Klanggewand dicht gewoben, das Blech wunderbar weich. Das Zitat aus 'Tristan und Isolde' setzen die Wiener mit Volle gleichsam in Anführungszeichen. Andererseits schwanken die Tempi, auch könnte die Begleitung der Sänger sensibler sein: Bei der ‚Prügelfuge’ droht dem Dirigenten die Koordination zu entgleiten. Nicht immer ist die musikalische Interpretation der Szene gewachsen.

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Die Meistersinger von Nürnberg

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
2
07.07.2014
Medium:
EAN:

DVD
880242726889


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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