> > > Wagner, Richard: Der fliegende Holländer
Sonntag, 29. März 2020

Wagner, Richard - Der fliegende Holländer

Triste Lebenswelten


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme der aktuellen Inszenierung des 'Fliegenden Holländers' von den Bayreuther Festspielen bietet musikalischen Genuss und eine gut gemachte, wenngleich nicht allzu inspirierte Inszenierung.

Als eines der früheren Werke Richard Wagners steht 'Der fliegende Holländer' noch weitgehend in der Tradition der romantischen Oper, wie sie dem Publikum etwa durch Carl Maria von Webers 'Freischütz' bekannt ist. Die vorherrschende Thematik, welche von den Librettisten und Komponisten der romantischen Oper immer wieder unter verschiedenen Aspekten verarbeitet wurde, lässt sich umreißen als die Begegnung des Menschlichen mit dem Übersinnlichen, mit einer Geisterwelt, die hier vom Holländer und seiner Schiffsmannschaft repräsentiert wird. Im 'Fliegenden Holländer' vermischen sich dabei die Eindrücke vom Geisterhaften und von den vom Menschen nicht beherrschbaren Naturgewalten des Meeres und des Sturms, als ein Teil derer das Geisterschiff erscheint.

Die Musik Richard Wagners schildert dabei eindrucksvoll diese Naturgewalten. Bei der vorliegenden DVD handelt es sich um eine Aufzeichnung von den Bayreuther Festspielen, welche sich erwartungsgemäß als von entsprechend hoher musikalischer Qualität erweist. Das Festspielorchester unter der Leitung von Christian Thielemann lässt den Zuhörer in einem feinfühlig ausbalancierten Gesamtklang schwelgen, wobei das Zusammenspiel innerhalb des Orchestergrabens ebenso gut abgestimmt ist wie die Interaktion zwischen dem Orchester und den Sängern. Musikalische Entwicklungen werden organisch vollzogen und ineinander übergeleitet, sodass besonders das An- und Abschwellen dynamischer Entwicklungen einen lebendigen Eindruck vom Rauschen des Meeres vermittelt.

Das erlesene Sängerensemble überzeugt durchweg mit Stimmgewalt und differenzierten musikalischen Deutungen. Samuel Youn interpretiert die Partie des Holländers, verschiedene Facetten seiner Stimme auslotend, als einen Mann, der von seiner dunklen Seite angetrieben wird, aber im Innersten empfindsam ist, indem er zwischen einem kraftvollen, abgedunkelten Stimmklang und einer weicheren Einfärbung moduliert. Ricarda Merbeths starke stimmliche Präsenz und die satte dramatische Färbung ihres Soprans verleihen der Figur der Senta ebenfalls eine ergreifende Wirkung. Auch Franz-Josef Selig als Daland und Tomislav Mužek als Erik interpretieren ihre Rollen mit musikalischem Feingespür.

Aufgrund der realistischen Lesart des Regisseurs Jan Philipp Gloger steht die Inszenierung im Kontrast zum romantischen Gestus der Musik. Gloger inszeniert eine durchrationalisierte Welt, deren Bewohner materielle Werte über alles stellen. Die angepassten Charaktere scheinen in dieser Welt durchaus nicht unglücklich zu sein – Daland, der seiner Tochter und nicht zuletzt sich selbst gratuliert, einen reichen Bräutigam ausfindig gemacht zu haben, wirkt ebenso sorglos wie die Seeleute und die albern-heiteren Spinnerinnen, die hier als Fabrikarbeiterinnen dargestellt werden. Holländer und Senta dagegen leiden an dieser oberflächlichen, sinnentleerten Gesellschaft. Der Holländer spukt als metaphorischer Geist auf endlosen Geschäftsreisen umher und muss erleben, dass er mit all seinem Geld nicht kaufen kann, wonach er sich am meisten sehnt, nämlich zur Rast zu kommen. Die grüblerische Senta wiederum wird aufgrund ihrer Empathie für den Holländer, welche geradezu an Obsession grenzt, zur Außenseiterin. Aus Sicht dieser beiden Figuren ist diese Welt trostlos; grau und schwarz sind daher die vorherrschenden Farben der Kostüme und des Bühnenbildes.

Glogers Inszenierung ist in sich konsistent und der Regisseur versteht es, dem Zuschauer mit relativ einfachen Mitteln seine Interpretation zu vermitteln. Auch das Bühnenbild von Christof Hetzer ist schlicht gehalten und schafft zugleich die intendierte Atmosphäre: Nachdem im ersten Akt ein Datenübertragungsgewitter über eine schwarze Wandinstallation jagt, wodurch die Rastlosigkeit des Holländers widergespiegelt wird, setzt sich die Handlung in einer Fabrikhalle fort, wo von den Frauen Ventilatoren in Kartons verpackt werden, welche zugleich genutzt werden, um den Bühnenraum zu modellieren. Die Inszenierung ist gut ausgeführt, von der Grundidee her jedoch nicht sonderlich originell, handelt es sich dabei doch um eine eher platte Kapitalismuskritik, welche kaum interessante Denkanstöße liefert.

Im Fazit lässt sich sagen, dass sich diese Aufnahme durch ihr hohes musikalisches Niveau sowie durch eine kurzweilige Inszenierung auszeichnet, welche trotz eher schwacher Grundkonzeption nicht langweilig wird, da sie stets für ein ausgewogenes Maß an Bühnenaktion sorgt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Kritik von Johanna Schubert,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Der fliegende Holländer

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
07.07.2014
Medium:
EAN:

DVD
809478011408


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Opus Arte

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